Stolze Stadt mit Stolpersteinen

29. Dezember 2011, 17:53
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Die Gemeinde Waidhofen an der Ybbs hat in den vergangenen zehn Jahren viel Geld in die Stadt gepumpt. Als die Einnahmen einsackten, wurde die Lage kritisch - Der Ort hat aber schon ganz andere Krisen überstanden.

Waidhofen an der Ybbs / Wien - Die Waidhofner lieben die Erhebungen rings um ihre Stadt am Westrand des Mostviertels - den Wetterkogel und den Buchenberg zum Beispiel. Einer ihrer Berge genießt aber weniger Zuneigung: der Schuldenberg. Höhe: 42,3 Millionen Euro. Jährlich soll er dank 2009 verabschiedetem Sparpaket um je 500.000 Euro schrumpfen. Von allen Gemeinden Österreichs mit mehr als 5000 Einwohnern stand Waidhofen über die letzten Jahre finanziell laut einer aktuellen Studie am schlechtesten da. (Artikel rechts unten)

Die Bürger des 11.470-Einwohner-Orts an der Ybbs nehmen die Budgetsituation gelassen - oder tun zumindest so. Man spüre kaum etwas von den Finanznöten der Gemeinde, lediglich die Abgaben- und Gebührenerhöhungen (z. B. der Kanalgebühren um fast 20 Prozent) von vor drei Jahren, sagen die meisten. Vielleicht tun die Leute auch nur so entspannt, wenn sie ein Auswärtiger fragt.

"Kleines Salzburg"

Denn, so weiß eine junge Mutter, die seit fünf Jahren hier lebt: "Sie sind sehr stolz, die Waidhofner. Ich nenne die Stadt auch ,kleines Salzburg' in Niederösterreich." Stolz sind die Waidhofner zum Beispiel auf ihr Rothschildschloss, das die Stadt dem Bund 2002 abkaufte und von Architekt Hans Hollein renovieren ließ. Seither ragt ein Glaskubus aus der Turmspitze, der keinen kaltlässt. Vom Kristallsaal im Inneren, wo Konzerte und Veranstaltungen stattfinden, schwärmt Bürgermeister Wolfgang Mair (ÖVP) in den höchsten Tönen. Einen Teil der Renovierungskosten, rund zwei Millionen, zahlte die Stadt.

Über eine Fußgängerbrücke über die Ybbs erreicht man direkt gegenüber das Schlosshotel Eisenstraße - dessen Revitalisierung Waidhofens Budgetloch in der Vergangenheit weiter aufriss. Besonders viel kostete allerdings das neue Schulzentrum der Stadt: Zehn Millionen verschlang der Bau.

An das Brückengeländer des Stegs zwischen Schloss und Hotel haben rund ein Dutzend Paare Vorhängeschlösser als Zeichen ihrer ewigen Verbundenheit gehängt.

Nicht für die Ewigkeit ist allerdings das Pflaster in der Innenstadt gemacht, wovon die herausgeputzten, großteils biedermeierlichen Gebäudefassaden dort freilich abzulenken vermögen - aber nicht immer. "Wenn ein Pflasterstein wackelt, herrscht große Aufruhr", sagt Reinhard Hochstrasser, gebürtiger Waidhofner.

Sonst sei die Stadt "ganz nett", findet er, und in den vergangenen Jahren sei "viel passiert, das muss man ehrlich sagen". Die Verpflasterung der Innenstadt, über die auch der Autoverkehr rollt, sorgte im letzten Wahlkampf neben dem Hollein'schen Kubus für Furore.

Ab einem gewissen Zeit- und Kostenpunkt, sagt Stadtrat Friedrich Rechberger von der Unabhängigen Wahlgemeinschaft (UWG), seien die Pflasterquader einfach durchgeschnitten und in halber Dicke verlegt worden. "Das kann ja nicht halten."

Was bei der Wahl 2007 sehr wohl hielt, war die Absolute der Stadtschwarzen, trotz Stimmverlusten um gut fünf Prozent. Für die Stadt-VP saß einst auch Wolfgang Sobotka (ÖVP) im Gemeinderat, von 1996 bis 1998 stellte er den Bürgermeister, ehe er Finanzlandesrat wurde.

Am 17. März 2012 wird in der Statutarstadt wieder gewählt. Diesmal wird beim Stimmenfang vor allem das Budget thematisiert. Mair verteidigt die hohen Ausgaben der letzten Jahre. "Kritisch geworden ist es eigentlich erst mit der Wirtschaftskrise." Da sanken die Einnahmen durch die Ertragsanteile, bei steigenden Kosten im Sozial- und Gesundheitswesen.

Rechberger sagt: "Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt und ausgegeben, ausgegeben, ausgegeben." Dabei sind die Verhältnisse Waidhofens, verglichen mit vielen anderen Städten, alles andere als übel: Mit dem Böhlerwerk, der Bene AG und der Knorr-Bremse GmbH sitzen große Unternehmen in der Region, die Arbeitslosenquote ist niedrig, und die Stadt hat kulturell einiges zu bieten. 2007 beherbergte sie die Landesausstellung, jährlich findet das Kammermusikfestival Klangraum statt. Dennoch existiert die Sorge, dass in der Krise einer der Betriebe Leute abbauen oder gar gänzlich zusperren könnte.

