Über die Angst nach dem Reaktorunglück am 11. März in Japan – Und das Genesen der Erde, die uns bedroht, wenn wir nicht damit rechnen – Von Leopold Federmair
Genau ein Jahr ist es her, dass ich das letzte Mal in Tokio war. Auch damals saß ich im Obergeschoß dieses Cafés hier in Meguro, einem recht normalen Stadtteil, dessen Anziehungspunkt, wie in den meisten Vierteln, der Bahnhof ist, wo sich mehrere Linien kreuzen. An jenem Tag im Dezember 2010 war ich gebannt von der Stille, die damals im vollbesetzten Raum herrschte, eine Art gelassener Intensität, die vielleicht das Wesen dieser Stadt spiegelte.
Diesmal ist es ähnlich, auch wenn leise Klaviermusik über den Köpfen schwebt, Chopin, denke ich zuerst, aber es ist Jazz, Bebop. Paare von Freundinnen, die die vergangenen Tage, das vergangene Jahr besprechen. Junge Leute mit Büchern, Heften, Computern. Und natürlich ein Schläfer, Mann in Anzug und Krawatte, Stoppelfrisur, angedeuteter Irokesenschnitt, der in seiner Firma gerade noch durchgehen wird. Im leeren Kaffeeglas vor ihm schmelzen ein paar Eiswürfel vor sich hin, langsam bildet sich eine whiskyfarbene Lache. Im Ohr des Mannes ein Tonstöpsel, von dem ein knallrotes Kabel herabhängt wie ein Blutfaden, auf seinen reglosen Schenkeln die Aktentasche: Ist er tot? Wie um die Idee zu widerlegen, geht ein Ruck durch ihn, der Mann steht auf, trägt das Tablett mit dem Glas weg ... Zuletzt verschwindet die Aktentasche aus meiner Bildfläche.
Zu wenig Liebe, zu wenig Spaß
Ich schreibe das in ein Campus-Notizheft, das ich heute früh in einem Konbini in Hiroshima gekauft habe, weil ich mein angebrauchtes Büchlein vergessen hatte. Wirklich praktisch dieses System kleiner Geschäfte, das die Japaner wie so viele Dinge von Amerika übernommen und eigenen Gewohnheiten angepasst haben. Gestern Abend war ich in der Nähe von dem Lawson bei einer Jahresschlussfeier in einem Restaurant, wo siebzigjährige Frauen im Kimono servieren. Eine von ihnen fiel, weil zwischen den Rücken der Sitzenden fast kein Durchlass war, auf meinen Schoß und verschüttete ein Kännchen Sake. Sie tat, als wäre es ihr peinlich, blieb jedoch eine ganze Weile sitzen, und wir lachten beide. In seiner Ansprache zeigte sich unser Chef mit dem vergangenen, "so schwierigen und harten Jahr" alles in allem dennoch zufrieden.
Der Flug war ruhig. Im Yomiuri las ich den Leserbrief einer Frau, die sich beklagte, dass der Verlobte ihrer 30-jährigen Tochter nach zehn Jahren eine andere heiraten werde. Ein Rechtsanwalt riet ihr in seiner Antwort, eine Entschädigungszahlung anzustreben. Ich erinnerte mich an einen Text über die Erniedrigung des Liebeslebens in Japan, den ich kurz vor der Katastrophe in Tohoku geschrieben hatte und den seither kein Redakteur mehr annehmen will. Dabei haben sich die Probleme des Landes am 11. März nicht geändert, nur zugespitzt. In Tohoku gibt es derzeit einen Arbeitskräftemangel, der den Wiederaufbau behindert. Zu wenig junge Leute, zuviel Sicherheitsdenken. Zu wenig Liebe, zu wenig Spaß.
Ein Streichholz in den Lüften
Einmal bin ich von Tokio nach Hiroshima geflogen, an einem Sturmtag, als bis kurz vor dem Start nicht feststand, ob wir fliegen würden oder nicht. Es war eine sehr kleine Maschine, höchstens zwanzig Passagiere, ein Streichholz in den Lüften, so sehe ich es in meiner Vorstellung. Achtzig Minuten lang rumpelte dieses Ding, und ich hatte schon kurz nach dem Abheben das Gefühl, jetzt geht es abwärts. Dieses Gefühl verließ mich nicht, bis ich erstaunt zur Kenntnis nahm, dass wir gelandet waren. Ähnlich war das, was ich in Hiroshima, 800 Kilometer (Luftlinie) von Fukushima entfernt, in der Nacht des 11. März und während der Folgetage empfand.
