Gehen wir unter?

30. Dezember 2011, 17:52
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Habt ihr euch nie gefragt, warum in der Krise genau nach denen gerufen wird, die sie verursacht haben? Fondsmanager werden um Expertise gebeten, und Weltgeldfunktionäre verordnen Sparpakete

Wenn da eine käme und sagte, sie würde als Stellvertreterin den Auftrag haben, die Wucherer und Hedgefondskaiser hinauszutreiben, Rating- und Bankmanager vorzuführen, und mehr noch, die allerorts grassierende geile Gier im Namen des großen Ganzen zu bekämpfen, was würde geschehen? Sie hätte wohl Glück, nicht gleich in einer Einrichtung zur Bekämpfung von Burnout oder schizoiden Wahnvorstellungen zu landen, in der sie jeder so lange verstehen würde, bis sie sich als geheilt aufgäbe.

Beriefe sie sich bloß auf Auftrag und Großes, wäre das nicht weiter auffällig, das tun sie heute von rechts und links, und selbst Fußballer Arnautovic sagt, er sei "für dieses Land verantwortlich" (er hat bloß das kleine Österreich gemeint). Aber: Sie käme und stellte sich in die Nationalbank, eine ehrenwerte Institution, die nie etwas dafür kann, weil sie besten Wissens verwaltet, und würde seltsame Rede führen: "Sind denn Preiskartelle und Absprachen nicht verboten? Wie kann es dann sein, dass Rating-Agenturen bestimmen, welche Zinsen ein Staat für seine Schulden zahlen muss? Ist die EU denn etwa auf dem Auge blind, in das ihr die wirklich Mächtigen drohen, eine reinzuhauen?"

Ist die EU etwa blind?

Man würde nicht sofort die Polizei holen, aber bedrohlich sind solche Reden immer, niemand kann sagen, was Zornige als nächstes tun, und ob sie nicht Bomben unter ihren weiten Jacken tragen. Also mutige junge Finanzmanager vor, sie sind im Morgengrauen schon zwölf Kilometer gejoggt und haben danach Müsli gegessen, die sind gestählt, auch mental, die würden sie zu überreden versuchen, ihre Thesen doch in einer E-Mail zusammenzufassen, man werde sie lesen und weiterleiten. Doch keiner wäre so stark wie ihre Botschaft, sie würde sie abschütteln. Geldwechseltische umzustoßen gelingt nicht mehr, das ist alles virtuell und um so etwas auch nur anzustoßen, muss man Hacker sein, also würde sie weiterreden: "Habt ihr euch nie gefragt, warum in der Krise genau nach denen gerufen wird, die sie verursacht haben? Fondsmanager werden um Expertise gebeten, Bankpräsidenten und liberale Finanzprofessoren werden zu Regierungschefs, Weltgeldfunktionäre verordnen Sparpakete. Habt ihr euch nie gefragt, warum Jobs gestrichen, Löhne gekürzt, Sozialleistungen abgeschafft werden sollen, aber keiner von denen fordert, dass auch die Reichen zahlen sollen?"

Und während der Leiter unserer Nationalbank dafür plädierte, sie sprechen zu lassen, hätten andere längst entschieden, dass das politische Verhetzung oder noch Schlimmeres, jedenfalls aber Hausfriedensbruch sei. Habe die Lichtgestalt einer Finanzministerin nicht erst vor kurzem vor den "enormen Feindbildern", die gegen Banken aufgebaut würden, gewarnt? "So was hatten wir schon einmal, damals verbrämt gegen die Juden, aber damals waren ähnliche Gruppierungen gemeint. Es hat das zweimal in einem Krieg geendet." Wehret also den Anfängen, und schon wäre Polizei da, die natürlich nicht die Rede verböte, man ist geschult und das Wort ist frei, schließlich leben wir in einer Demokratie, aber der Ort für das Wort sei falsch gewählt und eine unzulässige Verwaltungsübertretung, vieler Paragraphen halber, die man suchen und auch noch finden werde.

Und weil alles schnell gehen würde, und eine Sekretärin einen Freund hat, der seine Zweifel und anderes studiert, stünden schon einige Menschen vor der Tür der Nationalbank, wenn sie polizeibegleitet herauskäme, noch immer laut redend: "Warum fordern diese Finanzexperten niemals Umverteilung? Wenn Ärmere mehr Geld hätten, dann würden sie es ausgeben, das kurbelt den Konsum an und das die Staatseinnahmen. Selbst in ihrem eigenen System also wäre so etwas von Vorteil. Könnte es sein, dass sie am Vorteil der Allgemeinheit gar nicht interessiert sind, sondern bloß an ihrem eigenen? Könnte es sein, dass sie sich freuen, wenn Staaten höhere Zinsen für ihre Schulden zahlen müssen, weil sie und ihre Bankenfreunde daran verdienen?"

Ein paar der Menschen würden applaudieren und den Polizisten, die schließlich nur ihre Pflicht täten, böse Blicke zuwerfen. Man würde ihnen sogar drohen, die Sache öffentlich zu machen und Polizeiübergriffe, die lasse man sich nicht gefallen und überhaupt habe sie recht, man sei von einer Organisation, die derartiges schon lange sage, auch wenn einem die Mächtigen nie zuhörten. Und die meisten Ohnmächtigen leider auch nicht. Ein Kameramann würde erscheinen, das Gerät auf der Schulter, und einer würde wissen wollen, von welchem Medium er geschickt worden sei, aber der würde bloß filmen und nichts sagen, und zwei junge Angestellte der Nationalbank würden stehen bleiben und überlegen, ob sie ins Fernsehen wollen. Sie aber würde, polizeiflankiert, die Rede fortsetzen: "Sie verdienen an den hohen Zinsen, die die Staaten zahlen müssen, sie haben keinerlei Interesse, die Krise zu beenden. Wenn ihre Bankenfreunde sich doch einmal verspekulieren und ein Land nicht mehr zahlen kann, dann sind diese guter Hoffnung, gerettet zu werden: Von denen, die sie ausgenommen haben. Weil am ehesten gibt es noch die Solidarität aus Angst vor Machtverlust, die Solidarität der Staaten mit den Banken."

