Wiener Wissenschafter: Weidegebiete der wiederangesiedelten Tiere sind nicht weit genug gestreut
Wien - Der Winter 2009/2010 war sogar für die Verhältnisse in der Wüste Gobi besonders hart. Für die dortigen Bestände an Huftieren - wildlebenden ebenso wie Haustieren - bedeutete dies dramatische Einbrüche, wie die Universität Wien berichtet. Petra Kaczensky und Chris Walzer von der Veterinärmedizinischen
Universität Wien und ihre Kollegen dokumentierten die Auswirkungen des Extremwinters und veröffentlichten ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift
"PLoS ONE".
Das Jahr des Dsud
Aufgrund der besonderen Lage am Rande des Dsungarischen Beckens,
das von hohen Bergen umgeben ist, fiel im Schutzgebiet "Great Gobi B" - einem von zwei Gebieten in der Mongolei, in denen Przewalski-Pferde ausgewildert wurden - in diesem harten Winter besonders viel Schnee. Das Gros der Schneestürme kam
von Westen, und die Wolken luden große Mengen von Schnee ab, als
sie am östlichen Rand des "Great Gobi B" auf das Altaigebirge trafen. So kam es zu einem starken Ost-West-Gefälle in der
Schneehöhe. Der hohe und fest gepackte Schnee machte es den dort
lebenden Wild- und Haustieren schwer, an die Vegetation unter dem Schnee
zu kommen - auf Mongolisch wird ein solcher Winter "Dsud" genannt.
Die Hirten in dieser Region verloren im
Durchschnitt 67 Prozent ihres Viehbestandes. Die mongolischen Hirten
sind zwar Nomaden, aber die Anzahl an guten Winterlagern ist begrenzt
und die Konkurrenz um diese Plätze inzwischen hoch. Daher hatten die
Leute und ihr Vieh kaum Ausweichmöglichkeiten.
Die letzten echten Wildpferde
Das Przewalski-Pferd (Equus ferus przewalskii) war einst in den Steppen ganz Eurasiens verbreitet, wurde dann immer weiter zurückgedrängt und musste 1969 für in der freien Wildbahn ausgerottet erklärt werden. Seit 1992 werden die Tiere aus Zoobeständen in ihrer ursprünglichen
Heimat in der Mongolei wieder eingebürgert. Heute gibt es wieder zwei
frei lebende Populationen, eine im Husta-Nationalpark in der
Zentralmongolei und eine in "Great Gobi B" im Südwesten des
Landes.
Die Przewalski-Pferde
von "Great Gobi B" nutzten drei verschiedene Winterweiden, zwei im Osten und eine im Westen
des Schutzgebietes. Die Verluste waren auch bei ihnen hoch, im
Durchschnitt starben 60 Prozent der Tiere. Allerdings waren praktisch
nur die zwei Gruppen im Ostteil des Schutzgebietes betroffen, während
die westliche Gruppe fast keine Todesfälle zu verzeichnen hatte.
Auffallend: Die
Wildpferde nutzen ihren Lebensraum sehr konservativ, und selbst unter
den Extrembedingungen des Dsud wagten sich die Wildpferde nicht über
die Grenzen der ihnen vertrauten Streifgebiete hinaus. So blieb der
Großteil der Population im am stärksten vom Dsud betroffenen Gebiet.
Esel als Überlebenskünstler
Ganz anders die Asiatischen Wildesel (Equus hemionus), die je nach Region Kulane, Onager oder Dschiggetais genannt werden. Das Verhalten dieser Tiere erwies sich als flexibler und damit lebensrettend: Die Esel wichen nach Westen aus und erlitten
dadurch nur wenige Verluste. Auch in einem normalen Jahr
wandern sie über viel größere Gebiete als Przewalski-Pferde und müssen
sich im Gegensatz zu den lokalen Hirten und ihrem Vieh nicht auf
bestimmte Überwinterungsgebiete beschränken.
Hauptautorin Petra
Kaczensky betont, dass "diese weiten Wanderungen und die flexible
Weidenutzung deutlich machen, wie wichtig es ist, wandernde oder
nomadische Tierarten auf Landschaftsebene zu schützen. Um ungehindert
wandern zu können, müssen auch die vielfach genutzten Landschaften
außerhalb von Schutzgebieten in das Management miteinbezogen werden.
Denn eine Fragmentierung ihres Lebensraumes erlaubt keine Wanderungen
mehr, und durch diese verringerte räumliche Flexibilität kann es dann zu
lokalen Bestandseinbrüchen wie bei den Przewalski-Pferden kommen."
"Der Katastrophenwinter hat wirklich hervorgehoben, wie gefährlich es
ist, quasi alle Pferde auf einer Weide zu haben", sagt Kaczensky.
"Die nationale Strategie für die Etablierung des Przewalski-Wildpferdes
in der Mongolei sollte daher weiterhin auf mehrere Standorte mit
räumlich verteilten Populationen abzielen." (red)