Ich stemmte mich dieser Empfindung entgegen und versuchte, mein Herz zu beruhigen, was eher die gegenteilige Wirkung hatte, und sagte mir vor, dass dieses Land nicht versinken werde. Das Absturzgefühl hielt eine ganze Weile an. Was ich in jenen Tagen auf den Internetseiten der europäischen Zeitungen las, ärgerte mich und bestärkte meinen inneren Kampf gegen die Angst. Die Schreiber, ob "Journalisten" oder "Poster", frönten dem Sensationsbedürfnis und der Horrorlust, in sicherem Abstand in Übersee, vor ihren Monitoren, wo sie den Schauder der Katastrophenbilder genossen.
Ein seltsamer Dämmer
Heute Nachmittag habe ich Zeit gefunden, durch den Park des Meiji-Schreins zu flanieren. Es war noch nicht spät, doch im hohen Gewölbe unter dem Laubdach der Hauptallee herrschte ein seltsamer Dämmer, man hörte die Rufe der Krähen, die dort ihre Macht ausüben, lauter werdend und verstummend, gemeinschaftlich oder gegeneinander ... Von einer Brücke fiel mein Blick auf einen Bach, der zwischen bemoosten Felsbrocken dahinfloss, nicht allzu fern hörte ich das Brausen eines sich entfernenden Zugs und eine weibliche Lautsprecherstimme. Beim Verlassen des Parks wehten mir Schwaden warmer Luft entgegen; die Wohnblöcke am Horizont nahm ich als "das Übliche" wahr, aber auch in der Lichtung dämmerte es, obwohl der Abend noch fern war. Auf der Brücke saßen vier Hari-Krishna-Anhänger, ein Europäer unter ihnen; ihr Gebimmel wirkte lächerlich vor der Heiligkeit, aus der ich gerade kam. In der Raucherecke neben der Straßenkreuzung sog auch das barocke Mädchen - Dreiviertelhose, Rüschenbluse, toupiertes Blondhaar -, das im Naturgewölbe eine blasse Blume abgegeben hatte, an ihrer Zigarette.
Tokio hat sich in diesem einen Jahr nicht verändert. Unwillkürlich habe ich nach Rissen an Wänden Ausschau gehalten, nach Bruchflächen, Spuren von Zerstörung. Nichts. Dabei muss das Beben auch in der Hauptstadt schrecklich gewesen sein. Möglich, dass Japaner in Gefahrensituationen vernünftiger reagieren, aber Angst verspüren sie wie die Menschen überall. Ende November gab es in Hiroshima ein Beben, Stärke fünf auf der Richterskala. Meine Frau und ihre Mutter wurden nicht müde zu wiederholen, wie sehr sie erschrocken seien. Vor 15 Jahren hatten sie in Kansai das Beben erlebt, bei dem in Kobe tausende Menschen umkamen. Ich selbst, auf meine Schreibtischarbeit konzentriert, hatte von der jüngsten Erschütterung nicht viel bemerkt, es schien mir eines der kleineren, wie sie oft vorkommen.
Den Spieß umgedreht
In diesem Jahr habe ich an der Universität Hiroshima zwei Vorträge von Leuten gehört, die von außerhalb kamen. Die eine war eine japanische Autorin, die mit den Worten begann, sie habe nie studiert; im Alter von zwanzig Jahren hätte sie nichts als Dummheiten im Kopf gehabt. In Japan habe ich Studenten nie so frei mit älteren Personen, schon gar nicht mit Lehrern, reden hören wie damals, als Randy Taguchi den Spieß umdrehte und ihnen Fragen stellte. In ihrem Vortrag hatte sie unterstrichen, dass die USA nicht nur für die Atomexplosionen in zwei japanischen Städten verantwortlich seien, sondern auch die sogenannte friedliche Nutzung der Kernenergie hier veranlasst hätten. Bis heute, sagte Taguchi, seien die USA am Uran interessiert, das bei der Erzeugung von Atomenergie abfalle und zur Herstellung von Kernwaffen benötigt werde. Die erste Generation der japanischen Techniker, welche die heute in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke entworfen und gebaut haben, wurden allesamt in den USA ausgebildet.
