Anziehend, nicht abstoßend wirken im Reden

30. Dezember 2011, 18:02
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Ein Wort gibt das andere - So einiges kann schiefgehen, werden die Fallen im Gespräch nicht bedacht, so Psychologe Friedemann Schulz von Thun

STANDARD: Herr Professor Schulz von Thun, bis in die feinsten Verästelungen haben Sie den Feinheiten menschlicher Kommunikation nachgespürt. Warum kann das berühmte "falsche Wort" so viel Unheil anrichten?

Schulz von Thun: Nun, wir sind Gemeinschaftswesen, mit der Qualität unserer Beziehungen steht und fällt unser Seelenleben. Gute Gesprächskontakte können uns geradezu aufbauen, sie können aber auch das Gegenteil auslösen. Im Handumdrehen können sie uns in tiefste Betroffenheit stürzen, massiven Ärger auslösen. Wir haben ein diesbezüglich hochempfindliches Alarmsystem, spüren, wenn uns jemand querkommt oder wenn eine Beziehung in der Kommunikation leidet. Leider ist nicht jedem Zeitgenossen der Schnabel so gewachsen, dass man sich gerne mit ihm unterhält.

STANDARD: Die wesentlichen Weichensteller eines guten, eines gelingenden Gesprächs sind?

Schulz von Thun: Ausschlaggebend ist die Grundhaltung, ist, wie ich in ein Gespräch hineingehe. Lasse ich den anderen auch gelten oder nur mich? Sodann die Bereitschaft und auch die Fähigkeit, genau hinzuhören - auch und gerade auf das, was ich nicht hören will. Dann der Mut, Farbe zu bekennen auf allen vier Seiten des Kommunikationsquadrates: sachlich, selbstkundgebend, beziehungsmäßig und appellativ. Nicht zuletzt ein Gefühl für die Wahrheit der Situation: Welche Kommunikationsform ist hier und jetzt stimmig - und welche wäre "daneben"? Beispielsweise: Kommuniziere ich eher fragend oder eher aussagend oder gar provozierend?

STANDARD: Und die Kehrseite der Medaille? Was lässt ein Gespräch zuverlässig abstürzen?

Schulz von Thun: Eigentore auf den vier eben genannten simultanen Spielfeldern des Kommunikationsquadrates zu schießen. Auf dem Spielfeld der Sachlichkeit, indem ich die Aufnahmekapazität des Empfängers kontaktlos außer Acht lasse und über seinen Kopf hinwegrede. Auf dem Spielfeld der Selbstkundgabe, indem ich mich nicht zeige in dem, was mich ausmacht, mich stattdessen hinter den Worten verstecke oder mit den Worten eine Imponierfassade aufbaue. Auf dem Spielfeld der Beziehungsverhandlung, indem ich (als Sender) den anderen herabsetze, ihn offen oder subtil unter "dbk-Verdacht" stelle (dumm, bösartig, krankhaft); oder als Empfänger, indem ich mein "Beziehungsohr" (was hält der andere von mir, und wie fühle ich mich behandelt durch die Art, wie er mit mir spricht?) derart auf Alarmempfang stelle, dass mir die Fähigkeit zur sachlichen Würdigung ebenso abhanden kommt wie die Empathie. Schließlich auf dem Spielfeld des Appells, dass zum Beispiel unter dem Berg von Vorwürfen und Klagen eine konkrete Bitte verschüttet bleibt.

STANDARD: Nun kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Das gilt auch für Gespräche. Jeder dürfte schon die Erfahrung gemacht haben, dass ihn der Gesprächspartner vorsätzlich fehlinterpretiert, auflaufen lässt, sich erkennbar unfair verhält. Was nun?

Schulz von Thun: Tja, hier hilft eigentlich nur die Kunst der gewaltfreien Selbstbehauptung weiter! Sie nimmt eine unterschiedliche Gestalt an, je nachdem, was für ein Mensch Sie sind: Vielleicht haben Sie ein gutes Repertoire, um auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen? Vielleicht sind Sie humorbegabt und können den Spieß mit einem lächelnden Augenzwinkern umdrehen?

Vielleicht sind Sie ein Meister darin, einen kühlen Kopf zu bewahren, und können mit unerbittlicher Sachlichkeit reagieren, indem Sie zum Beispiel sagen: "Ich möchte zwei Dinge klarstellen und habe sodann vier Fragen! Sind Sie bereit zu hören und zu antworten?"

Vielleicht beherrschen Sie die Kunst der entwaffnenden Ehrlichkeit und konfrontieren Ihr Gegenüber mit einer Mitteilung, wie Ihnen gerade ums Herz ist. Und vielleicht, ja vielleicht haben Sie schon jene Stufe der Souveränität erreicht, dass Ihnen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die Sie je nach Situation und Gegenüber variieren und miteinander kombinieren können? Komplizierter wird es, wenn beide "Nachbarn" sich selbst als fromm und den anderen als böse empfinden und die eigene Unleidlichkeit als bloße Reaktion und Notwehr auf die Unzumutbarkeit des Kontrahenten interpretieren. Dann ist ein zwischenmenschlicher Teufelskreis entstanden. Aber das wäre noch mal ein ganz anderes Kapitel.

STANDARD: Wie lässt sich ein auf der Kippe stehendes Gespräch retten?

Schulz von Thun: Aus meiner Sicht gibt es zwei Möglichkeiten: einfühlsame Metakommunikation und/oder heilsames Umschalten auf ein neues Begegnungsfeld.

