Ist diese Regierung der Krise gewachsen ?

Kolumne | Hans Rauscher, 30. Dezember 2011, 17:59

In dieser Situation fragen sich viele, ob unsere Regierungskoalition den Ernst der Lage begriffen hat und überhaupt die Fähigkeit zu einer schlüssigen Strategie besitzt

Das Jahr 2012 könnte ganz schön haarig werden. Die Gefahr einer weltweiten Rezession oder gar Depression ist keineswegs gebannt. Die letzte Krise 2008/2010 haben wir ganz gut überstanden, nähern uns allerdings den Grenzen der Verschuldungsfähigkeit.

In dieser Situation fragen sich viele, ob unsere Regierungskoalition a) den Ernst der Lage begriffen hat und b) überhaupt die Fähigkeit zu einer schlüssigen Strategie besitzt. Teil 1 ist unter Vorbehalt mit "ja" zu beantworten; die Gefahr, das "Triple A" und damit die Möglichkeit zu sorgloser Weiterverschuldung zwecks Wählerruhighaltung zu verlieren, hat unseren Verteilungspolitikern, Kanzler Faymann an der Spitze, einen gehörigen Schreck eingejagt - zumindest temporär.

Teil 2 ist eher negativ zu beantworten. Die regierende SPÖ und die mitregierende ÖVP sind hauptsächlich zu Klientenbefriedigungsvereinen degeneriert, die SPÖ etwas stärker.

Die einst große Sozialdemokratie weiß nicht mehr, wofür sie auf der Welt ist - außer ihre Kernschicht (Pensionisten, öffentlicher Dienst) zu alimentieren.

Ähnliches gilt für die Volkspartei und ihre Kernwähler (Beamte, Bauern und strukturkonservative, religiös geprägte Wähler im ländlichen Raum). Die ÖVP ist ja nicht mehr die "Wirtschaftspartei" ("Großkapital" auf retro-links). Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer (implizit damit auch der VP-Wirtschaftsbund) sind zutiefst unglücklich mit SPÖ und ÖVP, weil sie dort Dynamik und eine Wachstumsstrategie vermissen. Warum insistiert das "Großkapital" (die Industriellenvereinigung) wohl so sehr auf einer Bildungsreform? Warum kommen die Spekulationen über die Gründung einer wirtschaftsliberalen Partei alle aus dieser Ecke ?

Die geistige Verengung der beiden Parteien (Wo ist die kritische, liberale Intelligenz?) verhindert es auch, die Natur der europäischen Krise zu erkennen. Ja, die Exzesse der Finanzwirtschaft sind mit schuld; aber die tiefere Ursache der Schuldenkrise ist, dass man versuchte, durch Verschuldung wettzumachen, dass die Wertschöpfung, nämlich die industrielle Basis, wegbröckelt.

Für Österreich hat das Wirtschaftsforschungsinstitut schon 2006 in einem "Weißbuch" festgehalten, was unser Problem ist: "Die bisherigen Vorteile im mittleren Technologiesegment gingen an die Reformländer verloren".

Das Wifo hat auch einen Maßnahmenkatalog erarbeitet. Im Wesentlichen geht es darum, mehr in Bildung, Forschung und Qualifikation zu investieren. Die Arbeit müsste steuerlich entlastet werden. Finanziert werden soll das auch durch Steuern auf Vermögen, aber nicht durch "Reichensteuern" ohne wirklichen Ertrag, sondern durch Anhebung der Grundsteuer - was eine Massensteuer wäre.

Seit 2006 ist hier fast nichts geschehen. Inzwischen sind wir von der Diskussion, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten, bei der Frage gelandet, wie wir unsere Kreditfähigkeit erhalten. Das Besteuerungs-und Kürzungsprogramm, das die Regierung jetzt zusammenbastelt, ist notwendig, aber nicht genug. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

Kommentar posten
16 Postings
gerold wallner
00

auch wenn diese regierung der krise noch nicht gewachsen ist, so wird diese regierung der krise mit der größe der aufgaben noch wachsen ...

Toni Meister
00
31.12.2011, 09:24
Gruß von Kollegen Dr. Barazon

" In der maßlosen Gier, die seit den Neunzigerjahren als Wirtschaftsideologie dominiert, rafften die modernen Goldgräber den größten Teil der Gewinne an sich. Vergessen wurde, dass kein Unternehmen Gewinne machen kann, wenn die Konsumenten nichts oder zu wenig kaufen. Und so fraß und frisst der Kapitalismus seine Kunden wie einst die Französische Revolution ihre Kinder.Mit dem Effekt, dass neuerdings wieder Illusionisten von einer Renaissance des Marxismus schwärmen. Der Kommunismus ist und bleibt ein Synonym für ökonomischen Unsinn. Der Kapitalismus ist nun in die gleiche Situation geraten, allerdings nur im Gefolge einer falschen Definition ".

Heinz Anderle
 
00
30.12.2011, 21:16
"Wann der Ulrich Seidl für einen Film eine Bundesregierung castet,...

... könnt's nicht ärger ausfallen." (Thomas Maurer)

Gefangen zwischen Deix und Haderer, Seidl und Spira gibt es kein Auskommen.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

DrBelacqua
17
30.12.2011, 20:36

Ehrliche Frage - nehmen Sie das, was Sie schreiben, ernst? Würden Sie das als "guten Journalismus" bezeichnen?

Aung San Suu Tschi
 
00
30.12.2011, 20:31
Wovor hat man so wahnsinnige Angst? Was bezweckt diese Angst-Mache?

