Das letzte Wort hat der Patriarch

30. Dezember 2011, 17:01
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Die Qualitäten einer polygamen Lebensweise führte "Big Love" eindrucksvoll vor und brachte Vorurteile gehörig durcheinander

Wien - Das Ende von Big Love im US-Fernsehen spaltete das Serienpublikum. Den Knalleffekt, den die Serienerfinder Mark V. Olsen und Will Scheffer ihrem Publikum auf HBO servierten, kam nicht überall gleich gut an: "Perfektes Finish", jubelte die Los Angeles Times. "Eine große Enttäuschung", sahen hingegen Blogger im Ende, das hier selbstverständlich nicht verraten wird. Nur so viel: Die Polygamistenfamilie Henrickson verabschiedete sich standesgemäß. Sobald sich das letzte Kapitel schloss, öffneten sich unzählige neue.

Die fünfte und letzte Staffel startet am 3. Jänner im Abokanal TNT Serie im Angebot von Sky und ist seit kurzem auf DVD erhältlich. Wie fast schon üblich, wagte wieder kein unverschlüsselter Sender die Ausstrahlung. Ein Schicksal, das Big Love mit unzähligen anderen hochwertigen Produkten aus dem amerikanischen "Goldenen Zeitalter des Fernsehens" teilt.

Ein schwerer Fehler, denn Big Love gehört zu den Vorzeigeprodukten dieser Industrie und gilt als Musterbeispiel seriellen Erzählens.

Polygamie aus religiöser Überzeugung

Ein Mann, verheiratet mit drei Frauen und das nicht etwa in einem islamischen Land, sondern im tiefsten amerikanischen Mittelwesten, genau Salt Lake City, Utah. Der Patriarch Bill Henrickson (Bill Paxton) und seine Gemahlinnen - "Hauptfrau" Barb (Jeanne Tripplehorn), die spröde Nicki (Chloë Sevigny) und die gewitzte Margene (Ginnifer Goodwin) - leben die Polygamie aus religiöser Überzeugung.

Dazu kommt eine Glaubensgemeinschaft, die in ihren mafiösen Strukturen mit den Sopranos locker mithalten kann und um die Henricksons kreist wie ein schadhafter Satellit, der ständig Störsignale aussendet. An den Schalthebeln sitzt da mit Harry Dean Stanton der ruchloseste Pate seit Marlon Brando. Ebenfalls dabei: Bills Mutter Lois (Grace Zabriskie aus Twin Peaks), ihr Ehemann (Bruce Dern). Mehr als 50 weitere Figuren tummeln sich durch die Folgen, kaum eine ohne Fehl und Tadel. Die meisten überbieten sich in Selbstsucht und Niedertracht.

Big Love (Start: 2006) passte deshalb so gut in die Zeit der Bush-Ära, weil in kaum einer anderen Serie so ungeniert in eigenem Interesse gehandelt wurde.

Vielehe ist in den USA verboten. Mormonische Splittergruppen praktizieren sie aber bis heute im Westen der USA, in Kanada und in Mexiko. Das Serien-Vorbild "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage" schwor der Polygamie offiziell 1890 ab.

Das Mäandern zwischen Normalität und Illegalität zieht sich durch sämtliche Daseinsbereiche: Im Patchwork geht es anfangs um libidinöse Anforderungen. Bald kommen praktische Fragen der Lebensorganisation im Kultur- und Glaubens-Clash zwischen Mormonen und nicht minder verkorksten Kleinbürgern hinzu. Später heißt es, sich in der Privatwirtschaft zu behaupten, schließlich müssen die vielen hungrigen Mäuler ja auch gefüttert werden. Erfolge darin führen schließlich zu Ambitionen auf Staatsämter.

Krise im Schlafzimmer

Dass an der Überzeugung, drei Frauen haben zu müssen, einiges stinkt, ist offensichtlich. Überraschend dagegen, dass die Gattinnen ihr Dasein keineswegs als Unterdrückung erleben. Mitunter agieren die Frauen mehr als Aufsichtsräte und degradieren den Gatten zum Sandwichmanager. Im Privaten verstehen sie sich mehr als Verlangende, denn als Gebende. Eine denkwürdige Krise ruft etwa Bills Entscheidung hervor, sich einen Tag in der Woche "frei" zu nehmen. Der Aufstand endet schließlich mit der reumütige Rückkehr in die tageweise vergebenen Schlafzimmer. Das letzte Wort hat aber dennoch meist der Patriarch. Rebellion dagegen versteht sich von selbst.

Zu sehen sind keine Wertungen, sondern Tragik und Komik, wie sie sich eben auch im poly- gamistischen Familienverband ereignen. Allenfalls vorhandene Vorurteile werden jedenfalls gehörig durcheinandergebracht. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 31./12.2011/1.1.2012)

  • Herr der Ringe: Familienpatriarch Bill Henrickson (Bill Paxton) lebt die Vielehe aus Überzeugung und Leidenschaft.
    foto: hbo

    Herr der Ringe: Familienpatriarch Bill Henrickson (Bill Paxton) lebt die Vielehe aus Überzeugung und Leidenschaft.

  • Mit seinen drei Ehefrauen hat er es nicht schlecht erwischt: "Hauptfrau" Barb (Jeanne Tripplehorn),
    foto: hbo

    Mit seinen drei Ehefrauen hat er es nicht schlecht erwischt: "Hauptfrau" Barb (Jeanne Tripplehorn),

  • die strenge Nicki (Chloë Sevigny) und ...
    foto: hbo

    die strenge Nicki (Chloë Sevigny) und ...

  • ... die gewitzte Margene (Ginnifer Goodwin) agieren mehr als Aufsichtsräte eines gut geführten Unternehmens denn als untertänige Dienerinnen.
    foto: hbo

    ... die gewitzte Margene (Ginnifer Goodwin) agieren mehr als Aufsichtsräte eines gut geführten Unternehmens denn als untertänige Dienerinnen.

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