Michael Landau

"Sozialstaat ist kein verschlankbares Anhängsel"

Interview | 30. Dezember 2011, 17:50
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    foto: standard/cremer

    Es wäre gute Werbung für die Kirche, wenn Christen ein Stück erlöster aussehen würden, meint Michael Landau.

Politiker wüssten oft erstaunlich wenig von der sozialen Realität der Menschen, so der Wiener Caritas-Chef

Standard: Die Caritas hat 2011 in Wien mehr Essen verteilt als je zuvor. Wer versagt da sozialpolitisch?

Landau: Wir müssen aufpassen, dass aus der Wirtschaftskrise keine soziale Krise wird - sichtbare Obdachlosigkeit ist nur die Spitze des Eisbergs. Mein Eindruck ist, dass eine Neiddebatte gegen sozial Schwache angezündet wird. Das Wort Sozialschmarotzer ist eine ideologische Keule derer, die sich vor einer Gerechtigkeitsdiskussion fürchten. Das sind gefährliche, politische Wortmeldungen.

Standard: Glauben Sie, dass man in der derzeitigen Budgetsituation an neuen Steuern vorbeikommt?

Landau: Um Erbschaftssteuer und vermögensbezogene Steuern ist eine sachliche Diskussion zu führen. Das darf kein Tabuthema sein. Ich erinnere daran, dass es bei der Pflege heute schon eine Erbschaftssteuer gibt, die bis zu 100 Prozent beträgt: Wenn jemand das ganze Erbe aufbrauchen muss, bevor er Unterstützung erhält.

Standard: Die Caritas fordert, dass in den Wintermonaten der Strom nicht abgedreht werden darf. Wie weit orten Sie politische Bereitschaft, darüber zu reden?

Landau: Die soziale Dimension von Energiearmut ist noch weitgehend unberücksichtigt. Aber ich habe den Eindruck, dass Energie-Anbieter sensibler werden.

Standard: Ist das Thema Energiearmut nicht die Nagelprobe für eine linke Stadtregierung?

Landau: Jetzt wird geredet, aber für uns zählt am Ende, was herauskommt. Jetzt, wo das Sparpaket konkret wird, sollte klar sein, dass mit geringen Effekten großer Schaden angerichtet werden kann. Es geht darum eine Sozialverträglichkeitsprüfung für jede budgetäre Maßnahme einzuführen. Ich habe Sorge, dass es zu einer Gefährdung des sozialen Friedens kommt.

Standard: In Österreich wird viel gespendet. Ist das auch eine Form der Gewissensberuhigung?

Landau: Das reicht bei vielen tiefer. Wir sehen, dass sich mehr Menschen in unseren Projekten engagieren. Jetzt ist vielleicht auch die Zeit, die Grenzen der Anständigkeit zu diskutieren.

Standard: Ruht sich die Politik auf der Spendenfreudigkeit aus?

Landau: Die Versuchung, Verantwortung abzuwälzen, ist da. Aber der Sozialstaat ist kein beliebig verschlankbares Anhängsel zum Wirtschaftsstandort, sondern notwendiger Ausdruck für die Würde jedes Menschen, eine Investition in das Miteinander.

Standard: Wie viele Spendenaufrufe sind zumutbar?

Landau: Die Menschen sind erwachsen und können selbst entscheiden. Wenn 313.000 in Österreich ihre Wohnungen nicht heizen können, heißt das, Mindestpensionisten, die im Mantel in der Wohnung sitzen, und Kinder, die zu Hause frieren.

Standard: Wie sehr konkurrieren Katastrophen miteinander?

Landau: Es hat lange gedauert, deutlich zu machen, dass am Horn von Afrika wirklich Menschen verhungern. Wo es um soziale Themen geht, sind Politiker oft erstaunlich weit weg von der Realität der Menschen. Wer Mindest- sicherungsbezieher als Sozialschmarotzer diffamiert, hat einfach keine Ahnung. Die Bevölkerung hat oft mehr soziales Gespür.

Standard: Beunruhigt Sie die hohe Zahl der Kirchenaustritte?

Landau: Diese kritische Distanz zur Großinstitutionen ist natürlich eine Anfrage an die Kirche. Wie sehr gelingt es, zu transportieren, dass Glaube etwas mit Freude und innerer Weite zu tun hat? Ich sehe, wie viel in Pfarrgemeinden Tag für Tag geschieht. Die sind für viele Menschen ein letztes Netz der Aufmerksamkeit.

Standard: Warum wird die Kirche nicht anders wahrgenommen?

Landau: Bis heute würde es Christen gut anstehen, wenn sie ein Stück erlöster aussehen würden.

Standard: Wie meinen Sie das?