Metakommunikation zum Beispiel: "Ich habe das Gefühl, ich habe Sie verstimmt, als ich sagte ... - stimmt das?", "Was ich damit nicht habe sagen wollen, ist ... - stattdessen meinte ich das so ..." Heilsames Umschalten (Ich spüre etwa, wir sind hier empfindlich verstrickt. Statt dies anzusprechen und den Knoten hier und jetzt aufzulösen, schalte ich um): "Darf ich einen Vorschlag machen? Wir lassen mal die Historie beiseite und sammeln mal alle möglichen Lösungen, die uns einfallen: Wenn alles nach Ihnen ginge, welche Lösung wäre Ihnen am allerliebsten?"

STANDARD: Wann ist es angezeigt, ein erkennbar aus dem Ruder laufendes oder bereits festgefahrenes Gespräch sicherheitshalber abzubrechen?

Schulz von Thun: Grundsätzlich kann jedes wichtige Gespräch in einem mehr auslösen, als man im Augenblick verarbeiten und verkraften kann. Insofern ist eine Unterbrechung manchmal sehr fruchtbar und nicht nur aus Sicherheitsgründen ratsam. Dann kann sich die Aufwühlung "setzen", können sich die inneren Spätmelder, wie wir sie beim Inneren Team nennen, also unsere diversen inneren Stimmen, Gehör verschaffen. Ich kann dann gut sortiert und mit neuer Aufstellung in die nächste Gesprächsrunde gehen, genauso wie mein Gegenüber. Diese Zwischen-Zeit ist ein begnadeter Klärungshelfer! Ich kann nur immer wieder im Zweifelsfall dazu raten!

STANDARD: Gestik, Mimik, die Art der Artikulation, welche Rolle spielen sozusagen diese Begleitumstände im Gespräch?

Schulz von Thun: Das ist die Melodie zum Text. Und diese Melodie geht direkt ins Herz. Was die Beziehungsebene angeht, stehen wir hier viel unmittelbarer im Kontakt, stammesgeschichtlich sind hier die uralten Zentren tangiert. Wenn Text und Melodie nicht zusammenpassen, stellt sich sofort ein unstimmiges Gefühl ein, ohne dass wir das groß analysieren müssten. Diese Melodie enthält aber auch eine Gefahr. Die Gefahr, dass sich in der Kommunikation der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit verlagert: vom Inhalt zur Form. Goethe hat im Faust eine Weisheit von sich gegeben, die dieser Gefahr entgegenwirken kann: "Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor!" Das stimmt zwar auch nicht immer, bringt die Sache aber wieder in die Balance. Der Ehrgeiz, sich körpersprachlich zu verbessern, womöglich durch Einstudierung von Optimaltechniken, darf sich gerne in Grenzen halten, solange "Verstand und rechter Sinn" vorhanden sind oder durch ehrliches Bemühen gesteigert werden können.

STANDARD: Der Verfall der Gesprächskultur wird gern beklagt. Was macht ein kultiviertes Gespräch aus?

Schulz von Thun: Abgesehen von dem bereits Gesagten, dass es den Beteiligten gelingt, den Regenbogen aufgehen zu lassen. Damit meine ich Folgendes: Der Regenbogen entsteht nur, wenn gegensätzliche Qualitäten, Sonne und Regen, gleichzeitig vorhanden sind. Genauso ist es in der zwischenmenschlichen Kommunikation, sie kann gelingen, wenn zwei gegensätzliche Tugenden/Qualitäten gleichzeitig verwirklicht werden und sich gegenseitig ausbalancieren.

Zum Beispiel ist Ehrlichkeit ohne Takt und Sensibilität ebenso problematisch wie Takt ohne Ehrlichkeit. Genauso gehören zusammen: Respekt und Kritik, Selbstbehauptung und Verständnis, Empathie und Abgrenzung, Nähe und Distanz, Struktur und Lebendigkeit, Menschlichkeit und Professionalität - immer das eine nicht ohne das andere, und das andere nicht ohne das eine. Andernfalls verwandeln sich die Tugendqualitäten in Störgrößen. Zum Beispiel Selbstbehauptung in Rücksichtslosigkeit, Verständnis in selbstverleugnende Nachgiebigkeit und so weiter. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

Friedemann Schulz von Thun (Jg. 1944) ist ein deutscher Psychologe und Kommunikationswissenschafter. Bekannt wurde er als Autor des dreibändigen populärwissenschaftlichen Werks "Miteinander reden". Im Jahr 2007 gründete er das Schulz-von-Thun-Institut für Kommunikation, das er bis heute leitet.

Lesetipps

  • Friedemann Schulz von Thun: "Miteinander reden. Band 1-3: Störungen und Klärungen. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Das ,Innere Team' und situationsgerechte Kommunikation". Rowohlt-Verlag, Reinbek 2011, € 14,99
  • Friedemann Schulz von Thun: "Miteinander reden - Fragen und Antworten". Rowohlt-Verlag, Reinbek 2007, € 9,20
  • Friedemann Schulz von Thun / Johannes Ruppel / Roswitha Stratmann: "Miteinander reden: Kommunikationspsychologie für Führungskräfte". Rowohlt-Verlag, 11. Auflage, Reinbek 2010, € 9,20
  • Karl Benin: "Schwierige Gespräche führen - Modelle für Beratungs-, Kritik- und Konfliktgespräche". Rowohlt-Verlag, 7. Auflage, Reinbek 2010, € 10,30
  • Kim-Oliver Tietze: "Kollegiale Beratung - Problemlösungen gemeinsam entwickeln". Rowohlt-Verlag, 4. Auflage, Reinbek 2010, € 10,30
  • Schwierige Gespräche: "Ehrlichkeit ohne Takt und Sensibilität ist ebenso problematisch wie Takt ohne Ehrlichkeit", sagt Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun.
    foto: standard/matthias cremer

    Schwierige Gespräche: "Ehrlichkeit ohne Takt und Sensibilität ist ebenso problematisch wie Takt ohne Ehrlichkeit", sagt Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun.

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