Lebemänner, Klassiker und nahende Intendanten

29. Dezember 2011, 18:26
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2012 bringt als Jubilare u. a. Klimt, Nestroy und Schnitzler. Spannung bergen Alexander Pereiras Salzburger Start oder Handkes neuestes Stück

Die Standard-Kulturredaktion traf eine subjektive Auswahl.

Bildende Kunst

Goldregen ergießt sich in Form des Gustav-Klimt-Jahrs über Wien: Der 150. Geburtstag des Jahrhundertwende-Lebemanns eignet sich, um Vorboten einer (Wirtschafts-)Depression zu vertreiben (den werterhaltenden Klimt gibt es ab 15. 1. als Goldmünze): Dem Besucher beschert das neun isolierte Sonderschauen (u. a. Belvedere, KHM, Albertina, Wien-Museum).

Statt Klimt-Übersättigung lieber ein inoffizielles Albrecht-Dürer-Jahr: In Nürnberg feiert man ganz ohne Jubiläum den Frühen Dürer. Die Schau im Germanischen Nationalmuseum ist die größte Dürer-Ausstellung in Deutschland seit vierzig Jahren. Ab 9. Juni mischt die Documenta wieder einmal für 100 Tage Kassel auf. Spannend ist, dass Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev die Documenta 13 zum Thema "Zusammenbruch und Aufschwung" auf ungewöhnliche Plätze ausdehnt.

Widerständigen Geist beschwören in Wien zwei viel kleinere Ausstellungen: Hands-On Urbanism 1850-2012. Vom Recht auf Grün (Architekturzentrum, ab 15. 3.) erzählt eine Ideengeschichte von Landnahmen im urbanen Raum. Nützliche Nachhilfe leistet auch Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern (Wien-Museum, ab 12. 4.).

Aufmerksamkeit verdient eine kleine Revolution im KHM: US-Maler Ed Ruscha (ab 7. Juli ebenso mit einer Personale im Kunsthaus Bregenz vertreten) ist der erste Künstler, der im Herbst aus den Sammlungsingredienzen des Traditionshauses einen ganz subjektiven Kosmos bauen darf.

Popmusik

Die Sache mit den Rolling Stones scheint noch offen, dennoch bietet 2012 ein Wiedersehen mit alternden Bekannten. Duran Duran (23. 1. , Wien) versuchen etwa Würde im feinen Zwirn zu zeigen, und Herbert Grönemeyer beknödelt Salzburg (7. 6.). Judas Priest sagen für immer Adieu (5. 5., Linz), die Altspatzen von Black Sabbath (26. 6., Wiener Stadthalle) treten dafür, so Sharon Osbourne will, wieder in Originalbesetzung auf. Zu erwarten sind zudem Geschichtsbewusstsein von Sting (19. 2., Wien) sowie ein Highlight im Zeichen des Hemdsärmels von Bruce Springsteen (12. 7., Wien).

Die Jugend darf auch 2012 jenseits aller Geschmacksgrenzen feiern, etwa mit den Elektrofudlern von Justice (23. 2., Wien) oder den Proto-Atzen Deichkind (21. 3., Wiener Stadthalle). Humor bieten im Juni der große Helge Schneider (Wien, Salzburg) und Die Ärzte (Graz, Wien). Für einen geringen Anstieg der Frauenquote sorgen Soap&Skin (Februar in Wien, Linz und Graz) und die Kanadierin Feist (10. 3., Wien). Vorfreude gilt zudem Gastspielen von Shearwater (13. 4., Wien) und The War on Drugs (5. 6., Wien).

Film

Das heimische Autoren-Kino tritt 2012 mit geballter Kraft an: Ulrich Seidls zur Trilogie angewachsenes Projekt Paradies wird ebenso wie der neue Film von Michael Haneke seine Uraufführung erleben. Amour, für den Haneke Jean-Louis Trintignant gewinnen konnte, erzählt von einem Paar, das mit Alter und Krankheit umgehen lernen muss. Außerdem feiert die Viennale im Oktober ihren 50er.

