Kommentar von Markus Bernath

Türkei auf gefährlichen Abwegen

Kommentar | Markus Bernath, 29. Dezember 2011, 18:00

Massenverhaftungen und Machtverliebtheit deuten auf eine autoritäre Wende

Für einen Schauprozess ist zu wenig Platz im Gerichtssaal, für einen Geheimprozess gibt es zu viel kritische Öffentlichkeit. Doch normal ist das Strafverfahren, das diese Woche in Istanbul gegen 13 Journalisten und einen Schriftsteller eröffnet wurde, keinesfalls. Die türkische Regierung lässt gegen ihre politischen Gegner verhandeln. Im zehnten Jahr an der Macht hat die konservativ- muslimische Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) das Land in einen bösen Verdacht gebracht: Die Türkei wird autoritär.

Es ist schwer, den Prozess vor der 16. Großen Strafkammer in Istanbul mit dem Bild vom Aufsteigerland Türkei in Einklang zu bringen, das die Regierung Tag für Tag beschwört: Die Türkei als eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften, demokratischer und im Inneren befriedeter denn je, eine Energiedrehscheibe, ein Land, auf das die arabische Welt mit Neid blickt und das die krisengeplagten EU-Staaten wie den früheren Feind Griechenland hoffnungslos alt aussehen lässt.

Doch zugleich greift die Polizei fast jeden Morgen vor Sonnenaufgang zu. An die 100 Journalisten sind in der Türkei im Gefängnis, mehr als offiziell in China; bei 4000 wird nun die Zahl der Untersuchungshäftlinge liegen, denen eine Mitgliedschaft im poli- tischen Arm der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vorgeworfen wird: Bürgermeister, Stadträte, Anwälte, Unidozenten und wieder Journalisten.

Die Verhaftungswellen in türkischen Städten nehmen sich aus wie eine Hexenjagd auf politisch Andersdenkende, die so massiv ist, so weit in die Gesellschaft reicht und so wenig Sinn für das rechte Verhältnis erkennen lässt, dass sie die Frage nach dem langfristigen Ziel aufwirft: eine muslimisch gesteuerte Business-Demokratie? Ein AKP-Staat, in dem sich Erdogan auf lange Zeit einrichtet, und 2014, nach 13 Jahren im Amt des Regierungschefs, noch eine, vielleicht zwei Amtszeiten als Staatspräsident anhängen will? Und wozu - nur um der persönlichen Macht willen?

Die wöchentliche Ansprache an die Parlamentsabgeordneten seiner Partei - von Nachrichtensendern jeden Dienstag übertragen - führt anschaulich vor, wie in all den Regierungsjahren die innere Demokratisierung der AKP zurückgeblieben ist. Erdogan erschien lange als Modernisierer, ein Demokrat mehr aus Zwang als aus Herkunft und Überzeugung. Er brachte das Kunststück fertig, drei Parlamentswahlen in Folge mit zunehmender Stimmenzahl zu gewinnen. Und gewiss, Erdogan und seine Partei haben den Machtkampf gegen die Armee der Putschgeneräle für sich entschieden. Doch an deren Stelle, so scheint es nun, ist die Polizei getreten. Sie kontrolliert, hört mit, verhaftet.

Das Verstörende ist die Dauerbe- rieselung des türkischen Publikums durch die Regierung mit Erfolgsmeldungen vom demokratischen Kampf, ihr eklatanter Mangel an Selbstreflexion, die Zurückweisung jeglicher Kritik, die seelenruhige Behauptung von offenkundig Unrichtigem. Kein Journalist sitze in der Türkei im Gefängnis wegen seiner beruflichen Tätigkeit, ist etwa einer der Standardsätze von Europaminister Egemen Bagis. Doch eine Reporterin der Tageszeitung Birgün ist gerade zu einem Jahr Haft verurteilt worden wegen eines vier Zeilen langen Zitats in ihrem Artikel - und nicht, weil sie Hühner gestohlen hätte oder Blaupausen für eine Atombombe. (DER STANDARD-Printausgabe, 30.12.2011)

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omar chamra
00
30.12.2011, 16:17
35 Schmuggler wurden von den türkischen "Ordnungskräften" ermordet

und in Österreich hören wir kein Pieps dazu.

Landliebe
00
31.12.2011, 01:53

Orf meldete das 24 Stunden vor den türkischen pressen... also ist dein vorwurf nicht ganz verständlich ... erst durch die globalen meldungen sahen sich die Türken gezwungen, ihre mord an Zivilisten bekannt zu geben

MASCH49
 
00
30.12.2011, 18:37
Das stimmt nicht ganz, ...

im ORF Teletext war es zu lesen.
Allerdings ohne näheren Kommentar

Michigil
 
33
30.12.2011, 15:02
In jedem Staat existieren Tabus

In der Türkei ist es halt das Minderheitenproblem, dass Widerstand erzeugt, der als Terrorismus bezeichnet wird. Bitte sich vor Augen zu führen, wie EU-Staaten Terrorismus definieren (gegen Basken, Iren, Atomkraftgegner, "ewig Gestrige" usw.) und dagegen vorgehen.

anders and
 
15
30.12.2011, 15:16
ich weiß ja nicht was Sie sich vor die Augen führen

aber ganz klar dürften Sie nicht mehr sehen.

