Menschenaffen auf dem Weg zur Sprache: Schimpansen wissen, was ihre Artgenossen wissen, um effizienter zu kommunizieren
Leipzig/Wien - Man kennt es aus eigener Erfahrung. Geht man durch einen Wald,
so stoßen viele Tiere Alarmrufe aus, um ihre Artgenossen vor der möglichen
Gefahr zu warnen. Dies geschieht, wie Verhaltensbiologen wissen, häufiger bei
Anwesenheit von verwandten Tieren. Bisher gab es jedoch wenig Belege dafür, dass
selbst besonders kluge Tiere den Wissensstand ihrer Gruppenmitglieder
berücksichtigen.
Studien an Schimpansen, die im Zoo leben, hatten zu widersprüchlichen
Resultaten geführt. Catherine Crockford von der Universität St. Andrews in
Schottland beobachtete deshalb mit Kollegen ihrer Uni und Forschern vom
Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie frei lebende
Schimpansen im Budongo-Wald in Uganda, die sie mit Attrappen gefährlicher
Giftschlangen konfrontiert hatten.
Video 1: Das erwachsene Männchen Squibbs marschiert vor dem Weibchen Kutu und seinen zwei Nachkommen. Als Squibbs vor ihm auf dem Pfad eine gut getarnte Schlange entdeckt, stößt er fünf Warnrufe auf und umgeht die Gefahr. Obwohl die etwas später nachkommende Kutu nicht erkennen konnte, wo die Schlange sich verbirgt, wählt auch sie eine Ausweichroute.
Konkret ging es um zwei unechte Gabunvipern und eine Nashornviper, die sich -
in echt - gut tarnen und oft wochenlang am selben Fleck liegen. "Es lohnt sich
also, wenn der Schimpanse, der sie entdeckt, seine Gruppenmitglieder vor der
Gefahr warnt", so Crockford.
Die Biologen nahmen für ihre Untersuchung, die im Fachblatt Current
Biology veröffentlicht wurde, das Verhalten von 33 verschiedenen Schimpansen
unter die Lupe, die jeweils eine der drei Schlangenattrappen gesehen hatten. Bei
den Beobachtungen zeigte sich, dass Alarmrufe häufiger dann ausgestoßen wurden,
wenn der Rufer sich in Gesellschaft von Gruppenmitgliedern befand, welche die
Schlange entweder selbst noch nicht gesehen oder frühere Warnrufe nicht gehört
haben konnten.
Video 2: Die beiden ausgewachsenen Männchen Kato und Nick bewegen sich etwa 20 Meter getrennt voneinander auf einem schmalen Pfad. Kato, der voran geht, entdeckt eine Schlange auf dem Weg und warnt den nachfolgenden Schimpansen mit mehreren Rufen. Dann blickt er zurück und warnt Nick erneut. Dieser stoppt und wählt schließlich eine Ausweichroute, ohne die Schlange selbst gesehen zu haben.
"Schimpansen scheinen den Wissensstand anderer zu berücksichtigen", folgert
Koautor Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in
Leipzig. "Sie verstehen offenbar, dass sie etwas wissen, was ihr Gegenüber nicht
weiß." Gruppenmitglieder, welche die Gefahr bereits kannten, wurden nämlich
entsprechend seltener informiert.
Voraussetzung für Sprache
Diese neue Beobachtung könnte auch neues Licht auf die Entwicklung der
Sprache werfen, die eine exklusive Errungenschaft des Menschen ist. Denn die
Fähigkeit zum Bereitstellen von fehlenden Informationen an andere
Gruppenmitglieder gilt für einige Evolutionsbiologen als ein wichtiger Schritt
für die Ausbildung sprachlicher Kommunikation: Denn warum sollte man jemanden
über etwas informieren, wenn man nicht vorher erkannt hat, dass derjenige diese
Information benötigt?
Wann in der Evolution der Affenartigen beziehungsweise der Menschenartigen
dieser wichtige Schritt gegangen wurde, ist wissenschaftlich ungelöst. Wie die
neue Untersuchung zeigt, sind bei Schimpansen mehr Voraussetzungen für komplexe
Kommunikation vorhanden als bisher gedacht. Deshalb dürfte wohl auch bereits der
gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse vor sechs Millionen Jahren erste
Ansätze gezeigt haben. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2011)