Landau: Das hat mit innerer Weite und Freiheit zu tun. Ich habe an Kardinal König geschätzt, dass er sich für unterschiedliche Sichtweisen und Menschen interessiert hat. Es geht darum, deutlich zu machen, dass alle willkommen sind.

Standard: Wo positionieren Sie sich beim Kirchenrichtungsstreit?

Landau: Ich glaube, beide Seiten handeln aus Liebe zur Kirche. Das ist die Voraussetzung für einen ehrlichen Gesprächsvorgang.

Standard: Glauben Sie wirklich an Gesprächsbereitschaft?

Landau: Ich bin hoffnungsvoll, auch wenn die Kirche manchmal einen zeitlich anstrengenden Rhythmus hat. Der Zölibat ist irgendwann eingeführt worden und kann auch wieder abgeschafft werden. Es wäre viel gewonnen, die Dinge entspannter, redlicher, nüchterner zu diskutieren. (Andrea Heigl/Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

MICHAEL LANDAU (51) ist Leiter der Caritas Wien. Der katholische Priester hat in Biochemie und Theologie promoviert und trat erst mit 20 in die Kirche ein.

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M. deLind
00
"...Politiker wüssten oft erstaunlich wenig von der sozialen Realität der Menschen..."

Das stimmt doch nicht Herr Landau! Sie wissen nicht wenig sondern schlicht NICHTS.

mike1004
02
Genosse Landau oder

Peppone in den Kleidern Don Camillos

flotter denker
94
Landau hat zu 50% recht.

Falsch ist, dass der Sozialstaat nicht verschlankbar wäre. Ist er natürlich und muss er werden!
Richtig ist, dass er kein Anhängsel ist. Er ist vielmehr ein Klotz am Bein.

M. deLind
00
Was aber würden Sie ohne Sozialstaat machen....

...wenn Sie morgen, nach einem Schlaganfall an Hemiparese und Aphasie leiden??? Oder wenn Sie in eine therapieresistente Depression verfallen oder eine Herztransplantation brauchen? Denken bitte, und dann posten; allenfalls sollten Sie sich auch Länder ohne Sozialsystem anschauen (z.B. Indien, wo der Mensch das wertloseste "Gut" ist....).

die naive
02

Kommt darauf an, was man unter sozial versteht. Es sollte mal breitbandig darüber gesprochen, diskutiert werden. Für mich ist die Ansicht eines Hrn. Landau dazu weniger wichtig als die der Bevölkerung.

http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialstaat

Kuh Yvonne
03

Herr Landau, es ist die "christlich-soziale" ÖVP, die die von Ihnen kritisierten Spaltung der Gesellschaft und die Vorrangstellung der Reichen und Kapitalisten vorantreibt. Ein Geringverdiener oder Sozialfall wird kaum die ÖVP wählen.

Smart Drive
24
31.12.2011, 15:48
Die Kirche hat genug Geld, anstelle das vermögen zu horten wäre es sinnvol dies an die Bedürftigen zu geben.

Zum Thema Spenden:

Wenn Herr Glock 500.000 euro spendet und danach von der Stuer absetzt zahlen wir alle ganz, ganz kräftig mit.

Die forderung der Carirtas ist unverschämt und nicht nachollziehbar.

public observer
 
15
DIESES post...

...ist unzusammenhängend und nicht nachvollziehbar...

didi111
24
31.12.2011, 15:46
Warum nur macht die Kirche selbst nicht mehr gegen Armut?

Die Kirche selbst ist der grösste Immobesitzer in Österreich UND zahlt gleichzeitig keine GRUNDSTEUER.

Sie könnte nun doch von sich aus auf die Idee kommen, das durch diese Steuerbefreiung ersparte Geld für die Armen zu verwenden.

Da gibt es Stifte, Wälder, Sägewerke, welche der Kirche gehören. Unsagbarer Reichtum..

Und dann BETTELN gehen kommt halt nicht so richtig..

rabe nero
02
31.12.2011, 21:35
falsch

schlichtweg falsch. manche klöster haben in österreich ein grösseres vermögen (was damit passiert, wenn es keine nachfolger gibt, ist eine gute frage). aber die kirche selber ist eher arm und muss sparen.

NicoPelikan
12
31.12.2011, 13:05
Blick über den großen Teich - Menetekel für EU ?

http://www.manager-magazin.de/politik/w... 63,00.html

hoffentlich eint sich Europa und kann im internationalen Umfeld den Kurs in Richtung Sozial-Union beibehalten bzw. darauf hinsteuern !

