"Das Orchester muss sich neu positionieren"

Interview29. Dezember 2011, 17:07
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Philippe Jordan, kommender Chefdirigent der Wiener Symphoniker, über seine Pläne, die Arbeit in Paris, über Klang und Kulinarisches

Mit Philippe Jordan, der am Freitag, 30.12., Beethovens Neunte im Konzerthaus dirigiert,  sprach Stefan Ender.

Standard: Herr Jordan, was haben Sie heute zu Mittag gegessen?

Jordan: Ich aß japanisch.

Standard: Der Grund der Frage ist der, dass Sie in einem Interview gesagt haben, Sie wären in Ihren Jahren in Ulm, Berlin und Graz in den Opernkantinen "durch die Panierhölle gegangen". Also keine Überraschung: nichts Gebackenes in der Schnitzelmetropole Wien?

Jordan: Habe ich das wirklich gesagt? Die Kantine der Pariser Oper ist allerdings tatsächlich besser als anderswo. Aber wenn man irgendwo weiß, wie man gut paniert, dann doch hier in Wien.

Standard: Trotzdem waren es wohl nicht primär kulinarische Gründe, warum Sie sich entschlossen haben, ab 2014 als Chefdirigent der Wiener Symphoniker zu arbeiten. Was waren denn die musikalisch-künstlerischen Motive?

Jordan: Zuerst einmal habe ich grundsätzlich nach einem Orchester gesucht, um mich auch dem symphonischen Repertoire widmen zu können; nur als Operndirigent ist man lediglich ein halber Dirigent. Der Hauptgrund für meine Entscheidung für Wien waren sicher die Symphoniker selbst, die sich in einer Wahl sehr positiv für mich ausgesprochen haben. Von meinem ersten Konzert an - das war 2004 hier im Konzerthaus - war einfach eine sehr herzliche und intensive Verbindung zum Orchester da.

Wir haben im Laufe der letzten Jahre vom klassischen bis zum zeitgenössischen, vom französischen bis zum russischen Repertoire alles gemacht. Und natürlich gibt es in Wien auch diese wundervollen Konzertsäle. Es hat ein wenig gedauert, um mit der Pariser Oper einen Zeitpunkt zu finden, wie die Zusammenarbeit zu realisieren ist. Aber jetzt werde ich hier ab 2014 wenigstens acht Programme pro Saison machen, meistens aber wahrscheinlich zehn bis zwölf.

Standard: Haben Sie schon etwas im Kopf für Ihre Zeit bei den Symphonikern, was Schwerpunkte anbelangt?

Jordan: Das Orchester muss sich neu positionieren, wir müssen weg von diesem Image, das zweite Orchester hinter den Wiener Philharmonikern zu sein. Man darf repertoiremäßig nicht ewig die gleichen Sachen spielen, immer wieder Brahms und so weiter, man sollte auch in der Pflege der Klassik weiterkommen. Mozart, Haydn, sogar Beethoven: Wie ich letztes Jahr die "Eroica" gemacht habe, habe ich gemerkt, man spielt das hier wie die "Rheinische" von Schumann, so romantisch-pastos.

Aber wenn man ins Detail geht und in Richtung der historischen Aufführungspraxis arbeitet, dann merkt man, dass das ein Feld ist, das hier in letzter Zeit nicht mit einer Regelmäßigkeit gepflegt wurde. Die andere Sache ist die Uraufführungstradition des Orchesters wieder fortzuführen und mehr Zeitgenössisches zu machen. Aus dieser Mischung muss man Programme und Zyklen anbieten, die eine gewisse Konsequenz aufweisen.

Standard: Hat ein Orchester wie die Wiener Symphoniker heute noch Unverwechselbares im Klang- und Spielverhalten, oder sind die europäischen Orchester schon ziemlich homogenisiert?

Jordan: Auf jeden Fall. Die Symphoniker empfand ich von Anfang an als ein sehr wienerisches Orchester. Diese leicht verzögerte Art zu reagieren, dieses Rubato-Element, das dazukommt: Es ist nie so, wie es ist ... Dann dieser leichte Schmelz, diese Sinnlichkeit auch im Bläserklang: Als ich beim Debüt die erste Brahms-Symphonie machte, habe ich gemerkt, dass das alles zusammen ein Klangbild ergibt, das ich bei diesem Repertoire gesucht habe. Brahms wird oft dick und schwer gespielt, wie wenn man ein Fünf-Gang-Menü gegessen hat.

Französische Orchester haben einen unglaublich transparenten, leuchtenden Streicherklang - manchmal fast etwas kühl - und einen sehr virtuosen, flexiblen Bläserapparat. Das Orchester der Pariser Oper ist ja in zwei Gruppen aufgeteilt, in die blaue und die grüne Equipe. Sogar diese haben unterschiedliche Persönlichkeiten: Die Grünen sind ein bisschen verrückter, experimentierfreudiger; die Blauen sind feiner, sind die Seigneurs, die Professoren.

Standard: Wie war die Zeit bis jetzt an der Pariser Oper?

Jordan: Künstlerisch war es wichtig, eine Basis zu schaffen; es hat für viele Jahre keine Musikdirektion gegeben. Das ist gelungen. Die Administrationsseite war schwierig: Das Haus ist sehr kompliziert, es gibt viele Direktoren für alles Mögliche - hier musste man sich erst wieder Gehör verschaffen.

Standard: 2012 debütieren Sie in Bayreuth mit "Parsifal". Die Opéra Bastille soll ja einen Bayreuth-ähnlichen Orchestergraben haben.

Jordan: Ja, es ist zwar kein verdeckter Orchestergraben, aber die Musiker sitzen dort sehr tief, und man muss mehr geben, sonst kommt beim Publikum herzlich wenig an. Aber Bayreuth ist natürlich etwas sehr Spezielles. Ich glaube, wenn man einmal Bayreuth gemacht hat, ist man ein anderer Dirigent.

Standard: Highlights für 2012?

Jordan: "Christus am Ölberge" mit den Philharmonikern im Theater an der Wien, und in Paris werde ich "Pelléas et Mélisande" machen, seit langem ein ganz großer Wunsch von mir. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2011)

 

  • Philippe Jordan widmet sich der 9. Symphonie von Beethoven. Jordan, 37, ist nach Stationen in Ulm, Berlin und Graz seit 2009 Musikdirektor der Pariser Oper (bis 2018). Der Schweizer wird ab 2014/15 die Wiener Symphoniker als Chefdirigent leiten.
    foto: standard / regine hendrich

    Philippe Jordan widmet sich der 9. Symphonie von Beethoven. Jordan, 37, ist nach Stationen in Ulm, Berlin und Graz seit 2009 Musikdirektor der Pariser Oper (bis 2018). Der Schweizer wird ab 2014/15 die Wiener Symphoniker als Chefdirigent leiten.

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