"Die Deutschen schätzen die Situation falsch ein"

Interview | Adelheid Wölfl, 30. Dezember 2011, 17:05
  • Artikelbild
    foto: standard/urban

    Norbert Darabos ist seit 2007 Verteidigungsminister.

Verteidigungsminister Norbert Darabos findet es falsch, dass Serbien den EU-Kandidatenstatus nicht bekommen hat. Die serbische Regierung würde sich ehrlich bemühen, sagte er zu Adelheid Wölfl.

STANDARD: Serbien hat Anfang Dezember den Kandidatenstatus nicht bekommen, weil Deutschland ein Veto wegen der Kosovo-Frage eingelegt hat. Was hat das für sicherheitspolitische Auswirkungen?

Darabos: Ich bin nicht zufrieden mit der europäischen Position zu Serbien aus sicherheitspolitischen Gründen. Denn die Frage des Beitrittsstatus für Serbien geht weit über Serbien hinaus, sie betrifft auch im weitesten Sinn unsere Soldaten im Kosovo. Ich würde die Europäische Union warnen, Serbien die Tür zuzuschlagen, denn das würde die Kräfte in Serbien stärken, die nicht in Richtung Europa gehen und das würde die Stabilität in der Region gefährden, nationalistische Kräfte würden die jetzige Regierung behindern. Das wäre ein fatales Signal für den gesamten Westbalkan.

STANDARD: Haben Sie versucht vor dem EU-Gipfel Anfang Dezember die Entscheidung zu beeinflussen?

Darabos: Ich habe ausdrücklich die Position von Außenminister Michael Spindelegger gelobt, der gemeint hat, man solle die Entscheidung über den Kandidatenstatus für zwei, drei Monate verschieben. Aber die Deutschen sind in eine andere Richtung gegangen.

STANDARD: Haben Sie mit ihrem deutschen Amtskollegen Thomas de Maizière darüber gesprochen?

Darabos: Ja, aber die Entscheidung liegt letztlich bei den Regierungschefs.

STANDARD: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrem Besuch in Belgrad im August die Forderung gestellt, dass Serbien die von Serbien bezahlten Parallelinstitutionen im Nordkosovo aufgibt. Dies wurde von Serbien nicht erfüllt.

Darabos: Die Latte an die serbische Regierung war ziemlich hoch. Und ich registriere ein ehrliches Bemühen der serbischen Regierung, die Frage im Nordkosovo auch zu lösen. Und zwar so, dass durchaus auch ein unabhängiger Kosovo von serbischer Seite akzeptiert werden wird. Gerade zu den Serben im Nordkosovo hat sich die Regierung klar geäußert. Es kann nicht sein, dass man der serbischen Regierung gerade daraus einen Strick dreht, dass die Serben im Kosovo die Bedingungen nicht erfüllen.

STANDARD: Sie meinen, dass die serbische Regierung gar keinen Einfluss hat auf die Serben im Nordkosovo?

Darabos: Die Lösung wird von den Serben im Kosovo verhindert. Die halten sich - bis auf einen Bürgermeister - nicht an die gut gemeinten Ratschläge der Zentralregierung.

STANDARD: Fordert Deutschland also Ihrer Meinung nach Unmögliches von Serbien?

Darabos: Ich will die Bundesrepublik nicht angreifen, aber das Veto am Gipfel gegenüber dem Kandidatenstatus für Serbien kam aus Deutschland. Ich glaube, die Deutschen schätzen die Situation falsch ein. Die serbische Regierung ist an einer Lösung interessiert, aber ihr Einfluss ist enden wollend. Es gibt offenbar Bemühungen die Instabilität, die im Kosovo entstanden ist, auf die Regierung in Belgrad überzuwälzen. Es stört mich, wenn man immer in der Politik einen großen Raster statt einen kleinen Raster darüber legt.

STANDARD: Halten Sie es für gefährlich, wenn Serbien nicht den Kandidatenstatus bekommt?

Darabos: Der Friedensprozess auf dem Westbalkan ist gefährdet, wenn nationalistische Kräfte bei der nächsten Parlamentswahl in Serbien im Frühjahr gewinnen. Dann bekommen die Serben im Nordkosovo nämlich das Signal, dass sie sich eh alles erlauben können.

STANDARD: Glauben Sie, dass Serbien beim EU-Gipfel im März den Kandidatenstatus bekommt?

Darabos: Auch wenn es nicht so populär ist, ist es für die sicherheitspolitische Stabilität wichtig, dass Serbien den Kandidatenstatus bekommen soll. Und zwar noch vor der Wahl! In Serbien ist eine Mehrheit für den EU-Beitritt und einer Mehrheit ist dieser auch wichtiger als die Kosovo-Frage. Es wäre ein fatales Signal, wenn man ihnen den Status nicht geben würde und sich Deutschland auf seine Position zurückziehen würde. Serbien hat sicherheitspolitisch seine Hausaufgaben gemacht. Und man muss Serbien einigermaßen ähnlich behandeln wie Kroatien. Und ich glaube ich bin als Burgenland-Kroate unverdächtig wenn ich so etwas sage.

