Ministerpräsident Erdogan bedauert Todesopfer nach Luftangriff - Protestaktionen auch in Österreich - Beisetzung der getöteten Zivilisten
Istanbul/Wien/Linz - Nach dem tödlichen Luftangriff der
türkischen Armee im kurdisch dominierten Grenzgebiet zum Irak hat die
verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu einem "Aufstand"
aufgerufen. "Wir rufen das Volk von Kurdistan auf, auf dieses
Massaker zu reagieren", erklärte der Kommandant Bahoz Erdal vom
bewaffneten Arm der PKK am Freitag. Auch in Linz fand eine
Protestaktion statt, in Wien ist eine Demonstration am Nachmittag
geplant. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan äußerte indes sein
Bedauern über den Vorfall.
Die Kurden müssten mittels "Aufständen" reagieren, erklärte Erdal.
Die PKK benutzt diesen Begriff sowohl für Aktionen zivilen
Ungehorsams als auch für gewaltsame Proteste und Angriffe auf
Sicherheitskräfte. Erdal warf dem türkischen Militär vor, absichtlich
Zivilisten in dem Gebiet angegriffen und ein "organisiertes und
geplantes Massaker" verübt zu haben. Dass in dem Grenzgebiet Menschen
vom Schmuggel etwa mit Zigaretten und Treibstoff lebten, sei bekannt
und es sei daher "unmöglich", dass die Zivilisten nicht als solche
erkannt worden seien.
Bei dem Angriff am Mittwochabend waren im Grenzgebiet 30 bis 35
Menschen getötet worden, örtlichen Angaben zufolge handelte es sich
vor allem um junge Menschen, die vom Grenzhandel lebten. Die Gruppe
war offenbar mit Rebellen verwechselt worden, die dieselben Wege
nutzen, um etwa Waffen in die Türkei zu schmuggeln. Das türkische
Militär hatte zunächst von einem Einsatz gegen PKK-Rebellen
gesprochen, die Regierungspartei AKP aber dann von einem möglichen
Versehen. Am Freitag sprach dann die Armee den Angehörigen der Opfer
ihr Beileid aus, was als ungewöhnlicher Schritt und Einräumen eines
Versehens galt.
Erdogan bezeichnete den tödlichen Vorfall in seiner ersten
öffentlichen Reaktion als "bedauerlich und betrüblich". Mittels
Drohnen übertragene Bilder hätten eine Gruppe von rund 40 Menschen
gezeigt. "Es war unmöglich zu sagen, wer sie sind." Erst später habe
sich herausgestellt, dass es sich um Schmuggler gehandelt habe, die
auf Maultieren Zigaretten und Benzin transportiert hätten. Auch
Erdogan sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. "Kein
Staat bombardiert absichtlich sein eigenes Volk."
Proteste in Linz und Wien
Auch in Österreich fanden nach dem türkischen Angriff
Protestaktionen kurdischer Vereine statt. In Linz besetzten rund 50
bis 60 Personen vorübergehend das Alte Rathaus und forderten die
Herstellung eines Kontaktes zu Journalisten. Ein Mitglied der Gruppe,
das anonym bleiben wollte, erklärte gegenüber der APA, man wolle mit
der Aktion Aufsehen gegen das Vorgehen des türkischen Militärs
erregen und einen Appell an die Menschlichkeit in ganz Europa
richten.
Auch in Wien war eine Demonstration vor der türkischen Botschaft
in Wien gegen "das Massaker der Türkei an kurdische Zivilisten",
organisiert durch den Verband der Kurdischen Vereine in Österreich
(FEYKOM), geplant.
Die ursprünglich aus der türkischen Grenzprovinz Sirnak stammenden
bei dem Angriff getöteten Zivilisten wurden unterdessen beigesetzt.
"Die PKK ist das Volk" und "Märtyrer sterben nicht", riefen weinende
Angehörige bei der Trauerfeier. Die Opfer wurden in einem Massengrab
auf dem Friedhof in Gülyazi in der südöstlichen Provinz beigesetzt.
Ihre Särge waren mit kurdischen Fahnen geschmückt, auch Bilder des
inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan waren zu sehen. Aus Gülyazi
stammten viele der Opfer.
In der nahe gelegenen Stadt Uludere wurde eine Andacht für die
Getöteten abgehalten. Dort protestierten zudem erneut mehrere
Einwohner wegen des tödlichen Vorfalls gegen die türkische Regierung
und nannten Erdogan einen "Mörder". "Auch du wirst eines Tages
unseren Schmerz empfinden", riefen sie. Bereits am Donnerstag waren
in der Türkei tausende Kurden aus Protest auf die Straße gegangen.
Dabei war es zu teils schweren Zusammenstößen gekommen. (APA)