Mu'amara - Verschwörung im Nahen Osten

29. Dezember 2011, 13:25
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Vor ein paar Tagen war in ägyptischen Medien die Nachricht zu finden, dass der slowenische Botschafter in Kairo, Robert Kokalj, und sein Fahrer im Stadtteil Shubra attackiert wurden, und zwar nicht von Kriminellen, sondern von „ganz normalen" Bewohnern. Sie hatten ihn für einen „Spion" gehalten, weil er im sehr armen Viertel fotografiert hatte, unter anderem Kinder. „Hunderte" Menschen sollen daraufhin auf ihn losgegangen und ihn verprügelt haben.

Kokalj bezeichnete später diese Darstellung als völlig übertrieben, es sei ihm nichts passiert, außerdem sei es sein eigener Fehler gewesen. Welcher Fehler?, möchte man entgegnen, und was haben die Menschen in Shubra, was glauben sie zu haben, das es bei ihnen auszuspionieren gäbe? Einen Hinweis auf die Hintergründe liefert eine Aussage, die in den Medien diese Geschichte ergänzte: Seit der Revolution im Jänner grassiere in Ägypten „eine Art Xenophobie", hieß es da erklärend.

Wenn man diesen Begriff wörtlich übersetzt, nämlich nicht als Fremdenfeindlichkeit, sondern die „Angst" hervorhebt, dann trifft er wahrscheinlich auf die Leute in Shubra, die den Botschafter attackierten, zu. Es ist ein trauriger Befund, denn mit der Revolution, die im Namen der Würde und der Selbstbestimmtheit geführt wurde, sollte doch eigentlich die Zeit anbrechen, in der alle „Verschwörungen" von außen als Erklärungsmuster für die eigene Lage ausgedient haben. Das ist nicht geschehen, im Gegenteil. Es ist schade, dass im Fall Kokalj niemand nachgefragt hat - jedenfalls ist es nicht in die Medien gelangt -, was die Leute konkret dachten, wer denn den „Spion" geschickt habe und zu welchem Zwecke.

Sehr oft wird man als Antwort „Freimaurer" hören - wobei bestimmt nicht bei all jenen, die diese imaginierte Gruppe hinter der Revolution, der Gegenrevolution, der Gewalt und der schlechten Wirtschaftslage, kurz bei allem, vermuten, der im Westen geläufige Konnex zu „den Juden" vorhanden ist, also der antisemitische Kontext. Die Vermutung ist vager, deutet allgemeiner auf etwas Fremdes, aus dem Westen Kommendes, Imperialistisches - und gehört damit eindeutig in die verstaubte Schublade der kolonialen und postkolonialen Verschwörungstheorien. Unter diesem Aspekt gesehen ist die - auch von mir getätigte - Aussage, dass die arabische Welt 2011 in der post-postkolonialen Zeit angekommen ist, leider falsch. Die Menschen fühlen sich noch immer fremdbestimmt, und zwar von „außerhalb". Die Akteure innerhalb werden als Marionetten wahrgenommen. Genauso wie in den Jahrzehnten zuvor, vielleicht, durch die allgemeine Verunsicherung, jetzt noch mehr.

Die Enttäuschung ist besonders herbe, wenn „Helden" der Revolution solche Verschwörungsmärchen verbreiten. In einem Interview mit dem STANDARD sagte der Rapper El Général, der mit seinem Song „Rais Lebled" - in dem er Präsident Ben Ali mitteilte, dass sein Volk stirbt - zu einer Ikone der tunesischen Revolution wurde, auf die Frage, was nun, nach der Revolution, als nächstes zu tun sei, genau das: gegen die Freimaurer kämpfen. Wie bitte? Behaupten nicht die „anderen", gerade diese Freimaurer hätten die von El Général betriebene Revolution eigentlich gestartet? Diese Episode zeigt natürlich auch etwas anderes: dass man Menschen wie El Général dort lassen sollte, wo sie sind. Er hatte eine wichtige Funktion zu einer gewissen Zeit, für die ihm Ehre und Respekt gebührt, aber man tut ihm selbst nichts Gutes, wenn man ihn aus seiner Rolle herausholt und in eine andere steckt.

Aber wieder nach Ägypten: Parallel zu den populären Ängsten vor obskuren Kräften aus dem kolonialistischen westlichen Eck, gibt es die Ängste derer, die dem ehemaligen Regime nahestehen. Ein Anwalt Hosni Mubaraks kam vor kurzem mit der Ankündigung on records, dass er beweisen werde, dass es sich beim Aufstand im Jänner um eine Verschwörung handelte, deren Mastermind die libanesische schiitische Hisbollah gewesen sei, die zu diesem Zwecke mit der ägyptischen Muslimbruderschaft - die offenbar so genial war, dass sie vorgab, die Revolution zu verschlafen!? - koalierte. Dahinter steckt die Darstellung, der Iran habe den Umsturz des ihm feindlich gesinnten Regimes Mubarak betrieben. Mit dieser Behauptung wird natürlich auch an alle anderen arabischen Länder - besonders die am Golf, allen voran Saudi-Arabien - appelliert und auch an den Westen. Sie wurde aber spätestens zu dem Zeitpunkt sinnlos, als sich in Syrien die Menschen gegen ein Regime erhoben, das ein enger Verbündeter Teherans ist. Dort sehen das Regime und seine Anhänger im Aufstand natürlich eine westliche Verschwörung, die sich der Muslimbrüder bedient.

Der deutsche syrisch-stämmige Soziologe Bassam Tibi hat 1993 ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Verschwörung - Das Trauma arabischer Politik". Darin führt er die Verschwörungstheorien in der arabischen Welt auf den reellen Anlassfall von 1916 zurück, als die Briten den Scherifen von Mekka, Hussein bin Ali, in den Aufstand gegen die Osmanen trieben und Palästina und Syrien befreien ließen, indem sie ihm für danach die arabische Unabhängigkeit versprachen (Hussein-McMahon-Korrespondenz), sich in Wirklichkeit den Nahen Osten bereits im Mai 1916 im Sykes-Picot-Abkommen mit den Franzosen aufteilten und ein Jahr später in der Balfour-Erklärung die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina begrüßten. Seit damals wird hinter jedem politischen Schritt des Westens im Nahen Osten ein versteckter „echter" Masterplan vermutet.

Manchmal kann man es den Menschen auch gar nicht verdenken, dass sie nicht glauben, was sie sehen. Wenn man etwa die Politik der US-Regierung von George Bush im Irak 2003 und danach betrachtet: Da war doch vieles fast zu blöd, um wahr zu sein, etwa die katastrophale Auflösung der irakischen Armee durch die Amerikaner, ein Schritt gegen jede elementare Vernunft. Jahre später entzieht sich jedoch noch immer der tiefere Sinn dieses Handelns: einfach deshalb, weil es tatsächlich keinen gab.

In Zeiten, in denen sie nichts mehr verstehen und nichts mehr kontrollieren, fallen die Ägypter eben auf diese Muster zurück, denn es muss doch etwas geben, das das alles erklären kann! Auch an den Wahlurnen haben sie dieses Gefühl ausgedrückt, indem sie mehrheitlich das wählten, was sie verlässlich zu kennen glauben und was sie - im Gegensatz zu allem anderen - noch nie betrogen hat: die Islamisten. Wenn sie sich da nur nicht täuschen. (derStandard.at/29.12.2011)

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    Plakat auf dem Tahrir-Platz

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