Weil neben den USA auch China stark auf Schiefergas setzt, wird Russland Preiskonzessionen machen müssen
Wien - Dass in Gesteinsschichten rund um den Erdball gigantische Mengen
unkonventionellen Gases gebunden sind, ist seit Jahrzehnten bekannt,
ebenso die Methode, wie Gasmoleküle aus Sandstein, Schiefer oder
Kohleflözen gelöst werden können. Es war letztlich eine Entscheidung im
US-Kongress, die sämtliche bis dahin als fix angesehenen Entwicklungen
über den Haufen werfen sollte.
Seit der US-Kongress nach intensivem Lobbying durch den vormaligen
US-Vizepräsidenten Dick Cheney 2005 das Bohren nach unkonventionellem
Gas vom Clean Water Act befreit hat, ist Goldgräberstimmung angesagt.
Binnen weniger Jahre sind die USA von einem Nettoimporteur von Gas zu
einem Nettoexporteur geworden. Weil jetzt auch China aufspringt, geraten
gewachsene Strukturen und Abhängigkeiten ins Trudeln.
"Unkonventionelles Gas wird das Beziehungsgeflecht zwischen Exporteuren
und Importeuren grundlegend verändern", sagte Kurt Oswald, Vice
President der international tätigen Managementberatung A.T. Kearney, dem
Standard. Teilweise sei dies bereits geschehen - erkennbar an der
Gasblase, die sich in Europa gebildet hat. Folge: Sogenanntes Spotgas,
das kurzfristig gehandelt wird, ist deutlich billiger als langfristig
geordertes Pipelinegas
Da Länder wie Katar, Australien oder Staaten im Nordwesten Afrikas wie
Nigeria den Ausbau von Gasverflüssigungsterminals forcieren, dürfte der
Anteil von nicht an eine Pipeline gebundenem Gas in Europa noch steigen.
Besonders Russland dürfte unter Druck geraten, Hauptlieferant des in
Europa benötigten flüchtigen Energieträgers. Geplante Flüssiggasexporte
in die USA, die unter anderem aus dem Shtokman-Feld in der Barentsee
kommen sollten, werden aufgrund der Gasfunde in den USA wohl nach
Südeuropa umgeleitet werden müssen.
China setzt auf Schiefergas
Kommt noch hinzu, dass China jetzt noch viel weniger Druck verspürt,
rasch einen Vertrag über die Lieferung von russischem Erdgas
abzuschließen. Seit das Potenzial an Schiefergas im Land erkannt wurde,
wird in manchen Kreisen bereits von Ressourcenautarkie bei Gas
gesprochen. Die Vorräte dieses durch Fracking (Aufbruch des Gesteins
mittels Einsatz von Chemikalien und großer Wassermengen) förderbaren
Gases gehören mit zu den größten weltweit.
Noch steht China erst am Beginn, hat aber ehrgeizige Ziele. Bei einem
grob geschätzten Bedarf von 300 bis 350 Mrd. m3 Gas im Jahr 2020 will
Peking rund 210 Mrd. m3 im Land selbst fördern - davon 140 Mrd. m3
konventionell. Ein Drittel (70 Mrd. m3) soll aus Schiefergestein,
Kohleflözen oder Sandstein gewonnen, der Rest durch Importe gedeckt
werden. Chinas Staatsunternehmen haben massiv begonnen, sich in
einschlägige US-Firmen einzukaufen und so notwendiges Know-how zum
Bohren nach unkonventionellem Gas sicherzustellen.
"Russland wollte die asiatische Karte spielen, das geht jetzt immer
weniger", sagte Oswald. Auch Indien sitze auf großen
Schiefergasvorkommen und sei für russische Gasexporte außer Reichweite.
Bleibe Europa. Mit Ausnahme von Polen, das sich aus der Abhängigkeit von
russischen Gaslieferungen befreien möchte, dürfte Schiefergas in unseren
Breiten nirgendwo ein großes Thema werden. Das gilt auch für Österreich,
wo die OMV jüngst auf ein großes Schiefergasvorkommen im nördlichen
Weinviertel gestoßen ist. Oswald verweist auf die im Vergleich zu den
USA deutlich höheren Kosten der Förderung, was teilweise mit den
schärferen Umweltauflagen zu tun habe.
Dennoch könnten Europas Konsumenten profitieren - von Preiskonzessionen,
die Russland über kurz oder lang machen müsse, wolle es sein Gas in
gewohntem Umfang anbringen. (Günther Strobl, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.12.2011)