Täglich werden 87 Millionen Barrel Rohöl verbraucht, was 60 großen Tankern entspricht. Diskussion um Öl-Knappheit angeheizt
Wien - Die durch die Aufstände in der arabischen
Welt ausgelöste Furcht vor Versorgungsengpässen hat den Ölpreis 2011
das zweite Jahr in Folge in die Höhe getrieben. Die Nordsee-Sorte
Brent kostete 2011 im Durchschnitt etwa 111 Dollar (86,10 Euro) je
Barrel, so viel wie noch nie. Die bisherige Höchstmarke von knapp 100
Dollar datiert aus dem Jahr 2008. Mit einem Preis von 108,15 Dollar
summierte sich das Plus der vergangenen zwölf Monate auf rund 14
Prozent. Die US-Ölsorte WTI verteuerte sich im gleichen Zeitraum um
knapp zehn Prozent auf aktuell 99,88 Dollar.
Damit gehört Rohöl zu
den ertragreichsten Geldanlagen des Jahres.
Das erklärt auch großteils den Anstieg der Treibstoffpreise an den
Zapfsäulen: Laut Autofahrerclub ÖAMTC stieg der Superbenzinpreis im
Vergleich zum Vorjahr um 13,2 Prozent, der Dieselpreis sogar um 18,6
Prozent. Ohne Steuererhöhung zu Jahresbeginn ("CO2-Abgabe") wären die
Preise um 9,3 beziehungsweise 13,3 Prozent gestiegen.
Diskussion um "Peak-Oil"
Der Rekord beim Ölpreis hat auch die seit Jahrzehnten geführte
Debatte wieder angeheizt, wann die Ölvorräte zur Neige gehen. Die
Fachwelt ist in dieser Frage seit langem gespalten. "Das gesamte
geförderte Rohöl wird umgehend verbraucht", sagt der Hamburger
Ölexperte Steffen Bukold. "Der Markt ist sehr eng genäht."
Seit den 70er Jahren hat es zahlreiche Voraussagen gegeben, nach
denen im Jahr 2000 oder spätestens 2010 die globale Ölförderung ihren
Scheitelpunkt erreicht und die Produktion unweigerlich zu fallen
beginnt - wie bei einem einzelnen Ölfeld, das irgendwann erschöpft
ist.
Auf der einen Seite steht die Ölindustrie sowie der größere Teil
der Geologen und Wirtschaftswissenschafter. "Die Peak-Oil-Debatte hat
in den vergangenen drei Jahren deutlich an Bedeutung verloren", sagt
zum Beispiel der Chef des Ölkonzerns Repsol, Antonio Brufau. Das
Tempo des technologischen Wandels habe die Branche überrascht. Neue
Fortschritte bei der Entdeckung und Erforschung von Öl und Gas in der
Tiefsee und andere unkonventionelle Ölquellen sowie neue potenzielle
Fördergebiete wie die Arktis seien der Schlüssel zu wachsenden
globalen Reserven. "Die Möglichkeit, dass die Ressourcen unter
kommerziellen Gesichtspunkten auslaufen, müssen wir kurz- und
mittelfristig nicht mehr in Erwägung ziehen."
60 große Tanker pro Tag
Der Welt-Erdölkongress in Doha in diesem Monat war geprägt von
Euphorie über die "großartigen Perspektiven" der Energieträger Öl und
Gas. Die Welt sollte genügend Ölvorräte haben, um den Bedarf für mehr
als 100 Jahre zu decken, sagte zum Beispiel Christophe de Margerie,
Chef des französischen Konzerns Total. Beim Gas wird inzwischen von
250 Jahren gesprochen. Die Kritiker um den englischen Geologen Colin
Campbell sehen das ganz anders. Sie halten das globale Fördermaximum
für erreicht.
Fest steht nur, dass die Welt erst im Nachhinein erkennen wird, in
welchem Jahr die Ölförderung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Im
vergangenen Jahr wurden täglich mehr als 87 Millionen Barrel Rohöl
verbraucht. Das sind ungefähr 60 große Tanker. Die Hälfte davon wird
als Kraftstoff für Autos, Schiffe und Flugzeuge benötigt, rund zehn
Prozent für die Chemieindustrie. Ungefähr 90 Prozent aller
industriell gefertigten Produkte hängen vom Erdöl ab.
Produziert wurden 2010 dagegen nur gut 82 Millionen Barrel pro
Tag. Es war so viel wie noch nie, aber deutlich weniger als die
verbrauchte Menge. Die Lager leerten sich; das ist einer der
wesentlichen Gründe für den Preisanstieg 2011.
Schwellenländer dürsten nach Autos und Industrie
Für die nächsten Jahre gehen fast alle Prognosen von einem
steigenden Verbrauch aus. Vor allem die zunehmende Motorisierung der
beiden bevölkerungsreichsten Länder China und Indien, aber auch das
Wachstum der Weltbevölkerung und die wirtschaftliche Entwicklung der
Schwellenländer lassen kaum einen anderen Schluss zu, selbst wenn in
Industrieländern wie Deutschland der Ölverbrauch tendenziell eher
sinkt. Laufen die langfristigen Verbrauchstrends so weiter, müssten
nach den Analysen der Internationalen Energie-Agentur IEA 2020
ungefähr 120 Millionen Barrel Öl täglich zur Verfügung stehen.
Diese Mengen liegen zwar in der Erde, ob sie aber auch gefördert,
verarbeitet, transportiert und vermarktet werden können, steht in den
Sternen. Dazu müsste die weltweite Öl-Infrastruktur aus Förder- und
Transporteinrichtungen nochmals deutlich ausgebaut werden.
Gegenwärtig dürften schon 85 oder 90 Millionen Barrel täglich kaum zu
schaffen sein. Es gibt in der Ölindustrie einen Investitionsstau aus
den Zeiten niedriger Ölpreise vor mehr als zehn Jahren, der sich erst
langsam auflöst. Bis 2035 müssen laut IEA acht Billionen Dollar, das
sind 8.000 Milliarden, in den Öl- und Gassektor investiert werden.
Auch wenn das Öl noch lange reicht, die Zeiten des billigen Öls
sind höchstwahrscheinlich für immer vorbei. Denn es geht nun um
schwierig und damit teuer zu förderndes Öl aus großen Meerestiefen,
aus Schiefer und Sand, aus unwirtlichen Regionen. Das ist mühsam und
kostet viel Geld. Aber es ist günstiger als eine drastische
Verknappung des Öls, die den Preis schnell auf 200 oder 300 Dollar
oder auch noch höher treiben könnte, und billiger als die
Unterversorgung der Welt mit Öl. (APA)