Die ORF-Belegschaft will die Bestellung von SPÖ-Stiftungsrat Nikolaus Pelinka als Büroleiter von Generaldirektor Alexander Wrabetz nicht hinnehmen - Die Parteien üben sich ganz unüblich in vornehmer Zurückhaltung
Wien - Das Empörungspotenzial scheint diametral verschieden: Je mehr sich die ORF-Redakteure gegen den Wunschbüroleiter von Generaldirektor Alexander Wrabetz zur Wehr setzen, umso unaufgeregter verhalten sich die politischen Parteien zur angekündigten Bestellung von SPÖ-Nachwuchskraft Nikolaus Pelinka. Was vielleicht damit zusammenhängt, dass vier von fünf, SPÖ, FPÖ, BZÖ und Grüne - die "Regenbogenkoalition" -, im Stiftungsrat den ORF-Chef in dieses Amt gehievt haben. Alexander Wrabetz ist also "ihr" Mann.
Warum aber ergeht sich die ÖVP in seltener Zurückhaltung in der Causa Pelinka? Weil auch sie was "bekommen" hat. Der neue "Bundesländerkoordinator" Robert Ziegler aus dem Landesstudio Niederösterreich, selbst Stiftungsrat, gilt als ÖVP-Morgengabe.
Klubobmann Karlheinz Kopf ließ am Donnerstag denn auch nur wissen, dass er nicht damit rechne, dass der bisherige SPÖ-Stiftungsrat Pelinka den Job als Büroleiter tatsächlich bekommen wird. "Ich glaube nicht, dass Wrabetz damit durchkommen wird", sagte Kopf, betonte aber ausdrücklich, dass das seine persönliche Einschätzung sei und kein Rat. Druck von der ÖVP hat Wrabetz demnach nicht zu erwarten. ÖVP-Mediensprecher Kopf geht nur davon aus, dass der ORF-Chef "den internen Druck nicht aushalten wird".
Dass Wrabetz Pelinkas Bestellung noch vor der amtlichen Ausschreibung der Stelle verkündet hat, hält Kopf für "schlechten Stil" und "wahrscheinlich rechtswidrig", also "völlig inakzeptabel".
Ruhige Wahlhelfer
Auch Wrabetz' Wahlhelfer begründen ihr Stillhalten wortreich defensiv. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky sieht den ORF zwar im "Würgegriff der Löwelstraße" und sagt, Wrabetz habe mit Pelinkas Bestellung "jegliche Schamgrenze verletzt". Dass die FPÖ die Personalentscheidung widerspruchslos hinnehme, weil sie selbst bedient worden sei, könne man also nicht behaupten, sagt Vilimsky im Standard-Gespräch.
Mit der Bestellung von Thomas Prantner zum stellvertretenden Technischen Direktor sei man in der FPÖ aber tatsächlich hochzufrieden. "An Prantner gibt es nichts Negatives auszusetzen", er habe seine Arbeit hervorragend gemacht, befindet Vilimsky. Der FPÖ könne man Prantner nicht zurechnen, "aber sicherlich gehört er ins bürgerliche Spektrum".
BZÖ-Obmann Josef Bucher zeigt sich im Standard-Gespräch fatalistisch, was den ORF anlangt: "Was soll ich mich noch wundern über dieses Unternehmen, das ohnehin aufgeteilt wird zwischen den Regierungsparteien?" Er findet aber auch, man solle "die Kirche im Dorf lassen: Es geht um die Besetzung eines Büroleiters", sagt Bucher, der Pelinkas Upgrading als Systemfehler interpretiert: "So gewichtig ist der Zwischenfall nicht. Es ist ein Betriebsunfall wie jeder andere im ORF auch." Privatisierung und damit Unabhängigkeit von Parteien und Regierung laute das Gegenmittel des BZÖ, das für Wrabetz aus Mangel an Alternativen gestimmt habe.
Bei den Grünen macht sich aktuell die größten Sorgen Stiftungsrat Wilfried Embacher. Der Jurist sieht aufgrund der jüngsten Personalentscheidungen - "offensichtlich ein größeres Paket" - arbeitsrechtliche Verfahren auf den ORF zukommen. Die Causa Pelinka sei "komplett absurd" abgelaufen.
Redakteure machen mobil
Absurd und inakzeptabel, ist die Einschätzung der ORF-Journalisten. Sie sammeln in allen ORF-Häusern Unterschriften gegen die Pelinka-Inthronisierung noch bis 10. Jänner - da läuft die Bewerbungsfrist für Pelinkas Posten ab. Im Text wird die Geschäftsführung aufgefordert, "alle Vorhaben, die das Ansehen des ORF als unabhängiges Medienunternehmen beschäftigen, zurückzunehmen". (Lisa Nimmervoll, Michael Völker, DER STANDARD; Printausgabe, 30.12.2011)