Nahrungsverzicht

Fasten: "Raubbau am eigenen Körper"

1. Jänner 2012, 18:08
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    foto: apa-ots/robert strasser

    Kurt Moosburger (51) ist Facharzt für Innere Medizin, Sport- und Ernährungsmediziner in Tirol. Er arbeitet im Krankenhaus Hall und betreibt eine Wahlarztpraxis in Hall in Tirol.

Nach der Feiertags-Völlerei ist für viele Fasten die Devise - Der Ernährungsmediziner Kurt Moosburger warnt davor

 

STANDARD: Heilfasten und Entschlackungskuren stehen schon seit Jahren hoch im Kurs. Sie sollen den Körper entgiften. Aber welchen gesundheitlichen Nutzen haben solche Kuren tatsächlich?

Moosburger:  Gar keinen. Sie haben sogar eher gesundheitliche Nachteile. Fasten ist Raubbau am eigenen Körper. Sie induzieren damit einen Hungerstoffwechsel, bei dem nicht nur Fett, sondern auch Muskelprotein abgebaut wird. Dieser Muskelmasse-Abbau ist vor allem in der ersten Woche des Fastens enorm. Man frisst sich also quasi selbst auf. Das ist völlig grotesk. Und was die Schlackenstoffe betrifft: Solche gibt es in Hochöfen, aber nicht im menschlichen Körper. Wenn die Nieren des Menschen und seine Leber in Ordnung sind, werden wir täglich von selbst entgiftet. Darüber braucht man sich keine Gedanken zu machen.

STANDARD: Manche Experten meinen allerdings, der menschliche Körper sei evolutionär gar nicht auf tägliche Nahrungsaufnahme oder gar mehrere Mahlzeiten am Tag eingestellt. Regelmäßiges Fasten sei natürlich und könne deshalb nicht schaden, glauben sie.

Moosburger: Die Häufigkeit der Nahrungsaufnahme spielt diesbezüglich keine Rolle, vielmehr die Energiemenge, die zugeführt wird. Was allerdings wichtig ist: Unser Stoffwechsel ist an Allesessen angepasst. Genau das sollte man auch tun. Der Urmensch hat bestimmt mal mehr, mal weniger gegessen, aber wenn er konnte, jeden Tag. Hatte er ein Mammut erlegt, dann aß er tagelang Fleisch, und danach Beeren und Wurzeln. Unsere heutigen Verdauungsprobleme sind häufig hausgemacht, weil die Leute beginnen, sich einseitig zu ernähren. Sie schließen bestimmte Nahrungsmittel aus. Das ist ein Fehler. Das einzige Verbot in der Ernährung ist, Verbote auszusprechen.

STANDARD: Weshalb ist dann aber der Glaube an die Entschlackung so weit verbreitet?

Moosburger: Weil viele Mediziner anscheinend vergessen haben, was sie auf der Universität in Physiologie und Biochemie gelernt haben. Aber es hat natürlich auch einen pekuniären Hintergrund. Mit der Verunsicherung der Menschen kann man Geld verdienen. Die Ernährung ist für manche schon zu einer Ersatzreligion geworden, Gurus finden ihre Jünger.

STANDARD: Gibt es denn keinerlei positive Aspekte des Heilfastens?

Moosburger:  Nein. Der Begriff "Heil" ist in diesem Fall völlig fehl am Platz.

STANDARD: Welchen Menschen würden Sie besonders eindringlich vom Fasten abraten?

Moosburger:  Vor allem älteren Personen ab 70, die ohnehin oft zu wenig essen beziehungsweise sich mangelhaft ernähren, und natürlich allen Patienten mit chronischen Krankheiten.

STANDARD: Manche Ernährungsberater warnen immer wieder vor der Gefahr einer Übersäuerung des Körpers. Dagegen sollen spezielle Basendiäten helfen. Was hat es damit auf sich?