STANDARD: Könnte das Veto gegen den Kandidatenstatus auch dem Willen entsprechen die EU-Erweiterung auf dem Westbalkan insgesamt zu bremsen? Die Asylansuchen von Roma aus Serbien sind dramatisch angestiegen.

Darabos: Ich hoffe, dass es keine andere Motive in den europäischen Staatskanzleien, etwa Minderheitenfragen. Wir können uns das leisten Serbien den Kandidatenstatus zu geben. Es geht nicht um Einmischung in innerserbische Verhältnisse. Aber wir müssen die demokratische Entwicklung, die noch nicht ganz am Ende ist, stärken.

STANDARD: Hätte man mit einer anderen Politik, die Gewalt im Sommer und im Herbst im Nordkosovo, unter anderem gegen österreichische Kfor-Soldaten verhindern können?

Darabos: Nein, das wurde von nationalistischen Kräften gesteuert. Da sind auch Söldner aus Serbien eingesickert. Es geht hier ja auch um Interessen von Schmugglern auf serbischer und auf albanischer Seite. Sicher ist: Österreich hat den Kosovo anerkannt und damit ist klar, dass die kosovarische Regierung an der Grenze das sagen hat. Die Zollgeschichten sind von Prishtina aus zu regeln. Die serbische Regierung hat ausgereizt, was sie tun kann. Mehr ist nicht möglich und sie dafür zu bestrafen, dass sie sich bemühen, aber nicht mehr die Hand drauf haben, was die Serben im Nordkosovo fordern, ist unfair. Die Österreicher, die verletzt wurden, wollen übrigens wieder in den Kosovo zurück. (Langfassung des in der DER STANDARD-Printausgabe erschienen Interviews, 31.12.2011/1.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 237
1 2 3 4 5 6
Trollblume
00
12.1.2012, 13:42

Interessanter blog - http://balkan.blog.nzz.ch/

il padrino
00

norbert for president !!!

Naseri
 
00
Lieber Darabos!

Gehen Sie bitte mal für 2 Wochen in Kosovo mit dem Auto durch Serbien auf Urlaub (als normalsterblicher). Wenn Sie dann bei der Hinreise 5-10 Stunden auf der Grenze warten, werden Sie sich vielleicht ein bischen ärgern. Wenn Sie aber auf der Rückreise auf der Grenze vom Kosovo zu Serbien (zB. Merdare) Nach über 12 Stunden ungefähr auf der hälfte der Wartekolone sind und hinter ihnen sitzen im Auto 4 Kinder, werden Sie dann auch das gleiche Interview abgeben. Alles Fehleinschätzung.

Tomás Borge
10
...die Schweiz überweist keine Renten mehr in den Kosovo

http://www.drs.ch/www/de/dr... osovo.html

Tolles Land, in das aus der Schweiz wegen Kriminalität keine Renten mehr überwiesen werden.

Heute von Gestern
12

Deutschlands Position hier ist nachvollziehbar und richtig. Die Erfahrungen aus Zypern haben uns gelehrt, dass sich importierte Probleme nicht lösen, ja sogar noch mehr konservieren, da der Reformwillen teilweise gänzlich fehlt. Am Ende wird ein nationales Problem zum Problem für die ganze EU, obwohl man schon zu Beginn hätte sehen sollen, was für ein Dumfug das ist. Griechenland ist hier das monitäre Beispiel.

Ob man Serbien bereits beim Kandidatenstatus dies mitteilen muss oder bei den Beitrittsverhandlungen, kann man kontrovers sehen. Entscheidungen kann man jedenfalls nicht auf ewig aufschieben. Serbien muss klar sein, dass es mit seiner jetzigen Haltung nicht aufgenommen wird und der Beschuss auf NATO Soldaten inakzeptabel ist.

Komita
11
Was sollen immer diese Vorverurteilungen?

Deutschland, der Bananenstaat über den sich im Moment Verteidigungsminister Norbert Darabos amüsiert. Bis jetzt weist absolut nichts auf eine rechtliche Verfehlung der Deutschen hin. Moral hin, Moral her, alle, die jetzt am lautesten schreien sind in Wahrheit die größten Heuchler.

stan73
11
Ich glaube Herr Darabos schätzt die Lage etwas falsch ein.

Seiner Meinung nach hätte Deutschland Serbien den Status nur aus einem Grund nicht verwehren dürfen; nämlich um die Regierung zu stärken, da sie verträglicher ist, als Kostunicas Leute.

