Boykottierer des Böllerns und Völlerns

30. Dezember 2011, 18:27
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Zum Jahreswechsel bietet sich nur die Chance auf einen Vollrausch und ein Knalltrauma

Das Jahr hat 365 bis 366 Tage (außer in Samoa, dort waren es 2011 nur 364), wichtig sind nur drei. Denn zu Weihnachten, zu Ostern und zum Geburtstag hat man realistische Chancen auf Geschenke. Zum Jahreswechsel bietet sich dagegen nur die Chance auf einen Vollrausch und ein Knalltrauma. Böllern und Völlern, quasi.

Von dieser Einstellung lassen sich die Silvestermuffel wohl leiten - die zur Freude der Feuerwerks-, Glücksbringer- und Sektproduzenten deutlich in der Minderzahl sind. Sieben Prozent der Deutschen verweigern den Jahreswechsel feiernd zu begehen, ergab dort im Dezember 2010 eine Umfrage. Nun haben unsere (norddeutschen) Nachbarn vorurteilsgemäß einen deutlich geringer ausgeprägten Hang zur humorvollen Gemütlichkeit, die Größenordnung könnte in Österreich aber auch hinkommen.

Doch es ist ja auch immer die Frage, ob die Silvestermuffelei nicht auch Ausdruck von Blasiertheit ist, schließlich steht man damit ja über dem tumben Pöbel, der sich vom sozialen Druck dazu bringen lässt, an diesem Tag Fondue zu essen und den Donauwalzer abwarten zu müssen.

Dennoch haben die Verweigerer natürlich auch gute Gründe für ihre Haltung. Den Fernsehabend mit Silvesterstadl, Après Ski Hits-Silvesterparty oder Daniela Katzenberger - Mein 2011 verbringen zu müssen stellt den Sinn des TV-Gerätes natürlich infrage. Und das aufgrund der Böllerei vor Angst zitternde Haustier beobachten zu müssen ist ebenso mäßig unterhaltsam.

Andererseits ist zu bedenken, dass den Verweigerern ja immens wichtige Dinge entgehen: Sie werden in ihrem Leben nie Nichtraucher werden oder abnehmen, da ihnen sämtliche gute Vorsätze abgehen. Mangels der aus giftigem Schwermetall gegossenen Figuren haben sie keine Ahnung, ob 2012 eher der Kauf von Babykleidung oder eines Grabsteines sinnvoll ist. Und ihren Enkeln können sie nicht erzählen, wie das damals beim Jahrtausendwechsel war.

Wiederum ein Punkt für die FeierGegner: Durch Boykott dagegen zu protestieren, dass man sich am 1. Jänner feinstaubmäßig gleich neben einen Auspuff legen könnte, ist eigentlich eine gute Tat. Ebenso wie Ärzten einen geruhsamen Abend zu bescheren, indem man sich die explosionsartige Entfernung von Fingern erspart.

Aber egal, ob Muffel oder nicht - ein gutes neues Jahr hat sich jeder verdient. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

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    Der Silvestermuffel bockt und hat Gründe dafür.

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