Aus Hollywood werden zwei Produktionen wohl am sehnsüchtigsten erwartet: Christopher Nolans The Dark Knight Rises bringt Ende Juli ein Wiedersehen mit dem Flattermann, Ende des Jahres folgt Peter Jacksons Herr der Ringe-Prequel The Hobbit. Auf unserer persönlichen Liste stehen P. T. Andersons Glaubensdrama in den 50ern, The Master, der neue, noch namenlose Liebesfilm von Terrence Malick (mit Ben Affleck und Rachel McAdams) - und natürlich Quentin Tarantinos Django Unchained. Martial-Arts und Heldenepos steuern zwei chinesische Meisterregisseure bei: Wong Kar-wei dürfte The Grandmasters vollendet haben, auch auf Jia Zhang-kes In The Qing Dynasty sollte man 2012 hoffen dürfen. Big House, der neue Film vom italienischen Regisseur Matteo Garrone (Gomorrha), soll sich schließlich dem Phänomen von TV-Shows annehmen.

Theater

 Der Mai wird hier zum Hauptmonat - und das nicht nur, weil die Wiener Festwochen starten. Einerseits gedenkt man des 150. Geburtstags Arthur Schnitzlers (15. 5.) sowie zehn Tage später des 150. Todestags Johann Nepomuk Nestroys, zwei Zentralgestirne der österreichischen Dramatik, deren Werke auch ohne Jubiläen die Spielpläne auf sichere Beine stellen. Im Mai steht auch das Mammutprojekt von Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann an, Troja nach Homers Epos Ilias. Ebenso in diesen Tagen stellt Festwochen-Chef Luc Bondy Peter Handkes neuestes Stück, Die schönen Tage von Aranjuez, vor. In großer Vorfreude zählen wir jetzt schon die Tage bis zur Uraufführung von Teil drei und vier des groß angelegten Biografie-Musicals Life & Times des Nature Theater of Oklahoma im Burg-Kasino am 21. Jänner - ein Highlight.

Absehbar ohne größere Extras werden 2012 die diversen Karl-May-Festspiele über die Bühne gehen, und das obwohl Karl May im März vor genau einhundert Jahren gestorben ist. Hoch lebe Karl May!

Das größte Theaterrätsel 2012 gibt Sven-Eric Bechtolf auf. Das erstmals von ihm verantwortete Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele besteht neben Andrea Breths Prinz von Homburg (Kleist) vor allem aus hierzulande unbekannten Namen. Wie hält es wohl Irina Brook, Tochter der Theaterlegende Peter Brook, mit Peer Gynt, und was steckt hinter Mojo des Londoner Theatre-Rites? Wir sind gespannt.

Klassik

Hier sollte zuerst das Wetter halten: In Mörbisch etwa, wo die Premiere zuletzt abgesagt werden musste und Harald Serafin mit der Fledermaus (12. 7.) seine letzte Premiere zeigt - und in Bregenz, wo die toll inszenierte Oper André Chenier (18. 7) wiederkommt. Dort, wo man vor allem in wettergeschützten Räumen spielt, etwa in Salzburg, beginnt die Ära von Alexander Pereira. Neben Premieren von u. a. Carmen, La Bohème und Zauberflöte bringt er als Neuheiten eine vorangestellte sakrale Woche und am Ende der Festspiele (20. 7. - 2. 9.) erstmals einen Festspielball. In Wien stellt sich die Frage, ob die gut begonnene Staatsopernsaison mit der Premiere von Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (24. 1.) gut weiter- und mit Don Carlo (16. 6.) gut zu Ende geht.

International ist man auf Wagner gespannt: In München startet Andreas Kriegenburg seinen Ring-Zyklus mit Rheingold (4. 2.); und in Bayreuth lockt der Fliegende Holländer (25. 7.). (kafe, wall, kam, afze, tos / DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2011)

  • Im neuen Jahr steckt: Vorfreude auf Wong Kar-weis Film "The Grandmasters", ...
    foto: block2pictures

    Im neuen Jahr steckt: Vorfreude auf Wong Kar-weis Film "The Grandmasters", ...

  • ... Bangen vorm Klimt-Overkill ...
    foto: mak

    ... Bangen vorm Klimt-Overkill ...

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    ... und echtes Abrocken mit Bruce Springsteen.

     

  • 150. Todestag: Johann Nepomuk Nestroy.
 
    foto: picturedesk

    150. Todestag: Johann Nepomuk Nestroy.

     

  • 150. Geburtstag: Arthur Schnitzler.
 
    foto: ullstein bild

    150. Geburtstag: Arthur Schnitzler.

     

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