Neue Lehrer kriegt das Land

30. Dezember 2011, 06:15
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Die international erfolgreiche Initiative "Teach for all" startet 2012 auch in Österreich: Hochschulabsolventen sollen Lehrer auf Zeit werden und benachteiligten Schülern dabei helfen, ihr Potenzial zu erkennen

Wien - Lehrerin? Nein, Lehrerin wollte sie nie werden. Das war der Beruf ihrer Mutter, und sie hat erlebt, wie anstrengend und undankbar diese Berufung ist. Auf Lehramt hat sie nie studiert.

Dennoch ging Katrina Black mit ihrem Top-Abschluss von einer der besten Universitäten Englands an eine der schwierigsten Schulen des Landes - um zu unterrichten.

Eine Idee, die in den USA, Deutschland, Brasilien und 17 weiteren Ländern schon lange möglich ist, soll jetzt auch in Österreich umgesetzt werden: Nach dem Vorbild von "Teach for America" sollen hervorragende Hochschulabsolventen für zwei Jahre als Lehrer auf Zeit in Schulen mit besonders herausfordernden Bedingungen platziert werden. Ziel der Initiative ist es, eine nationale Bewegung zur Beseitigung von Bildungsungerechtigkeit ins Rollen zu bringen.

"Ich fand es unfair zu sehen, wie viele Kinder aufgrund ihrer Herkunft weniger aus ihrem Leben machen können", erklärt Katrina. Die Londoner Schule, an der sie unterrichtete, war berüchtigt: Der Direktor war bei einer Rauferei getötet worden. "Diese Zeit war die härteste und beste Erfahrung meines Lebens", sagt die heute 25-Jährige.

2010 bewarben sich allein in den USA 46.000 Uni-Absolventen für die Teilnahme, unter ihnen 17 Prozent aller Harvard-Absolventen. Wendy Kopp, Gründerin der Organisation, wurde von Time zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gekürt.

Mit dem Programm ist Katrina fertig, seit August hilft sie, in Wien die Initiative aufzubauen. Sie strahlt, wenn sie von ihrer Erfahrung als Lehrerin erzählt. "Die Kinder sind neugierig und wollen lernen. Es geht darum, ihnen zu zeigen: Das könnt ihr auch."

Viele Studien belegen den Erfolg des Konzeptes: Die Schüler erzielen vergleichsweise bessere Ergebnisse - vor allem wenn es sich um Schulen mit sozialen Brennpunkten handelt. Umgekehrt erlebt der Großteil der Teilnehmer das Programm als persönliche Bereicherung. Und als Karrieresprungbrett. Schließlich schadet es nicht, wenn ein junger Mensch nicht nur Bestnoten vorweisen kann, sondern nebenbei gelernt hat, 30 unterschiedliche Charaktere bei der Stange zu halten.

Eine Eliteschmiede also? "Auf gar keinen Fall", wehrt der Gründer von "Teach for Austria", Walter Emberger, ab. "Es gibt einfachere Wege, den Lebenslauf mit Sozialkompetenz aufzupimpen." Bildung sei in Österreich zu einer Art Privileg geworden, "und sie ist doch unser wahres Asset", sagt Emberger. Der Zusammenhang zwischen einkommensschwachen Familien und schlechten Schulleistungen der Kinder wird auch in der Pisa-Studie betont. "Genau da wollen wir ansetzen - die Schüler ermutigen, ihr Potenzial auszuschöpfen und Selbstvertrauen aufzubauen."

Start mit 40 "Fellows"

Die Gespräche mit diversen Landes- und Stadtschulräten seien sehr positiv verlaufen. Im September 2012 soll an Haupt- und Neuen Mittelschulen in Wien und Salzburg mit 40 "Fellows" gestartet werden. Bewerbungen von Absolventen werden ab sofort entgegengenommen. Wer das Auswahlverfahren übersteht, erhält im Sommer eine zweimonatige pädagogische Ausbildung, bevor es losgeht. Auch Schulen können ihr Interesse bekunden und sich bei "Teach for Austria" melden. Die Fellows sollen für zwei Jahren als reguläre Schulkräfte vom Land angestellt werden.

Auf keinen Fall will die Initiative als Konkurrenz zur bestehenden Lehrerausbildung verstanden werden. Vielmehr soll die Idee der Quereinsteiger im Bildungsbereich vorangetrieben werden - und so jene Menschen ansprechen, die nicht für den Rest ihres Lebens den Lehrberuf ausüben wollen, sich aber engagieren wollen. "Positiv auf ein anderes Leben einwirken zu können ist eine einzigartige Chance", so Katrina. "Das, was du von den Kindern zurückbekommst, ist es wert." (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2011)

  • Nur fünf Prozent der Schüler bringen trotz schwieriger Voraussetzungen 
gute Leistungen. Das Projekt "Teach for Austria" will mit motivierten 
Quereinsteigern Chancengleichheit in Österreich fördern.
    foto: standard/cremer

    Nur fünf Prozent der Schüler bringen trotz schwieriger Voraussetzungen gute Leistungen. Das Projekt "Teach for Austria" will mit motivierten Quereinsteigern Chancengleichheit in Österreich fördern.

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