In den USA gab es 1979 ebenfalls einen Unfall mit Kernschmelze. Danach ging man mit Atomenergie vorsichtiger um, erst in jüngster Zeit versucht man wieder, diese Energiegewinnungsform auszubauen. Die japanische Firma Toshiba, die vor einigen Jahren die Energie-Branche des Westinghouse-Konzerns gekauft hat, wird an der Errichtung von zwei neuen, angeblich sehr sicheren Atomkraftwerken in Georgia und South Carolina beteiligt sein.
Beitrag zum Klimaschutz
In Japan selbst besteht zurzeit wenig Enthusiasmus, neue Anlagen zu bauen; eine Firma wie Toshiba setzt auf den Export; für Vietnam sind zwei AKWs geplant. Bedenkt man, dass im Nachbarland China derzeit 27 Reaktoren in Bau sind, kommt man zum Schluss, dass das Ende der Atomenergie in dieser Weltregion keineswegs bevorsteht. Zuweilen wird diese Energiepolitik als Beitrag zum Klimaschutz gepriesen. Die Atommeiler in Fukushima sind über 30 Jahre alt; neue Modelle sollen katastrophalen Vorfällen wie Flugzeugabstürzen standhalten.
Sollen wir uns vom Fortschritt der Atomtechnik, den auch ein Bill Gates beschwört und fördert, beruhigen lassen? Wird es in einer nicht allzu fernen Zukunft AKWs geben, die (fast) keinen Atommüll zurücklassen? In Japan geschah in den bald 50 Jahren, seit der Shinkansen verkehrt, kein einziger Unfall mit Todesopfern. In China gab es schon wenige Mo-nate nach der Einrichtung einer Hochgeschwindigkeitsstrecke ein Unglück mit 43 Opfern.
Vollbeleuchtet
In Deutschland war die politische Reaktion auf Fukushima eindeutig und scharf, der Ausstieg aus der Atomstromerzeugung wurde besiegelt. Als der deutsche Philosoph Gernot Böhme, der schon in den 70er-Jahren an Anti-AKW-Demonstrationen teilnahm, diesen Herbst in Hiroshima einen Vortrag hielt, wies er auf die Energieverschwendung hin, die ein vollbeleuchteter Saal wie der, in dem er sprach, am helllichten Vormittag bedeutet, und er geißelte die Sitte der Cafés und Restaurants, Wasser und die meisten anderen Getränke mit Eiswürfeln zu servieren. Diese Sitte kommt, wie die Konbinis und das Weichbrot und viele Alltagsgewohnheiten, ursprünglich aus den USA. Nicht erst seit dem Unfall in Fukushima beobachte ich, wie meine Kollegen reflexhaft die Klimaanlage einschalten und dazu oft noch das Fenster öffnen.
Wenn in einem Zimmer nicht alle Lichter an sind, gilt die Tätigkeit, die darin ausgeführt wird, nicht als Arbeit. Bevor man arbeitet (und manchmal statt zu arbeiten), zeigt man, dass man arbeitet. Ein Student, der bei Böhmes Vortrag meinte, man müsse sich zwischen einem bequemen Leben, zu dem auch der Atomstrom beitrage, und einem weniger "modernen", weniger bequemen Leben entscheiden, tat mir leid, als ihn der betagte deutsche Philosoph ein wenig brüsk darüber aufklärte, die Vorstellungen von Bequemlichkeit seien wandelbar. Der Student hatte mit seiner Bemerkung nicht ganz unrecht. Trägheit ist eine unweigerliche Folge langwährenden Wohlstands. Leid tat mir auch die Studentin, die sich von Böhme Anregungen erwartete, was man hierzulande tun könne, um die Atomgefahr zu bannen. Der Professor warf ihr den Ball zurück; die japanische Bevölkerung müsse das Heft selbst in die Hand nehmen.