Waidhofen hat aber schon ganz andere Wirtschaftskrisen überlebt. Die Stadt entwickelte sich im 14. und 15. Jahrhundert neben Steyr zum Zentrum der Eisen- erzeugung, 200 Betriebe siedelten sich dort an. Mitte des 16. Jahrhunderts soll jede fünfte aller europäischen Eisenwaren aus der Region gekommen sein. Die Türken schlug man zwar in die Flucht, wovon eine Aufschrift auf dem Stadtturm zeugt - dem Wahrzeichen der "Stadt der Türme". Der wirtschaftliche Niedergang kam dennoch, weil Kaiser Maximilian I. Steyr bevorzugte. Dann kam der Glaubenskrieg, im Zuge der Rekatholisierung wanderten etliche protestantische Familien ab, jedes zweite Haus stand leer.

Von der bewegten Geschichte der Stadt künden heute noch kleine Schautafeln auf innerstädtischen Gebäudemauern. Eines der Schilder am Oberen Stadtplatz erzählt vom Schicksal eines der wohlhabendsten Waidhofner, der 1849 völlig verarmt starb, weil durch den Niedergang der Sensenkompanie sein gesamtes Vermögen flöten ging.

Später ging das Gebäude ins Eigentum der Stadt über. Das Haus nebenan gehörte bis vor kurzem auch der Gemeinde, bis es ein russischer Kraftwerksexperte kaufte, der dort sein Büro einrichtet, wie Bürgermeister Mair erzählt. "Auch das hat kurzfristig für Aufregung gesorgt - von wegen die Russen kommen zurück und so", sagt der Ortschef.

Industrie zwischen Bergen

Dass in Waidhofen überhaupt Aufregung herrschen kann, ist beim Schlendern durch das beschauliche Zentrum, das übrigens Sobotkas Lieblingsfleck in der Stadt ist, kaum vorstellbar. Der Landeshauptmann-Stellvertreter schätzt an seinem Heimatort das Kleinstädtische, die ArchitekturTradition und die Nähe zur Natur.

Die Lage Waidhofens zwischen den Bergen ist aber auch ihr Nachteil: Es hätten sich schon Firmen ansiedeln wollen, denen man wegen der Tal-Lage keine geeignete Fläche anbieten konnte, sagt Mair. Waidhofens Berge liebt er trotzdem - die echten. (Gudrun Springer, DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2011)

Serie: Morgen Ortstermin im Burgenland: Pinkaboden/Eberau

  • "Wenn ein Pflasterstein wackelt, herrscht große Aufregung", sagt ein 
Waidhofner. Offenbar kommt das in seiner Stadt öfters vor. Sonst geht es
 aber beschaulich zu.
    foto: standard/fischer

    "Wenn ein Pflasterstein wackelt, herrscht große Aufregung", sagt ein Waidhofner. Offenbar kommt das in seiner Stadt öfters vor. Sonst geht es aber beschaulich zu.

  • WISSEN
Waidhofen an der Ybbs ist eine Statutarstadt im westlichen Mostviertel. 
Ende 2009 betrug der Schuldenstand der Stadt noch 46 Millionen Euro, 
Ende 2011 steht die Gemeinde mit 42,3 Millionen in den Miesen, in einem 
Jahr sollen es laut Voranschlag 40,9 Millionen sein.  
Die Waidhofner ÖVP hält in der Stadt die Absolute, im März 2007 verlor 
sie zwei der zuvor 23 Mandate. Bürgermeister ist seit 1998 Wolfgang 
Mair. Die SPÖ ist mit zwölf Mandaten zweitstärkste Kraft, gefolgt von 
der Unabhängigen Wahlgemeinschaft (UWG) mit vier Mandaten, ehemals eine 
Abspaltung der ÖVP. Grüne Alternative (2) und FPÖ (1) sind auch im 
Gemeinderat vertreten.   
Die 11.470-Einwohner-Stadt zählt rund 420 land- und forstwirtschaftliche 
Betriebe (hohe Biobauerndichte). Hauptarbeitgeber der Region sind 
Industriebetriebe. Der historische Wahlspruch lautet: "Eisen und Stahl 
ernähren die Stadt." (spri)
    foto: standard/fischer

    WISSEN

    Waidhofen an der Ybbs ist eine Statutarstadt im westlichen Mostviertel. Ende 2009 betrug der Schuldenstand der Stadt noch 46 Millionen Euro, Ende 2011 steht die Gemeinde mit 42,3 Millionen in den Miesen, in einem Jahr sollen es laut Voranschlag 40,9 Millionen sein.

    Die Waidhofner ÖVP hält in der Stadt die Absolute, im März 2007 verlor sie zwei der zuvor 23 Mandate. Bürgermeister ist seit 1998 Wolfgang Mair. Die SPÖ ist mit zwölf Mandaten zweitstärkste Kraft, gefolgt von der Unabhängigen Wahlgemeinschaft (UWG) mit vier Mandaten, ehemals eine Abspaltung der ÖVP. Grüne Alternative (2) und FPÖ (1) sind auch im Gemeinderat vertreten.

    Die 11.470-Einwohner-Stadt zählt rund 420 land- und forstwirtschaftliche Betriebe (hohe Biobauerndichte). Hauptarbeitgeber der Region sind Industriebetriebe. Der historische Wahlspruch lautet: "Eisen und Stahl ernähren die Stadt." (spri)

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