Jetzt mal wieder halblang

1. Jänner 2012, 18:01
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Fasten- und Entschlackungskuren gibt es viele. Doch Belege dafür, dass ein Nahrungsverzicht auf Zeit dem Organismus wirklich guttut, gibt es nicht

Alle Jahre wieder: Die Feiertage sind vorbei, der Gürtel spannt, und der Mensch wünscht sich einen Neuanfang. Jetzt haben Fasten und Entschlacken wieder Konjunktur. Ominöse Schadstoffe und sonstiger Ballast, der sich im alten Jahr angesammelt hat, soll entsorgt und fortgespült werden. Eine Heerschar von Ärzten und Heilpraktikern steht den Reinigungssuchenden dabei zur Seite. Die Angebote reichen von ayurvedischem Heilfasten bis Entschlackungskuren in den Bergen oder im Kloster - für jeden etwas.

Fasten tut wohl, meinen viele, die es praktizieren, und berichten von Entspannung und Euphorie. Physiologisch lässt sich das leicht erklären. Der Körper schaltet beim Hungern auf Notfallprogramm um. Er schüttet verstärkt Endorphine, Glückshormone, aus. Christliche Asketen und andere tiefreligiöse Menschen konnten sich so vermutlich gar in ekstatische Zustände versetzen - Erscheinungen inklusive. Dem modernen Fasten-Fan dagegen geht es meist um "Wellness" irdischer Prägung. Leib und Seele sollen gestärkt und gereinigt werden. Und das lässt man sich mitunter auch gerne etwas kosten.

Die tatsächliche Wirkung solcher Kuren ist unter Fachleuten allerdings sehr umstritten. "Es gibt zu diesem Thema keine Untersuchungen, die Hand und Fuß haben", sagt Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin.

Glückshormone

Dennoch weiß auch Widhalm, dass Fasten und Entschlacken für zahlreiche Menschen trotzdem mit Wohlbefinden verbunden ist. "Ich würde mich nie trauen, so etwas zu empfehlen, aber subjektive Empfindungen kann man nicht nachweisen." Das Gefühl der körperlichen Erholung, welches viele Fasten- und Diätkur-Aficionados verspüren, dürfte also ein Placeboeffekt sein.

Alex Witasek sieht da vieles anders. Sicher, es gebe unseriöse Angebote auf dem Markt, meint der Arzt. "Das Entschlacken ist leider auch eine Geschäftemacherei geworden." Aber das gelte gewiss nicht für alle Kuren. Witasek ist Präsident der Internationalen Gesellschaft der Mayr-Ärzte und somit Anhänger der Lehre von Franz Xaver Mayr, einem 1965 verstorbenen österreichischen Facharzt. Nach dessen Ansichten ist der Darm als Wurzelsystem des Menschen definiert. Ein Organ mit vielerlei Funktionen, vor allem für den Stoffwechsel. "Er ist Auspuff und Vergaser in einem, sozusagen", meint Alex Witasek lachend. Und diesen wichtigen Teil des Körpers gilt es zu schützen. "Schonung, Säuberung, Schulung und Substitution sind die vier Säulen der Mayr-Medizin."

Entschlackungskuren nach Mayr basieren nicht auf Fasten, betont Witasek. Die Teilnehmer bekommen täglich zu essen, aber eben Schonkost und oft in deutlich reduzierten Mengen. Mayrs ursprüngliche Milch-und-Semmel-Diät wende man nicht mehr an, unter anderem weil Kuhmilch und Weizenmehl häufig schlecht vertragen werden. "Deshalb geben wir heute mehr Eiweiß und weniger Kohlenhydrate."

Die Darmsäuberung wird in der Mayr-Medizin mittels Einnahme von Magnesiumsulfat, dem sogenannten Bittersalz, unterstützt. Es soll die Darmperistaltik anregen und so das Abführen stimulieren - ohne dabei der Darmflora zu schaden, behauptet Alex Witasek. Schädliche Keime dagegen werden verstärkt ausgeschieden, so der Mayr-Arzt. Eine neue, noch nicht veröffentlichte Pilotstudie weise dies nach. Besonders wichtig sind laut Mayr auch das ausgiebige Kauen und Einspeicheln der Nahrung. Dies müsse gelernt werden. Substitution steht für die Einnahme von Vitamin- und Mineralstoff-Präparaten während der Diätkur, falls erforderlich.

Die Mär von Schlacken

Der Begriff Schlackenstoffe ist ernährungswissenschaftlich nicht klar definiert. Das heißt jedoch nicht, dass sie nicht existieren, erklärt Alex Witasek. "Es gibt viele Schlacken, um die sich die Medizin nicht kümmert." Harnsäure, welches bekanntlich Gicht verursacht, sei eine der wenigen Ausnahmen. Aber es können im Körper noch viel mehr gefährliche Stoffwechselprodukte auftreten, meint Witasek, oxidiertes LDL-Cholesterin zum Beispiel. Normalerweise ist LDL-Cholesterin ein wichtiger Ausgangsstoff für die Produktion von Hormonen - wenn es aber von schädlichen Substanzen oxidiert wird und sich ablagern kann, verursache es Arteriosklerose.

"Auch der Stuhl ist eine Form von Schlacke, und der kann bei Stauung erhebliche Probleme verursachen", warnt Witasek. "Wenn ich täglich Stuhl habe, heißt das nicht, dass ich keine Verstopfung habe." Man kann dann trotzdem den Verdauungsabfall von vor einer Woche mit sich herumtragen, sagt der Arzt. Und wenn die faulenden Kotmassen zu lange drin sind, könne das Darmkrebs auslösen. Dementsprechend sei die Darmreinigung von so großer Bedeutung.

Die Mayr-Medizin beruht auf klaren wissenschaftlichen Prinzipien, betonen ihre Befürworter. Studien, die ihre Wirksamkeit belegen, sind allerdings in den einschlägigen internationalen Fachzeitschriften nicht zu finden, was auch Alex Witasek zugibt. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sind viele der Mayr-Grundsätze jedoch bestens nachvollziehbar: nicht hastig essen, gut kauen, keine Völlerei, weniger Fett, weniger Zucker, und Stress vermeiden. Aber wussten wir das nicht ohnehin schon längst? (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Printausgabe, 02.01.2012)

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Der Säuregehalt einer Flüssigkeit lässt sich an deren pH-Wert erkennen. Das Kürzel pH steht dabei für "potentio Hydrogenii", der Konzentration der Wasserstoffionen (in Form von H3O+ an Wasser gebunden) in einer Lösung.

Diese Ionen sind chemisch und somit auch physiologisch von zentraler Bedeutung. Je mehr davon vorhanden sind, desto saurer ist Wasser, Saft oder jede andere wässrige Lösung. Der pH-Wert an sich ist eine Zahl, die den negativen dekadischen Logarithmus der Konzentration der Wasserstoffionen ausdrückt. pH 1 ist dementsprechend sehr sauer. Neutrale Lösungen haben einen pH-Wert von 7. Darüber liegende Werte sind basisch.

Im menschlichen Körper liegt der pH-Wert von Blut und Lymphflüssigkeit bei 7,3 bis 7,5. Urin kann als Ausscheidungsprodukt jedoch einen deutlich niedrigeren pH-Wert haben, bis etwa 5. Manche Menschen messen dies und schließen daraus, ihr Körper sei "übersäuert". Sie übersehen jedoch, dass genau die überschüssige Säure soeben ausgeschieden wurde. (deswa)

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  • Wasser statt Wein: Für alle, die fasten, ist oftmaliges Wassertrinken oberstes Gebot.
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