Das mag evtl. sein. Aber Deutschland wird sicherlich keine Außenpolitik mit dieser Wichtigkeit lediglich in der "Leckerli-Mentalität" betreiben können. Das sollte einem österreichischen Politiker auch bewusst sein.

Serbien wird sich damit abfinden müssen, dass es eben nicht ausreicht 75, 85 od. 95 % zu liefern.

Serbien muss sich darüber bewusst werden, dass es in Richtung Brüssel gehen muss und Brüssel niemals nach Belgrad kommt.

Außerdem möchte man dadurch evtl. auch feststellen, wie viele Serben wirklich gegen Brüssel sind...

Frodo Der Hobbit
00
23.1.2012, 00:53

die wichtigere frage ist, wie viele albaner gegen brüssel sind, obwohl sie es instrumentalisieren.

stan73
00
23.1.2012, 14:12
Die Zahl dürfte verschwindend gering sein - mal abgesehen davon, dass die Klärung dieser Frage für Serbien überhaupt keine Relevanz hat..

playdude
02

in belgrad gibts auch mehr raiffeisen und erste filialen

Angelina Jolie1
41
Bitte, ..

.. wer ist Darabos???

Hubert Ungeist
 
11
Das ist der über den sich die Deutsche Bundeswehr

samt Verteidigungsminister zerkugeln, hat er denen doch alte EFs abgenommen und dafür neue EFs gegeben.

Peter Hammer 06
10
Ungeist, "der Wehrexperte"-- schreibt viel....

...weiß wenig.

Hubert Ungeist
 
00
Der Sozi Hammer

ich glaub sie haben einen Job in der Löwelgasse

Peter Hammer 06
00
"Glaubn'S" nur weiter....

...vernünftiges ist von Ihnen ja nicht zu erwarten.
Es zeugt IMMER von Argumentationsleere, mich in einem Atemzug mit der Löwelstrasse zu nennen.
Wenn ich über EF mehr als Sie hier "produzieren" lesen will, wende ich mich an den Beschöniger AIRPOWER.
Der kennt sich zumindest technisch aus, politisch liegt er auf Ihrem Breitengrad.

Tomás Borge
22
...nur diese Bundeswehr, über die Sie sich zerkugeln

hat im Gegensatz zur NVA schon eine beachtliche Anzahl von zivilen Opfern im Ausland verursacht.

Die NVA war nie bei Kampfeinsätzen ausserhalb der DDR und hat auch nie Werbeveranstaltungen mit dem Massaker von Mitrovica durchgeführt, um neue Rekruten zu werden.

Serbien und Wehrmacht mit der Nachfolgeorganisiation Bundeswehr GEHT GAR NICHT!

tommy vercetti
00
18.1.2012, 18:03

Also, ich bin aus dem Kosovo, mein Großvatter hat gegen die Wehrmacht gekämpft! Ich habe kein Problem damit das die Bundeswehr Heute im Kosovo stationiert ist. Es ist mir außerdem nicht bekannt das irgendein deutscher Soldat in Serbien stationiert wäre.

Standard deviation
10
So ein Schwachsinn!

Die Wehrmacht mit der Bundeswehr in einen Topf zu
werfen. Wirklich Schexxx!

roland-p
00

Kennen Sie die August-von-Mackensen-Kaserne in Hildesheim? Und wissen Sie, wer August von Mackensen war?

Peter Hammer 06
02
KRAGUJEVAC - 21.19.1941.....

...als Vergeltung für einen Partisanenangriff wurden von
der Wehrmacht 2.300 Bewohner, darunter 300 Schüler und 18 Professoren des örtlichen Gymnasium erschossen.

Standard deviation
00

Was hat die Bundeswehr mit Vergeltungsmaßnahmen
im WK II zu tun?

Tomás Borge
10
...eine ganze Menge

vergangenes Jahr wurde Mitrovica, ebenfalls ein Verbrechen der Wehrmacht, bei den Gebirgsjägern als Modell für die Anwerbung von Rekruten nachgestellt!!!!!!!!!!!!

Standard deviation
00

Diesen Unsinn glauben Sie doch selbst nicht.

Tomás Borge
00
...fragen Sie beim Bürgerservice der Bundeswehr

die bestätigen den Vorgang und versprechen Abhilfe bzw. keine Wiederholung.

Peter Hammer 06
01
Ja was? General DIETL - der "Held von Narvik" ...

...war seit 1921 (!!!) NSDAP-Mitglied. Er war Träger des "Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP".
Nach dem "Demokraten" Dietl wurde die Kaserne in Füssen bis 1995 benannt. Erst der Initiative von wahren Demokraten ist die Umbennung in Allgäu-Kaserne zu verdanken.
Ja was also !!!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 237
1 2 3 4 5 6

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.