Belletristik 2012

Sorgen, Liebe und andere Apokalypsen

30. Dezember 2011, 18:26

Was das Frühjahr bringt: Eine Vorschau auf belletristische Neuerscheinungen

Es ist nicht nur der Klimawandel, der die Jahreszeiten durcheinanderbringt. Sondern es verwirren vor allem die Buchverlage mit ihren Auslieferungsrhythmen. Da ist das letzte Herbstbuch rechtzeitig für Weihnachten Anfang Dezember erschienen - schon sind nach Silvester die ersten Frühjahrsromane da. Und dass gleich zwei, die am 16. Jänner ausliegen, Salvatore Scibona mit Das Ende (Arche) und David Monteguado mit Ende (Rowohlt), von der Finissage der Welt künden, ist da nur angemessen.

Auch dass in der Verlagsszene zuletzt kein Manuskript, nicht einmal Mark Z. Danielewskis revolutionäre Only Revolutions (Klett-Cotta), für Klatsch und dann für einen Paukenschlag sorgte. Sondern die Meldung, dass der konzernunabhängige Münchner Hanser-Verlag im Herbst einen Berlin-Ableger eröffnen wird, dirigiert von Elisabeth Ruge, die die Verlage Berlin und Bloomsbury leitete. Und die von dort einen ganzen Schock Autoren mitbringt. Nur den Ungarn Péter Nádas nicht.

Dessen Opus Magnum Parallelgeschichten, 1728 Seiten stark, erscheint im Februar im Rowohlt-Verlag. Und Die Schrift in Flammen (Zsolnay) seines Landsmanns Miklós Bánffy, Auftakt einer wiederentdeckten Untergangstrilogie, bringt es immerhin auf 800 Seiten.

Wen bei solchen kiloschweren Panoramen die Melancholie packt, der kann mit dem Pariser Patrick Modiano ins graziöse Café der verlorenen Jugend (Hanser) gehen, mit Stefano Benni bei Brot und Unwetter in eine Bar (Wagenbach), sich neben Michael Ondaatje an den Katzentisch (Hanser) setzen, Monika Helfer in die Bar im Freien (Deuticke) begleiten und die Wienerin Milena Michiko Flasar zur Parkbank (Ich nannte ihn Krawatte, Wagenbach). Oder mit Mieze Medusas Mia Messer (Milena) kunstvoll auf Kunstraub gehen.

Ebenso artistisch spielt Felicitas Hoppe mit sich in ihrer Romanfantasie Hoppe (S. Fischer). Paulus Hochgatterer schreibt in Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe (Deuticke) eine Poetik der Kindheit, Ernst Augustin die Robinsonade (Robinsons blaues Haus, Beck) und Matthias Gatza mit Die Augentäuscher (Graf) das Barock neu. In Daniel Glattauers Ewig Dein (Deuticke) laufen zwei der Liebe nach, Bettina Balàka erzählt in Kassiopeia (Haymon) von Liebesglücksspiel in Venedig und Marion Brasch von ihrer Ost-Berliner Künstlerfamilie zwischen Nomenklatura, Bohème und Tod (Ab jetzt ist Ruhe, S. Fischer).

Sigrid Damm fragt recht bang Wohin mit mir (Insel). Und die New Yorker Essayistin Joan Didion denkt in Blaue Stunden (Ullstein) hochsensibel über die Katastrophen ihres Lebens nach, den fast gleichzeitigen Tod ihres Mannes und ihrer Tochter.

Ein anderer Klassiker der US-Moderne erscheint gleich zweimal neu übersetzt: Sherwood Andersons Geschichtenzyklus Winesburg, Ohio (Schöffling, Manesse). Ebenso interessant werden dürfte der Vergleich der neuen Nachdichtung des in Wien lebenden Alexander Nitzberg von Michail Bulgakows Der Meister und Margarita (Patmos) mit Thomas Reschkes 40 Jahre alter Übertragung. Felix Philipp Ingold schnürt in Als Gruß zu lesen (Dörlemann) Russlands Lyrik anders auf: Er geht gedichteweise vom Jahr 2000 zurück in die Romantik. Eine Entdeckung der französischen Moderne verspricht Jean-Pierre Abrahams schmales Buch Das weiße Archipel (Jung und Jung).

Noch mehr Welt enthalten das Griechenland-Vorkrisen-Reisebuch Rumeli des jüngst hochbetagt verstorbenen Patrick Leigh Fermor (Dörlemann), die Reportagen Die Sache mit dem Ich des im Sommer viel zu früh verstorbenen Marc Fischer (Kiepenheuer & Witsch) und die Weltbetrachtungen des Salzburgers Karl-Markus Gauß über Ruhm am Nachmittag (Zsolnay). Mit Franz Hohler lässt sich zu Spaziergängen (Luchterhand) aufbrechen und mit Walter Kappacher ins Land der roten Steine (Hanser). Mit Alexandre Dumas Schiffbrüche erleben (Matthes & Seitz Berlin), mit Arthur Schnitzler Träume (Wallstein), mit dem jungen David Bezmozgis Die freie Welt (Kiepenheuer & Witsch). Und mit Ralph Dutlis Lied vom Honig (Wallstein) die Kulturgeschichte der bedrohten Biene.

Hannelore Valencaks neu aufgelegte Die Höhlen Noahs (Residenz) schildert dagegen eine sehr gegenwärtige Humanapokalypse; und am nach 85 Jahren wiederentdeckten Zeitroman Jazz (Edition Atelier) von Felix Dörmann lässt sich studieren, dass das furios betrügerische Fallieren einer Bank keine Spezialität von heute ist. Sondern schon im Wien der 1920er-Jahren von Spekulanten, Hochstaplern, Anwälten und Falloten praktiziert wurde. Als Beilage dazu empfohlen: die 220 Jahre jungen schneidenden Maximen und Betrachtungen Antoine de Rivarols Vom Menschen (Matthes & Seitz Berlin).

Bleibt zu hoffen, dass vom Essayband Frederik Sjöbergs nur die zweite Hälfte des Untertitels gelten wird. Der Kunst zu fliehen (Galiani) des Schwedens gibt der Verlag die Subzeile "Vom Nutzen des Scheiterns und dem Vergnügen der Abschweifung" mit. Wieso es dann nicht gleich mit dem Roman Thomas von Steinaeckers (S. Fischer) halten: Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen. Oder besser noch mit Javier Marias und seinem Die sterblich Verliebten (S. Fischer). Immerhin verspricht Tor Ulven Dunkelheit am Ende des Tunnels (Droschl).   (Alexander Kluy  / DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

phae ton
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beliebig, beliebiger, am beliebigsten ...

joe kagamino
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15.1.2012, 09:52
gelangweilt, gelangweilter, am gelangweiltesten?

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