Nordkoreas neue Führung klar gemacht, dass sie keinen Wandel will - Kim Jong-un ist offenbar mehr Galionsfigur als neuer starker Mann im Staat
Pjöngjang/Peking - Unmittelbar nach Ende der zehntägigen Massentrauer
für den gestorbenen Diktator Kim Jong-il ist Pjöngjangs
Führungskollektiv um den neu gekürten Nachfolger und Sohn Kim Jong-un
wieder in gewohnte Drohungen gegenüber Südkorea zurückgefallen. "Wir
erklären feierlich, dass weder die Marionettenregierung in Südkorea noch
andere närrische Politiker in aller Welt von uns einen Wandel erwarten
können." Mit diesem Statement reagierte Nordkoreas Nationaler
Verteidigungsrat am Freitag auf das Signal zum Dialog von Südkoreas
Präsident Lee Myung-bak.
Dieser hatte während der Trauerzeit gesagt, dass Südkorea "keine
Feindschaft gegen den Norden hegt". Lee lockerte auch das strikte, für
Südkoreaner geltende Besuchsverbot von Pjöngjang. Er erlaubte zwei
Delegationen unter Leitung der Witwen des Ex-Präsidenten Kim Dae Jung
und des Präsidenten der Hyundai-Gruppe, zur Beileidsbekundung nach
Nordkorea zu fahren. Pjöngjang attackierte nun Seouls Regierung, weil
sie anderen Bürgern Kondolenzbesuche verbot. "Wir werden diese Gruppe
von Verrätern zwingen, für ihr Verbrechen zu bezahlen."
Die Zeichen mehren sich, dass das Klima vereist und Nordkoreas
Machtelite den als "obersten Führer von Partei, Armee und Volk"
inthronisierten 28-jährigen Kim auf die Fortsetzung des bisherigen
Hardlinerkurs einschwört. Propagandaartikel betonen, dass Nordkorea am
aus eigener Kraft verfolgten Entwicklungsweg (Juche-Ideologie)
festhalten wird. Sie preisen die Atomwaffen des Landes und die als
"Songun"-Doktrin bezeichnete "Armee kommt zuerst"-Militarisierung der
Politik.
Doktrin-Beschwörungen
Seouls Nordkoreaforscher analysierten die Reden, die vier der höchsten
Parteipolitiker und Militärs zum Abschluss der Trauerfeier hielten. Kim
junior durfte nicht sprechen. In ihren Reden wurde am häufigsten (22
Mal) die Songun-Doktrin beschworen. Die Forscher interpretieren das als
klares Signal, dass das Militär weiter das Sagen hat und Nordkorea nicht
willens ist, seine Atomaufrüstung abzubauen. 13-mal versicherten die
Funktionäre, dass Nordkorea an der Juche-Ideologie festhalten werde.
Bisher verhinderte diese nationale Ideologie, dass das Land etwa dem
Vorbild Chinas mit Reformen und Öffnung folgt.
Kim junior ist offenbar nur eine Galionsfigur. Den wichtigsten Hinweis
auf die neue innere Führung erhielten Experten von der Trauerprozession.
Sie identifizierten die sieben Männer, die hinter Sohn Kim Jong-un dem
Totenwagen zu Fuß das Geleit gaben, als das künftige Machtzentrum.
Die graue Eminenz ist der als zweiter hinter Kim junior den Wagen
begleitende, 65 Jahre alte Jang Son-teak, ein Onkel Kims. Nächster in
der Rangfolge ist der 69-jährige Generalstabschef und Vizemarschall Ri
Yong-ho. Er gilt als enger Vertrauter der Kim-Familie. Auch die übrigen
fünf Funktionäre, darunter drei Generäle, kontrollieren Schaltstellen
der Partei und Armee. Drei der sieben Begleiter von Kim junior waren
auch Redner bei der Trauerveranstaltung. Hinzu kommt die mächtige
Wirtschaftsfunktionärin Kim Kyong-hui, die Schwester des verstorbenen
Diktators. Inmitten von Pjöngjangs neuer Tafelrunde, deren Mitglieder zu
alt sind, um eigenen Ehrgeiz auf das Amt zu entwickeln, soll der junge
Nachfolger in die Macht hineinwachsen. So hofft zumindest die neue
Elite. (Johnny Erling, DER STANDARD-Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)