Was das Frühjahr bringt: Eine Vorschau auf belletristische Neuerscheinungen
Es ist nicht nur der Klimawandel, der die Jahreszeiten
durcheinanderbringt. Sondern es verwirren vor allem die Buchverlage mit
ihren Auslieferungsrhythmen. Da ist das letzte Herbstbuch rechtzeitig
für Weihnachten Anfang Dezember erschienen - schon sind nach Silvester
die ersten Frühjahrsromane da. Und dass gleich zwei, die am 16. Jänner
ausliegen, Salvatore Scibona mit Das Ende (Arche) und David Monteguado
mit Ende (Rowohlt), von der Finissage der Welt künden, ist da nur
angemessen.
Auch dass in der Verlagsszene zuletzt kein Manuskript, nicht einmal Mark
Z. Danielewskis revolutionäre Only Revolutions (Klett-Cotta), für
Klatsch und dann für einen Paukenschlag sorgte. Sondern die Meldung,
dass der konzernunabhängige Münchner Hanser-Verlag im Herbst einen
Berlin-Ableger eröffnen wird, dirigiert von Elisabeth Ruge, die die
Verlage Berlin und Bloomsbury leitete. Und die von dort einen ganzen
Schock Autoren mitbringt. Nur den Ungarn Péter Nádas nicht.
Dessen Opus Magnum Parallelgeschichten, 1728 Seiten stark, erscheint im
Februar im Rowohlt-Verlag. Und Die Schrift in Flammen (Zsolnay) seines
Landsmanns Miklós Bánffy, Auftakt einer wiederentdeckten
Untergangstrilogie, bringt es immerhin auf 800 Seiten.
Wen bei solchen kiloschweren Panoramen die Melancholie packt, der kann
mit dem Pariser Patrick Modiano ins graziöse Café der verlorenen Jugend
(Hanser) gehen, mit Stefano Benni bei Brot und Unwetter in eine Bar
(Wagenbach), sich neben Michael Ondaatje an den Katzentisch (Hanser)
setzen, Monika Helfer in die Bar im Freien (Deuticke) begleiten und die
Wienerin Milena Michiko Flasar zur Parkbank (Ich nannte ihn Krawatte,
Wagenbach). Oder mit Mieze Medusas Mia Messer (Milena) kunstvoll auf
Kunstraub gehen.
Ebenso artistisch spielt Felicitas Hoppe mit sich in ihrer Romanfantasie
Hoppe (S. Fischer). Paulus Hochgatterer schreibt in Katzen, Körper,
Krieg der Knöpfe (Deuticke) eine Poetik der Kindheit, Ernst Augustin die
Robinsonade (Robinsons blaues Haus, Beck) und Matthias Gatza mit Die
Augentäuscher (Graf) das Barock neu. In Daniel Glattauers Ewig Dein
(Deuticke) laufen zwei der Liebe nach, Bettina Balàka erzählt in
Kassiopeia (Haymon) von Liebesglücksspiel in Venedig und Marion Brasch
von ihrer Ost-Berliner Künstlerfamilie zwischen Nomenklatura, Bohème und
Tod (Ab jetzt ist Ruhe, S. Fischer).
Sigrid Damm fragt recht bang Wohin mit mir (Insel). Und die New Yorker
Essayistin Joan Didion denkt in Blaue Stunden (Ullstein) hochsensibel
über die Katastrophen ihres Lebens nach, den fast gleichzeitigen Tod
ihres Mannes und ihrer Tochter.
Ein anderer Klassiker der US-Moderne erscheint gleich zweimal neu
übersetzt: Sherwood Andersons Geschichtenzyklus Winesburg, Ohio
(Schöffling, Manesse). Ebenso interessant werden dürfte der Vergleich
der neuen Nachdichtung des in Wien lebenden Alexander Nitzberg von
Michail Bulgakows Der Meister und Margarita (Patmos) mit Thomas Reschkes
40 Jahre alter Übertragung. Felix Philipp Ingold schnürt in Als Gruß zu
lesen (Dörlemann) Russlands Lyrik anders auf: Er geht gedichteweise vom
Jahr 2000 zurück in die Romantik. Eine Entdeckung der französischen
Moderne verspricht Jean-Pierre Abrahams schmales Buch Das weiße Archipel
(Jung und Jung).
Noch mehr Welt enthalten das Griechenland-Vorkrisen-Reisebuch Rumeli
des jüngst hochbetagt verstorbenen Patrick Leigh Fermor (Dörlemann), die
Reportagen Die Sache mit dem Ich des im Sommer viel zu früh
verstorbenen Marc Fischer (Kiepenheuer & Witsch) und die
Weltbetrachtungen des Salzburgers Karl-Markus Gauß über Ruhm am
Nachmittag (Zsolnay). Mit Franz Hohler lässt sich zu Spaziergängen
(Luchterhand) aufbrechen und mit Walter Kappacher ins Land der roten
Steine (Hanser). Mit Alexandre Dumas Schiffbrüche erleben (Matthes &
Seitz Berlin), mit Arthur Schnitzler Träume (Wallstein), mit dem jungen
David Bezmozgis Die freie Welt (Kiepenheuer & Witsch). Und mit Ralph
Dutlis Lied vom Honig (Wallstein) die Kulturgeschichte der bedrohten
Biene.
Hannelore Valencaks neu aufgelegte Die Höhlen Noahs (Residenz) schildert
dagegen eine sehr gegenwärtige Humanapokalypse; und am nach 85 Jahren
wiederentdeckten Zeitroman Jazz (Edition Atelier) von Felix Dörmann
lässt sich studieren, dass das furios betrügerische Fallieren einer Bank
keine Spezialität von heute ist. Sondern schon im Wien der 1920er-Jahren
von Spekulanten, Hochstaplern, Anwälten und Falloten praktiziert wurde.
Als Beilage dazu empfohlen: die 220 Jahre jungen schneidenden Maximen
und Betrachtungen Antoine de Rivarols Vom Menschen (Matthes & Seitz
Berlin).
Bleibt zu hoffen, dass vom Essayband Frederik Sjöbergs nur die zweite
Hälfte des Untertitels gelten wird. Der Kunst zu fliehen (Galiani) des
Schwedens gibt der Verlag die Subzeile "Vom Nutzen des Scheiterns und
dem Vergnügen der Abschweifung" mit. Wieso es dann nicht gleich mit dem
Roman Thomas von Steinaeckers (S. Fischer) halten: Das Jahr, in dem ich
aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen. Oder besser noch
mit Javier Marias und seinem Die sterblich Verliebten (S. Fischer).
Immerhin verspricht Tor Ulven Dunkelheit am Ende des Tunnels (Droschl). (Alexander Kluy / DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)