Die geile Gier

Und dann würden die Polizeibeamten die Frau mit möglichst freundlicher Bestimmtheit und einigem Nachdruck in den Polizeiwagen setzen. Und die Gruppe von Menschen vor der Nationalbank würde eine Presseaussendung formulieren, von Polizeistaatmethoden und dringend notwendigen Änderungen im Finanzsystem wäre die Rede. Der Kameramann würde an seinem Beitrag schneiden, eineinhalb Minuten dürfe er sein, und in den Stadtnachrichten eines Privatsenders plante man ihn nach der Eröffnung der großen Kunstausstellung, unterstützt von einem privaten Glücksspielanbieter, ein.

Weil in einer altbewährten Talkshow mit sowohl gesellschaftspolitischem als auch zuschauerquotenmäßigem Anspruch gerade "Die Krise - gehen wir unter?" diskutiert werden sollte, und dort jemand auch einen linkslinken Fühler hat, würde sie eingeladen, live und im ehemals staat-lichen Fernsehen aufzutreten. Weil Extrempositionen tun einer Talkshow jedenfalls gut. Dort würde sie mit Mikrophon, guten Ratschlägen und Wasser versorgt in einen großen Sessel gesetzt werden, und könnte Banker und Experten und eine Aussteigerin begrüßen. Bevor die Sendung losginge, würde die Moderatorin sagen, dass ihr eine kontroverse Diskussion lieb und wert sei, wobei bitte nicht alle auf einmal reden sollten. Und ein anerkannter Ex-Banker mit dichtem weißem Haar, einer, der sich kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen braucht, weil er in Pension ist, und für den Fall des Krisenfalles längst ein Grundstück in Übersee sein Eigen nennt, würde seinen Nachbarn, einen hungrigen Hedgefondsmanager fragen: "Wer ist denn die?"

Und sie würde nicht bloß gegen die Banken wettern, gegen verbotene Preiskartelle, Wucherzinsen, Sparprogramme, die viele ärmer und einige noch reicher machen, sondern sie würde sagen: "Die geile Gier, die hat nicht bloß Banker gepackt, Schulden machen und hoffen aufs Glück oder irgendwen, der es richten wird. Weil wenn du nicht billiger kaufst, nicht mehr dafür bekommst, wenn du nicht nimmst, was du kriegen kannst, dann giltst du als dumm."

Der ehemalige Banker, der vorgesorgt hat, würde nicken und von den einfachen Dingen des Lebens sprechen. Sie würde ihn fragen, ob er bereit sei, mit ihr die Wucherer und Hedgefondskaiser hinauszutreiben, Rating- und Bankmanager vorzuführen, und die allerorts grassierende geile Gier im Namen des großen Ganzen zu bekämpfen. "So einfach ist das nicht", würde sich der Hedgefondsmanager an seiner statt empören. Und wenn sie dann fragte: "Was wäre daran kompliziert, Wucherzinsen für Staatsschulden zu verbieten? Staaten bekämen Geld zu niedrigeren Zinsen oder sie bekämen keines - und kein Politiker könnte sie so weiter in die Schuldenfalle treiben", würde Mister Hedgefonds antworten: "Lassen Sie mich jetzt endlich ausreden, ich habe Sie ja auch reden lassen."

Und danach, im Sondergastraum des Fernsehsenders, bei Getränken und Brötchen, die seit Stunden darauf gewartet hätten, verzehrt zu werden, würde die Moderatorin ihr, noch aufgewühlt von dem Gefühl, live da gewesen zu sein, die Hand schütteln: "Das war wirklich großartig. Und ganz wichtig für unsere Sendung. - Weißwein? Rotwein? Oder soll es etwas Alkoholfreies sein?"

Also mutige junge Finanzmanager vor, sie sind im Morgengrauen schon zwölf Kilometer gejoggt und haben danach Müsli gegessen, die sind gestählt, auch mental ... (Eva Rossmann, DER STANDARD, Printausgabe 31.12.2011./1.1.2012)

  • Eva Rossmann, geboren 1962 in Graz, ist Schriftstellerin. Sie schreibt 
Sachbücher und Krimis. Bevor sie 1994 freie Autorin wurde, war sie unter 
anderem Verfassungsjuristin im Bundeskanzleramt und  politische 
Journalistin. 1997 war sie  Mitinitiatorin des österreichischen 
FrauenVolksBegehrens. Seit 1999 schreibt sie  jedes Jahr einen 
Kriminalroman rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky. Sie  
moderiert auch die Diskussionssendung Club2. Sie lebt im  Waldviertel.
    foto: privat

    Eva Rossmann, geboren 1962 in Graz, ist Schriftstellerin. Sie schreibt Sachbücher und Krimis. Bevor sie 1994 freie Autorin wurde, war sie unter anderem Verfassungsjuristin im Bundeskanzleramt und politische Journalistin. 1997 war sie Mitinitiatorin des österreichischen FrauenVolksBegehrens. Seit 1999 schreibt sie jedes Jahr einen Kriminalroman rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky. Sie moderiert auch die Diskussionssendung Club2. Sie lebt im Waldviertel.

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    Sit-in vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: "Habt ihr euch nie gefragt, warum Jobs gestrichen, Sozialleistungen abgeschafft werden sollen, aber keiner fordert, dass auch die Reichen zahlen sollen?"

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