Was hindert die Mächtigen des Staates, das System Schukle in wirklich demokratische Verhältnisse zu entlassen?
Der Themenschlager in der Schullandschaft Oberösterreichs lautet "Personalhoheit der DirektorInnen", die 2012 Einzug halten soll. Von der zuständigen Frau Landesrätin ist zu vernehmen, "alle Studien zum Thema belegen: An jenen Schulen, wo es mehr Autonomie gibt, steigt die Qualität."
Natürlich stimmt der Inhalt dieses Satzes. Allein die Praxis wird aber alles andere als Machtverlagerung von oben nach unten (Subsidiarität), größere Selbstbestimmtheit und Motivation an den einzelnen Schulen bringen, vielmehr Monarchismus im Kleinen. Wie ist es möglich, dass in einem Land, welches die vergangenen hundert Jahre Autoritarismen wie Kaisertum, Ständestaat, nationalsozialistische Diktatur und alle ihre Folgen erleben musste, zunehmend Entscheidungen von Einzelpersonen getroffen werden sollen? Die "Macht des Volkes", im demokratischen Sinn, die Entscheidungen möglichst jenen zu überlassen, die die Folgen dieser Entscheidungen auch auszubaden haben, wird laufend verkürzt und ausgedünnt.
Was hindert die Mächtigen des Staates, von den drei autoritären Systemen Kirche, Militär und Schule wenigstens Letzteres in wirklich demokratische Verhältnisse zu entlassen, noch dazu, wo offiziell an den Schulen die zukünftigen StaatsbürgerInnen lernen sollen, wie demokratisch-faires Zusammenleben organisiert und gelebt werden kann? Ängste vor Machtverlust der Entscheidungsträger und Profiteure des Systems?
Schon die Anfang der 90-er Jahre eingeführte "Schulautonomie" spottet ihrer Bezeichnung. Von Selbstbestimmung war nur dort die Rede, wo in den Direktionen die Gehrer'sche Verminderung der Ressourcen umgesetzt werden musste, autonom einsparen sozusagen. Von den vier "schulautonomen Tagen" kann de facto nicht einmal die Mehrheit an den Schulen selbst bestimmt werden, sind sie doch per "soft governance" von den Landesschulräten "vorgeschlagen", d.h., entscheidet sich eine Schule für andere als die vorgeschlagenen Termine, muss sie hochnotpeinlich Rede und Antwort stehen, wieso sie da ausschert und automatisch unangenehm auffällt. Mit allen Konsequenzen, denn in Vielem sind die Schulen von der Obrigkeit abhängig.
Die parteiunabhängige "Österreichische LehrerInnen-Initiative / ÖLI-UG" fordert seit sehr vielen Jahren die Wahl der Schulleitungen auf Zeit durch die Schulkonferenz. Das wäre echte Autonomie, - und Motivation, sich dem Lehrkörper gegenüber fair zu benehmen, um wiedergewählt zu werden. Immerhin haben die Mitglieder des Lehrkörpers die tagtäglichen Folgen dieser Entscheidung auch zu tragen. Da dies aber der nach wie vor autoritären Schulstruktur widerspricht, wird die Forderung genau so lange auch ignoriert, beziehungsweise wird gegenteilig gehandelt. Die Personalhoheit der SchulleiterInnen ist der neueste Schritt in diese Richtung, obwohl sie demokratisch und subsidiär klingt.
Nur wenige NichtlehrerInnen wissen um die Existenz des geltenden Weisungsrechts. Danach macht sich jede Lehrperson einer Dienstpflichtverletzung (Folge: Disziplinarverfahren mit allen möglichen Folgen) schuldig, die eine Weisung von Vorgesetzten nicht befolgt, ausgenommen nur Weisungen, welche gegen das Strafgesetz verstoßen. Vorgesetzte können aber selbstherrlich Noten abändern oder zum Beispiel Kleidungsvorschriften für LehrerInnen anweisen, da dies ja nicht gegen das Strafgesetz verstößt ("Jeans or job"). Die Person der Schulleitung bestimmt also sehr stark das Klima an der einzelnen Schule.
Bitte keine Missverständnisse: Als Insider kenne ich die deutliche Mehrheit der DirektorInnen als bemüht und kompetent. Von den gegenteiligen Fällen ist aber jeder einzelne einer zu viel und beeinträchtigt die gesamte Schulatmosphäre. Weiters kenne ich mindestens einen Fall, wo einem Schulleiter mangels derselben Parteifarbe wie der des Inspektors laufend passende LehrerInnen entzogen und dafür "Problembären" zugewiesen werden. Auch Fälle von DirektorInnen-Mobbing durch Teile des Lehrkörpers sind mir nicht unbekannt.
Wo Menschen sind, da menschelt es. "Nepotismus" heißt Vettern(>Neffen<)wirtschaft. Wenn die SchulleiterInnen hinkünftig einsame Entscheidungen über Personalaufnahme und das Gegenteil zu treffen haben werden, dann möchte ich nicht wissen was passiert, wenn deren eigenes Kind eben die Pädagogische Hochschule verlassen hat und sich auf der Warteliste ganz hinten anstellen muss/müsste. Oder die belastungsschwache Nichte oder der etwas zu selbstbewusste Neffe. Die werden dann die privilegierten ArbeitskollegInnen der betroffenen Lehrkräfte, die dabei aber auch gar nichts mitzubestimmen haben. Die unseligen ehemaligen Ortsschulräte sind anscheinend schon vergessen, wo so mancher Junglehrerin, die den "reality check" des Bürgermeisters nach seinem Ermessen nicht bestanden hat, arbeitsplatzmäßiges Nomadentum bevorstand.
Ich fordere Demokratisierung auch im Schulbereich. Ich warne vor dem Gegenteil. Ich fordere die Wahl der Schulleitungen auf Zeit durch die Schulkonferenz. Die LehrerInnen müssen die Folgen ja täglich ausbügeln und überlegen ihre Wahl deshalb schon einmal gründlicher. Dementsprechend sollen die NeulehrerInnen auch in demokratischer Wahl durch das betroffene Kollegium gewählt werden und nicht durch Einzelpersonen mit ihren Einzelinteressen. Und die InspektorInnen und LandesschulratspräsidentInnen sowieso. Wie wär's mit einer wirklich demokratischen Schule, wo sie diese Inhalte angeblich ja vermitteln soll? (Leser-Kommentar, Wilfried Mayr, derStandard.at, )
Autor
Wilfried Mayr (Jg. 1954), ist seit 1977 HS-Lehrer, seit
1987 unabhängiger Gewerkschafter (UGÖD) und derzeit Vorsitzender der
österreichweiten ÖLI-UG. www.oeli-ug.at; www.kuli.net