Chien de Pique
01
31.12.2011, 21:34

Was hat das damit zu tun?
Die Rückkehr von Industrie ist eine prinzipiell gute Nachricht.
Der Weg zur Sozial-Union bedeutet für Länder wie Österreicher jedenfalls mit Sicherheit eher eine Absenkung der Sozialstandards und Löhne oder aber einen massiven Einbruch des Konsums durch die Fiannzierung der nötigen Transferunion. Eine Vereinheitlichung wäre aber sowieso nur auf relativ niedrigem Niveau überhaupt denkbar, eben allein schon durch die Konkurrenz Chinas und der USA.

Nexialist
00
31.12.2011, 13:04
Aber eigentlicher Reichtum, d.h. großer Überflüss vermag wenig zu unserem Glück; daher viele Reiche sich unglücklich fühlen

sagte schon Arthur Schopenhauer...

...das Wohlbehagen... wird gestört durch die vielen und unvermeidlichen Sorgen, welche die Erhaltung eines großen Besitzes herbeiführt...

Chien de Pique
00
31.12.2011, 21:36

Klingt im Lichte seiner Biografie nicht unbedingt überzeugend.

Andreas W
00
31.12.2011, 15:52
Also ich wuerd mich ja lieber ungluecklich (und reich) fuehlen als zu erfrieren!!!

Und die meisten Reichen machen sich ihre paar Soergchen eh selbst dank ihrer unerschoeflichen Dummheit, siehe Fam. Glock!

politint
710
31.12.2011, 11:02
Caritas

Die Forderungen der Caritas an die spendende Bevölkerung grenzen für mich an Unverschämtheit. Weiters kann ich das Wort "Gerechtigkeit" nicht mehr hören. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß dieses Wort mehrere Seiten hat. Es ist für mich nämlich auch gerecht, daß wer nichts tut auch nichts hat. Übrigens wäre für die Spender auch interessant wieviel Geld jährlich in die Verwaltung des Unternehmens "Caritas" rutscht.

rabe nero
06
31.12.2011, 21:37
wer nichts tut, der nichts hat?

so einfach ist die welt für sie? sie glücklicher!

die naive
25
31.12.2011, 14:26

Würde mich auch interessieren. Konnte nur folgenden Link finden (reine Selbstbeweihräucherung)

http://www.caritas-linz.at/ueber-uns... te-fragen/

rabe nero
41
31.12.2011, 21:46
wer finden will, der findet:

35 sekunden, und zwar:

http://www.caritas.at/ueber-uns... te-fragen/

aber manch naive ist mit sowas überfordert :-)

Lassiter
 
2016
31.12.2011, 09:42

Lieber Herr Landau,die Zahl der ARMEN in Österreich könnte um etliche 100000 geringer sein,wenn sie und ihre Brüder aus der Asylindustrie nicht die halbe Welt sammt Familiennachzug durch übertriebene Hilfen anlocken würden.Vestehe das aber,da sie und etliche andere vom Geld der Steuerzahler dann sehr gut leben.
Ist eigentlich eine Frechheit,später den Österreichern dann ein schlechtes Gewissen zu machen,um noch mehr zu Spenden,und noch mehr Habe-Taugenichtse hereinzuholen.
Und das Rad beginnt sich von vorne zu drehen.

Daniel Dillinger
 
44

Und wenn Sie und manche Gleichgesinnte sich einfach schleichen würden, dann wäre die Zahl der Dummen in Österreich geringer.

Mein Verteidiger gehört psychiatriert
00
Der Wähler wird erst (viel zu spät) reagieren. Wenn man ihm

mit 60 kein Hüftgelenk mehr einbaut, kommende Selbstbehalte etwa beim Zahnarzt die verarmenden Schichten wieder per Zahnlücken markieren usw.

Hr. L. und Co. werden aber auch dann noch Grund zum Klagen einerseits, zum - makellosen - Lachen andrerseits haben.

rabe nero
30
31.12.2011, 21:51
troll

oder sie sind dumm. und verlangen sie jetzt keine argumentation, sie würden es so oder so nicht verstehen (wollen).

Nexialist
55
31.12.2011, 13:08
schade

daß sie nicht vor 70 Jahren gelebt haben...

Helmut Hromadnik21
 
25
31.12.2011, 09:03
Bei allem respekt und hochachtung vor LANDAU-

"Landau: Ich glaube, beide Seiten handeln aus Liebe zur Kirche. Das ist die Voraussetzung für einen ehrlichen Gesprächsvorgang "

Von "liebe" ist auf seiten der "kirchlichen stalinisten"
nichts zu merken, nur das beharren, längst fällige reformen, die mit der lehre christi nichts zu tun haben, aus erzkonservativem starrsinn abzulehnen !

Ich hege nicht die geringste hoffnung auf einen "ehrlichen gesprächsvorgang".

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