Welche Worte werden hier verwendet:

z.B. negative:

"Schrecken
Gefahr, keineswegs gebannt
retro-links
unglücklich
Dynamik vermissen
wegbröckeln
degeneriert"

z.B. falsche:

"Regierende SPÖ und mitregierende ÖVP"

Es muss hingegen heißen:

Regierende SPÖ und regierende ÖVP.

Die ÖVP trägt die Hälfte der Verantwortung und das seit Jahrzehnten.

"Wo ist die kritische, liberale Intelligenz?"

HIER. Dazu gehört ein Großteil der oft verhöhnten PosterInnen.

z.B. positive:

(Äääh, aber die sind in einer kritisch gemeinten Zeitungskolumne auch nicht zu erwarten.)

z.B. richtige:

Die 2. Erwähnung des "Großkapitals", was eine Anerkennung seiner Existenz bedeutet.

Grundfrage: Gehört Angst-Mache nicht eher zum Repertoire von BILD & Kronenzeitung?

manniat
07
30.12.2011, 20:10

Ich behaupte einfach einmal, dass das keine Krise ist, sondern die Sichtbarwerdung eines riesigen Systemfehlers.

ichbinsofrei.net
01
30.12.2011, 19:51
"Wir" brauchen einen starken Mann,

der die Alten gnadenlos verarmt,
alles privatisiert außer Polizei & Militär,
dereguliert & schön in Schwung bringt,
Arbeitslosenhilfe abschafft,
- und dann rollt der Euro für die, für die er immer schon rollt, rau!
Oder?

Reich sein muss sich lohnen!
04
30.12.2011, 19:48
Ist der Journalismus der Krise gewachsen?

Das fünfte Element
02
30.12.2011, 19:56

Die Krise des Journalismus in AT hat derartige Ausmaße angenommen, dass man sie ob ihrer Größe schon gar nicht mehr wahrnimmt ...

da ist kein medium ausgenommen.

ichbinsofrei.net
00
30.12.2011, 19:48
"Die letzte Krise 2008/2010 haben wir ganz gut überstanden, nähern uns allerdings den Grenzen der Verschuldungsfähigkeit."

Da fällt mir nur eines ein:

"Das Ergebnis von 4 Jahren Krisenbewältigung: „Die Krise ist zurück!“

Zwischendurch soll sie nämlich schon quasi weg gewesen sein. Und nach einer beliebten Lesart ist es auch nicht mehr die Finanzkrise von 2008, sondern eine ganz neue Staatsschuldenkrise. ..."

Lesenswert:

http://www.gegenstandpunkt.com/gs/11/3/g... 047h1.html

4simo
00
30.12.2011, 19:35
Ist diese Regierung der Krise gewachsen ?

Nein!

der schwitzbär der schwitzt sehr
00
30.12.2011, 19:12
die ÖVP hat klugerweise für Österreich vorgesorgt

sie ist nur mißverstanden worden

sie hat fette Honigtöpfe gezüchtet, die im Notfall geschlach.. äh ...

Wie geht's eigentlich dem Verfahren gegen Herrn Strasser ?

Toni Meister
06
30.12.2011, 19:12
Ist die EU-Kommission der Krise gewachsen ?

Sind die USA der Krise gewachsen ?. Ist die Welt der Krise gewachsen ?. Eins ist aber sicher: Die Journalisten sind ihr auch nicht gewachsen.

Die grausame Realität 2011
01
30.12.2011, 21:23
Danke für den letzten Satz.

Irgendwie schädlich dürfte "retro-links" sein, der Begriff kommt nicht nur heute, sondern auch am 28.12. vor (es ging darum, dass die ÖVP erfolgreich wäre, wenn sie Schüssel noch hätte, ihn aber nicht mehr hat). Ebenfalls am 28.12. haben wir gelernt, dass nur die Linken denken (oder die Linken nur denken, dass) der Kapitalismus wäre gescheitert - wobei nach weitschweifigen Ausführungen über die Sowjetunion - ein "Raubtierkapitalismus mit gelenkter Staatswirtschaft und autoritärem bürokratischen Regime" möglicherweise nicht die richtige Lösung ist. Am 27.12. wurde behauptet, dass Gebühren versickern weil manche offenbar dahingehend ein "Gefühl haben".

Klare Aussagen oder gar Recherche: hamma net (tschuldigung, doch: das Bild Philip IV.).

myschkin
00
30.12.2011, 18:51

Im ersten Absatz am Ende diese Korrektur, und dann noch mal ran den Artikel: .... nähern uns allerdings den Grenzen der Kapital und Machtkonzentration.
Die Frage selbst aber mit einem klaren Nein.

blauwal
 
00
30.12.2011, 18:26
journalisten ???

Für Österreich hat das Wirtschaftsforschungsinstitut schon 2006 in einem "Weißbuch" festgehalten, was unser Problem ist: "Die bisherigen Vorteile im mittleren Technologiesegment gingen an die Reformländer verloren".
das hr. rauscher hab ich schon begriffen als ihr qualitätsjournalisten noch jeden globlisierungsschritt bejubelt habt- als ihr jeden wegfall von zöllen bejubelt habt. es ist das gekommen was kommen musste: im billigeren ausland produzieren zu lassen u. bei uns teuer zu verkaufen - ergebnis: ein technologieexport an china, brasilien , indien usw. von ungeahnten ausmass. die büchse der pandorra ist offen u. es gibt kein zurück mehr, d,h. wir werden immer ärmer werden.

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