Moosburger:  Wenn sich jemand als Ernährungsberater bezeichnet, weiß man schon über seine fachlichen Qualifikationen Bescheid. Eine Übersäuerung kann es im Normalfall gar nicht geben, weil der Körper selbst für einen ausgeglichenen Säuren-Basen-Haushalt sorgt. Ausnahmen gibt es nur bei schweren Nierenkrankheiten oder einem entgleisten Typ-1-Diabetes. Den pH-Wert des Organismus kann man über die Nahrung nicht beeinflussen. Nicht einmal, wenn man sich extrem eiweißlastig ernährt, würde es einem Menschen gelingen, eine metabolische Azidose (Übersäuerung des Blutes, Anm.) auszulösen. Denn die Säureausscheidungskapazität der Nieren ist um ein Vielfaches höher. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Printausgabe, 02.01.2012)

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Kommerzialrat Rüsselmeier
10
24.2.2012, 11:20
Heute brauchen wir für jeden Scha.s eine wissenschaftliche Studie oder einen Schlaumeier-Kommentar wie den obigen.

Wie wär's damit, einfach dem zu folgen, was der Körper ohnehin signalisiert: Wenn er Hunger hat, essen und wenn er keinen hat, eine Fastenphase einlegen?

Zinsenfeger
00
26.1.2012, 13:30

Psychologisch tuts trotzdem gut, nach den Feiertagen einmal auf einfacheres Essen zurückzuschrauben oder den einen oder anderen Gemüsetag einzulegen. Außerdem schmeckts dann wieder besser, wenn es wieder zu den üppigen Fleischtöpfen geht ;)

Krahberg
00
16.1.2012, 10:46
man frisst sich selbst auf

Fasten ist auch ethisch fragwürdig, abnehmen ist Auto-Kannibalismus !
Und entschlacken tut man Hochöfen.

Nick31
01

*g* auf das Wort "entschlacken" werden sich die Leute (semantisch) noch jahrzehntelang stürzen, scheint's.

Buchtipp: "Wir fressen uns zu Tode." - mit einer etwas natürlicheren Ernährung kommt man mit um die 1000kcal pro Tag spielend aus. TROTZ körperlicher Betätigung.

Ein Quantum Most
00
13.1.2012, 19:05

Nunja, es gibt auch Ernährungswissenschaftler die Pro-Fasten eingestellt sind.

Ich mach das jedes Frühjahr, eine Darmentleerung und 2 Wochen nach Metabolic-Balance-Regeln leben.

Mir tuts gut.

froilein froilein
02
26.1.2012, 19:57

ich mach jeden Tag eine Darmentleerung. Propieren Sie das Mal! Eine ganz tolle Sache!

Mirabeau
00
27.1.2012, 04:35

Seit ich zu Rauchen aufgehört habe, mache ich sie leider nur noch jeden zweiten Tag.
Das belastet ganz schön!

Sabine Werner
03

danke für diesen objektiven artikel, zu der unsäglichen fasterei - viele doofköpfe verwenden das auch noch um abzunehmen - 5kg weg - danach wasser getrunken und normal ernährt - 7kg oben usw....

jezebel
 
00
10.1.2012, 13:55
5kg weg - danach wasser getrunken und normal ernährt - 7kg oben usw....

Wie das?

Sabine Werner
00
13.1.2012, 09:00

ich habe dies natürlich in weiterer folge gemeint, wenn man wieder normal isst - aber das haben sie sicher gewußt...

Zitronenbaum
11

... wenn man aber versucht das Leuten zu erklären die sich dabei festgefahren haben, dass man "entgiften" und "entschlacken" muss und die die "Notfalltropfen" von Bachblüten super finden, dann beißt man oft auf Granit. Da hilft nur sich selbst nicht verwirren zu lassen. o_o

VoK
00

Dieser Artikel beweist dass ich mich auf meine Instinkte (was Nahrungsaufnahme anbelangt) 100%ig verlassen kann ;-))

marty fink
15
Ein aktueller Artikel aus der Zeit, der gut zu dem Thema passt:

http://www.sueddeutsche.de/gesundhei... -1.1244755

Nick31
13

Es bleibt die Frage, warum (jahrelange) Anhänger des Schlacken-Blabla-Geredes (bzw. Rohköstler - die Ernährungsweisen decken sich) so gut wie immer klarstellen, dass sie seit Jahren nicht mehr krank gewesen sind, und Körperwerte haben, bei denen den Ärzten reihenweise das Kiefer nach unten klappt.

Man darf nicht verwechseln: Wer 340 Tage im Jahr alles rein schaufelt, was vor die Ofenluke läuft, darf sich nicht wundern, dass eine (teure) Entschlackungskur nicht viel bringt.