Geben Sie doch einmal das Brett (oder was sonst auch immer) vor Ihrem Kopf weg!

So! Merken Sie jetzt, dass es hier um Presse- und Meinungsfreiheit geht?!

(Wobei es in Europa in den letzten 30 Jahren nirgendwo eine Minderheitenpolitik gab, die jener der heuteigen Türkei auch nur enfernt ähnelte.
Und ich kenne keinen Fall von deutschen Atomkraftgegenern, die monatelang in Haft auf einen Prozess warten.)

byron sully
33
30.12.2011, 13:40

das ist bedenklich und autoritär, ja. aber das hat nicht unter erdogan begonnen, sondern so funktioniert der türkische staat seit jahrzehnten. erdogan ist zwar dafür zu verurteilen, daß er solche vorgänge nicht abgestellt hat, aber nicht dafür, daß er sie eingeführt hat. denn das stimmt einfach nicht.

anders and
 
15
30.12.2011, 14:00
Erdogan hat den türkischen Staat umgestaltet,

die Türkei läuft nicht mehr so wie vor 15 Jahren.

Erdogan hätte dabei die Chance gehabt den türkischen Staat weniger autoritär agieren zu lassen - und das hat er sogar getan solange die Chance auf eine EU-Mitgliedschaft gegeben schien.

Dass Erdogan seinen Kurs geändert hat kann man ihm durchaus vorwerfen - er hätte auch anders können.

byron sully
20
31.12.2011, 18:32

er hätte auch anders können - ja. aber autoritärer als seine vorgängerInnen ist er nicht wirklich.

EurAsia
182
30.12.2011, 12:32
Die türkei ist ein rechtstaat und

Wenn jornalisten den teror unterstützen sind sie zu bestrafen. So einfach! Go erdogan go..!

MASCH49
 
01
30.12.2011, 18:40
Frage :

Wollten Sie nur provozieren, oder
sollte man Sie suchen, finden und
ruhigstellen ?

Thutmes
01
30.12.2011, 17:49

Für Lobesgesänge betreffend den neuen Kim haben Sie definitiv das falsche Forum erwischt.

john pell
00
30.12.2011, 17:48

Supper kommentar zum thema presse freiheit ich bin für di tote strafe für jonarlisten.ja und tote strafe für alle die andere denken als ich .sicher so machman ein lad oder?

Timagoras
 
20
30.12.2011, 17:36
Ungarn ein rechtstaat und

wenn jornalisten die regierung kritisieren, sind sie zu bestrafen. so einfach! go Orban go..!

merken'S was?

Der Waehlerwille
 
00
30.12.2011, 17:25
in Ihrem fall steht Rechtsstaat aber für "Rechts" und nicht für "Recht"

Ich glaube Ihnen ist der Begriff Rechtsstaat nur dem Namen nach bekannt.

Hejaro Kardox
31
30.12.2011, 15:23
Türkei ist kein Rechtstaat.

Die Türkei unterstützt und erzeugt selbstTerrorismus und muss dafür verurteilt werden.

Sahin's Zahnlücke
20
30.12.2011, 21:03
*gähn*

Baltasar König
01
30.12.2011, 14:49
ein "rechts" - Staat, ja -- sehr weit rechts

anders and
 
13
30.12.2011, 14:04
solche brillianten kleinen Sätzchen

beliebte auch der große Führer Stalin dem ungläubigen Westen zukommen zu lassen.

Bemühen Sie sich nicht - der dumme Westen wird nie begreifen wie recht die großen Schnurbärtigen doch haben (wobei Recep neben Josef fast ein wenig nackig aussieht, finden Sie nicht?)!

Lobo Paso
 
33
30.12.2011, 13:39
Richtig! So weit rechts wie kein anderer in Europa

- gut dass sie nicht zu Europa gehören.

Zweitgeist
01
30.12.2011, 12:53

die türkei ist eher ein jetzterstrechtstaat.

Cyber Motzer
05
30.12.2011, 12:27
wenn dort die Analphabeten zumindest

nicht bei Parlamentswahlen zugelassen wären, dann sähe die Machtverteilung etwas anders aus.

LGL
02
30.12.2011, 14:33
da ist wohl auch das passive Wahlrecht gemeint ...

Chiricahua
67
30.12.2011, 10:40
erdogan träumt einerseits vom

eu-beitritt, andererseits von der wiederauferstehung des osmanischen reiches.
und er ist nicht weit weg vom ziel. was die osmanen mit dem schwert nicht geschafft haben, schaffen die türken heute dank unserer e-card und der erfindung der wegwerfwindel...

Der Waehlerwille
 
00
31.12.2011, 01:34
was bitte hat nun das eine mit dem anderen zu tun?

würdet ihr bitte aufhören die gestörte minderheitenpolitik eines erdogan und konsorten mit den in österreich lebenden menschen türkischer herkunft zu verwechseln?

null komma nix
29
30.12.2011, 13:51
Das viele türkisch stämmige öst. oder türk.Gastarbeiter...

....die e-card haben stimmt schon . Ich bin einer davon. Aber wissen sie ich und meine Familie haben sie nur weil wir seit Jahrzehnten brav arbeiten und das österr. Sozialsystem mitfinanzieren.Und als ich geheiratet habe hat meine Ehefrau nur eine e-card bekommen weil ich mehr SVA Beiträge bezahlt habe bis sie selber arbeiten ging.

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