Ein sicherer Ort
In Kioto habe ich neulich durchs Busfenster eine Demo von Atomgegnern beobachtet, ein Häufchen von Unangepassten, das sich vergeblich im Strom der Einkäufer bemerkbar zu machen versuchte. Vielen Japanern ist die Atomenergie seit dem 11. März nicht mehr geheuer, doch öffentliches Protestieren gilt nicht als probates Mittel, sich Gehör zu verschaffen (schon das Reden über Politik im Freundeskreis ist unüblich), und so nimmt man eben hin, was man für die Logik der Entwicklung hält, die nicht von der scheindemokratischen Politik, sondern von der Wirtschaft bestimmt wird.
Schon Anfang der 70er-Jahre wies ein japanischer Psychologe auf das "amae" als Wesenszug der modernen japanischen Gesellschaft hin. Gemeint ist ein stark ausgeprägtes Harmoniebedürfnis, das über alle anderen Werte gestellt wird. Bloß kein Streit ... Diese ewige Vorsicht und Rücksicht führt in der Wohlstandsgesellschaft zu einer Trägheit, die in Japan auf für Europäer seltsame Weise einhergeht mit einer alltäglichen Beflissenheit, einem regelrechten Arbeitswahn, der von fast allen geteilt wird.
Sehnsucht nach der Heimat
Etwa zwei Wochen nach dem Erdbeben in Tohoku bin ich in Iwakuni, im Südwesten der Hauptinsel, einem Zahnarzt aus dem Nordosten begegnet, der mit seinen drei Töchtern einen Ausflug in dieser schönen Gegend machte. Ein freundlicher, kluger Mann, von seinen minderjährigen Töchtern spürbar geachtet, obwohl - oder weil - er ihnen den ganzen Tag, den wir zusammen verbrachten, keinerlei Anweisungen gab. Wie dieser Zahnarzt, mein neuer Freund, sind damals viele aus Tokio und Umgebung hierhergekommen, um ein wenig Luft zu schöpfen.
Angeblich sind manche auch auf Dauer übersiedelt, nach Kansai zum Beispiel, wie einst Junichiro Tanizaki, der große Erzähler, der eine Heidenangst vor Erdbeben hatte und 1923, als Tokio in Trümmern lag, die Stadt verließ. Andererseits hört man, dass viele Bewohner Fukushimas nichts sehnlicher wünschen, als bald in ihre verstrahlte Heimat zurückzukehren. Der Freund, der mir davon berichtet, versteht diese Sehnsucht, er selbst will bald zurück in die Heimat, die allerdings nicht im Norden liegt, sondern tief im Süden, auf einer kleinen Insel, die einst von Kagoshima kolonisiert und zum Zuckerrohranbau gezwungen wurde.
"Hiroshima, ein sicherer Ort?"
Einem anderen Freund habe ich unlängst nach Buenos Aires geschrieben, ich sei froh über meine im Sommer getroffene Entscheidung, nicht in die Hauptstadt zu ziehen, sondern in dieser sicheren Gegend hier zu bleiben. "Klingt seltsam: Hiroshima, ein sicherer Ort?", war seine Antwort. Doch, doch, so ist es, lieber Fernando, vor unserer Küste liegt die Insel Shikoku, sie schützt uns vor Flutwellen; verheerende Erdbeben sind hier (angeblich) nicht zu erwarten; der amerikanische Atomangriff liegt weit zurück, und kein AKW befindet sich in unmittelbarer Nähe.
Die Erde hier ist gut, auch wenn das meine intellektuellen Freunde in den verschiedenen Weltgegenden nicht glauben wollen. Auch wenn ich heuer darauf verzichte, abgepackten Kuhmist als Dünger zu kaufen, er könnte ja aus Fukushima stammen. Stattdessen gehe ich in den Wald und raffe verfaulte Blätter zusammen. Irgendwann wird sie auch in Fukushima wieder gut werden, die Erde, die uns bedroht, wenn wir nicht damit rechnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)
Leopold Federmair ist Schriftsteller, er lebt seit neun Jahren in Japan,
seit 2006 in Hiroshima. 2010 erschien sein Roman "Erinnerung an das,
was wir nicht waren" (Otto Müller Verlag).