"Entschlacken" kann man auch per Obst und Gemüse und mit viel Wasser. Da verdient niemand dran. Und wer glaubt, dass das "schädlich" sein könnte, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen. :-)

Phryx Sodalis
00

Vermutlich rauchen und trinken diese Anhänger aber deutlich weniger als der Durchschnitt und achten auch sonst besser auf ihren Körper.

Gute Laune ist kein Verbrechen
00
10.2.2012, 13:34
...nicht nur vermutlich.

Nahrung, die an sich schon Abhängigkeiten erzeugt - sprich kleine Kicks und hinterher "Katerstimmung" (Zucker, Salz etc) -, steigert die Wahrscheinlichkeit, dass man auch die von Ihnen erwähnten Gewohnheiten übernimmt, enorm.

Die Kausalität wirkt in beide Richtungen: Wer sich ungesund ernährt, trinkt und raucht (statistisch gesehen) mehr. Um umgekehrt.

Damit kann man das nicht trennen - einfach, weil die Ernährungsgewohnheiten mitverantwortlich sind für den Nikotin- und Alkohol-Konsum.

Threonin
00

Das ist aber Teil des Fastens. Also nicht Rauchen und Trinken und auch auf seinen Körper zu achten.

Phryx Sodalis
00

Dann fehlt es aber an der Trennschärfe. Soll ja auch Leute geben, die gerne essen und nicht rauchen und sehr wenig trinken.

Threonin
00

Nein, normalerweise wird bei einem Heilfasten (zumindest habe ich es so gesehen) dazu geraten, bereits zwei Wochen vorher auf Alkohol, Zigaretten und Koffeinhältige Getränke komplett zu verzichten.

Während des Fastens gab es dann nur altes Brot, gekochtes Wurzelgemüse und solche Sachen.

Zwei Wochen lang.

Danach wieder langsam an Normalkost gewöhnen.

marty fink
24
Dazu gibt es eine einfache Antwort!

Annekdoten taugen nicht als Belege!

Ganz abgesehen von Schlacken, die's nicht gibt!

Nick31
11

Aber Behauptungen ohne jedes Argument taugen offenbar schon als "Belege". :-)

...das mit dem "Schlacken gibt's nicht"-Argument würd ich mal recherchieren - damit outen sich mittlerweile Tausende als diejenigen, die dieses "Argument" von irgendjemandem übernommen und keine 5 Minuten nachgedacht haben, was mit "Schlacken" - was zuallererst einfach nur ein Wort ist - gemeint sein könnten. Worüber ich mittlerweile nur noch lachen kann.
"Schlacken gibt's gar nicht!" *ggg*
Eine der unreflektiertesten Aussagen überhaupt. :-)

Godesberg
24

1. Wenn ich etwas doof finde, werde ich es nicht "jahrelang" machen und zum "Anhänger".
2. Wenn ich "jahrelanger Anhänger" bin werde ich nicht sagen: Boah, was ist das für ein Mist.
3. Wenn ich meine rohköstlerische Ernährungsweise verteidigen müsste, würde ich auch sagen, dass der Arzt total begeistert von meinen Werten ist.
4. Diejenigen, deren Werte nicht so toll sind, werden das wohl eher nicht öffentlich kundtun und erst recht nicht multipliziert.

Wohin führt uns das ganz wieder: Wissenschaft!
Suchen Sie selbst: www.pubmed.com

Nick31
01

Seltsame Weltanschauung.
Ich war schon von sehr vielem jahrelanger Anhänger, und habe dann irgendwann entdeckt: Was für ein Mist.

Kuhmilch wäre ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. :-)

jezebel
 
01
Der Darm ist kein Ofenrohr

Amüsier.

nina yankow
01

was schlacken, übersäuerung usw. betrifft, kann man herrn moosburger nur zustimmen.

zum thema fasten an sich sollte man aber schon etwas mehr differenzieren. auch übergewicht ist "raubbau am eigenen körper".
verschiedene formen des fastens haben sich in wissenschaftlichen studien als hilfreich erwiesen, zivilisationskrankheiten wie altersdiabetes oder bluthochdruck zu lindern. zum jojo-effekt: insbesondere bei regelmäßigem (soweit ich mich erinnere 1 x jährlichem) fasten ist der gewichtsanstieg im alter (der häufig problematisch für die gesundheit und bewegungseinschränkend wird) deutlich geringer als ohne fasten. eine gesunde ernährung und viel bewegung mag sinnvoller sein als fasten, aber manchen hilft das fasten auf dem weg dahin.

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