Was das neue Jahr wissenschaftlich bringen wird, bringen könnte - und was nicht
Washington/Wien - Man muss kein großer Prophet sein, um vorauszusagen, dass 2012 aufgrund eines falsch interpretierten Maya-Kalenders zumindest massenmedial im Zeichen des Weltuntergangs stehen - und dieser am 21. Dezember 2012 nicht stattfinden wird. Maya-Forscher geben jedenfalls Entwarnung: Am 21. 12. 2012 ändert sich allenfalls ein Zeitabschnitt im Maya-Kalender, ähnlich wie bei uns der Wechsel 1999/2000.
Sicher lässt sich auch sagen, dass das Jahr 2012 einige Zentenarien bringt: Vor hundert Jahren - genau am 7. August 1912 - entdeckte der österreichische Physiker Victor Franz Hess bei einem Ballonaufstieg die Kosmische Strahlung und erhielt dafür 1936 den Nobelpreis. Zum hundertsten Mal jährt sich die Geburt des NS- und später US-Raketeningenieurs Wernher von Braun (23. März) und des britischen Mathematikers und Computervordenkers Alan Turing (23. Juni), der unter anderem die vom NS-Regime eingesetzte Verschlüsselungsmaschine Enigma knackte.
Von unterschiedlich hoher Eintrittswahrscheinlichkeit sind die Prognosen des Wissenschaftsmagazins "Science" für 2012. Mit ziemlicher Sicherheit wird sich entscheiden, ob das Higgs-Boson existiert. Wenn alles nach Plan läuft, wird der Teilchenbeschleuniger LHC ab dem Frühling so viele Daten liefern, dass es 2012 ein sicheres Ergebnis geben wird.
Unklarer ist auch für "Science", wie das Rätselraten um die Geschwindigkeit der Neutrinos ausgeht, die laut Cern-Messungen schneller unterwegs sind als die Lichtgeschwindigkeit. Mögliche Antworten werden durch das US-Kontrollexperiment Minos bereits Anfang des Jahres erwartet. Dabei werden Neutrinos 735 Kilometer weit von Illinois nach Minnesota geschickt.
Etwas länger unterwegs ist die Marssonde "Curiosity", deren Mission bis zur geplanten Landung auf dem Roten Planeten im August 2012 voraussichtlich 2,6 Milliarden US-Dollar gekostet haben wird. Was sie bringt, bleibt offen. Zu hoffen ist, dass die 900 Kilogramm schwere Sonde einigermaßen sanft auf der Oberfläche aufsetzt, damit sie nicht ähnlich stark ramponiert wird wie ihre japanische Vorgängerin "Hayabusa" im Jahr 2010.
Mit großer Gewissheit lassen sich jedenfalls zwei wichtige astronomische Ereignisse 2012 prognostizieren: Eine totale Sonnenfinsternis wird es am 13. November geben. Allerdings muss man dafür nach Australien reisen. Schon am 5. und 6. Juni 2012 findet ein Venustransit statt, also ein Durchgang des Planeten Venus vor der Sonnenscheibe. Das sollte man sich vor allem deshalb nicht entgehen lassen, weil die nächste Chance dazu sich erst wieder am 11. Dezember 2117 bieten wird. Und den werden die meisten von uns - eine letzte Prognose - eher nicht mehr erleben. Prosit! (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 12. 2011 - 1. 1. 2012)