Personalhoheit von SchulleiterInnen

Retourgang im Demokratiegetriebe

Leser-Kommentar | 5. Jänner 2012, 19:11

Was hindert die Mächtigen des Staates, das System Schukle in wirklich demokratische Verhältnisse zu entlassen?

Der Themenschlager in der Schullandschaft Oberösterreichs lautet "Personalhoheit der DirektorInnen", die 2012 Einzug halten soll. Von der zuständigen Frau Landesrätin ist zu vernehmen, "alle Studien zum Thema belegen: An jenen Schulen, wo es mehr Autonomie gibt, steigt die Qualität."

Natürlich stimmt der Inhalt dieses Satzes. Allein die Praxis wird aber alles andere als Machtverlagerung von oben nach unten (Subsidiarität), größere Selbstbestimmtheit und Motivation an den einzelnen Schulen bringen, vielmehr Monarchismus im Kleinen. Wie ist es möglich, dass in einem Land, welches die vergangenen hundert Jahre Autoritarismen wie Kaisertum, Ständestaat, nationalsozialistische Diktatur und alle ihre Folgen erleben musste, zunehmend Entscheidungen von Einzelpersonen getroffen werden sollen? Die "Macht des Volkes", im demokratischen Sinn, die Entscheidungen möglichst jenen zu überlassen, die die Folgen dieser Entscheidungen auch auszubaden haben, wird laufend verkürzt und ausgedünnt.

Was hindert die Mächtigen des Staates, von den drei autoritären Systemen Kirche, Militär und Schule wenigstens Letzteres in wirklich demokratische Verhältnisse zu entlassen, noch dazu, wo offiziell an den Schulen die zukünftigen StaatsbürgerInnen lernen sollen, wie demokratisch-faires Zusammenleben organisiert und gelebt werden kann? Ängste vor Machtverlust der Entscheidungsträger und Profiteure des Systems?

Schon die Anfang der 90-er Jahre eingeführte "Schulautonomie" spottet ihrer Bezeichnung. Von Selbstbestimmung war nur dort die Rede, wo in den Direktionen die Gehrer'sche Verminderung der Ressourcen umgesetzt werden musste, autonom einsparen sozusagen. Von den vier "schulautonomen Tagen" kann de facto nicht einmal die Mehrheit an den Schulen selbst bestimmt werden, sind sie doch per "soft governance" von den Landesschulräten "vorgeschlagen", d.h., entscheidet sich eine Schule für andere als die vorgeschlagenen Termine, muss sie hochnotpeinlich Rede und Antwort stehen, wieso sie da ausschert und automatisch unangenehm auffällt. Mit allen Konsequenzen, denn in Vielem sind die Schulen von der Obrigkeit abhängig.

Die parteiunabhängige "Österreichische LehrerInnen-Initiative / ÖLI-UG" fordert seit sehr vielen Jahren die Wahl der Schulleitungen auf Zeit durch die Schulkonferenz. Das wäre echte Autonomie, - und Motivation, sich dem Lehrkörper gegenüber fair zu benehmen, um wiedergewählt zu werden. Immerhin haben die Mitglieder des Lehrkörpers die tagtäglichen Folgen dieser Entscheidung auch zu tragen. Da dies aber der nach wie vor autoritären Schulstruktur widerspricht, wird die Forderung genau so lange auch ignoriert, beziehungsweise wird gegenteilig gehandelt. Die Personalhoheit der SchulleiterInnen ist der neueste Schritt in diese Richtung, obwohl sie demokratisch und subsidiär klingt.

Nur wenige NichtlehrerInnen wissen um die Existenz des geltenden Weisungsrechts. Danach macht sich jede Lehrperson einer Dienstpflichtverletzung (Folge: Disziplinarverfahren mit allen möglichen Folgen) schuldig, die eine Weisung von Vorgesetzten nicht befolgt, ausgenommen nur Weisungen, welche gegen das Strafgesetz verstoßen. Vorgesetzte können aber selbstherrlich Noten abändern oder zum Beispiel Kleidungsvorschriften für LehrerInnen anweisen, da dies ja nicht gegen das Strafgesetz verstößt ("Jeans or job"). Die Person der Schulleitung bestimmt also sehr stark das Klima an der einzelnen Schule.

Bitte keine Missverständnisse: Als Insider kenne ich die deutliche Mehrheit der DirektorInnen als bemüht und kompetent. Von den gegenteiligen Fällen ist aber jeder einzelne einer zu viel und beeinträchtigt die gesamte Schulatmosphäre. Weiters kenne ich mindestens einen Fall, wo einem Schulleiter mangels derselben Parteifarbe wie der des Inspektors laufend passende LehrerInnen entzogen und dafür "Problembären" zugewiesen werden. Auch Fälle von DirektorInnen-Mobbing durch Teile des Lehrkörpers sind mir nicht unbekannt.

Wo Menschen sind, da menschelt es. "Nepotismus" heißt Vettern(>Neffen<)wirtschaft. Wenn die SchulleiterInnen hinkünftig einsame Entscheidungen über Personalaufnahme und das Gegenteil zu treffen haben werden, dann möchte ich nicht wissen was passiert, wenn deren eigenes Kind eben die Pädagogische Hochschule verlassen hat und sich auf der Warteliste ganz hinten anstellen muss/müsste. Oder die belastungsschwache Nichte oder der etwas zu selbstbewusste Neffe. Die werden dann die privilegierten ArbeitskollegInnen der betroffenen Lehrkräfte, die dabei aber auch gar nichts mitzubestimmen haben. Die unseligen ehemaligen Ortsschulräte sind anscheinend schon vergessen, wo so mancher Junglehrerin, die den "reality check" des Bürgermeisters nach seinem Ermessen nicht bestanden hat, arbeitsplatzmäßiges Nomadentum bevorstand.

Ich fordere Demokratisierung auch im Schulbereich. Ich warne vor dem Gegenteil. Ich fordere die Wahl der Schulleitungen auf Zeit durch die Schulkonferenz. Die LehrerInnen müssen die Folgen ja täglich ausbügeln und überlegen ihre Wahl deshalb schon einmal gründlicher. Dementsprechend sollen die NeulehrerInnen auch in demokratischer Wahl durch das betroffene Kollegium gewählt werden und nicht durch Einzelpersonen mit ihren Einzelinteressen. Und die InspektorInnen und LandesschulratspräsidentInnen sowieso. Wie wär's mit einer wirklich demokratischen Schule, wo sie diese Inhalte angeblich ja vermitteln soll? (Leser-Kommentar, Wilfried Mayr, derStandard.at, )

Autor

Wilfried Mayr (Jg. 1954), ist seit 1977 HS-Lehrer, seit 1987 unabhängiger Gewerkschafter (UGÖD) und derzeit Vorsitzender der österreichweiten ÖLI-UG. www.oeli-ug.at; www.kuli.net

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13 Postings
Takis
00
16.1.2012, 04:28

Hört sich grundvernünftig an.

john lebovski
00
im ansatz gut, aber ...

für den vorschlag würde natürlich sprechen, dass der derzeitige status quo der direktorenbestellung (als rein politische entscheidung der landesschulräte) durch ein solches eher verbessert, denn verschlechtert würde. auch der "demokratische zugewinn" (für einen teil der schulgemeinschaft!) wäre durchaus positiv, denn es braucht die gestaltung/verantwortung an der schule!
für eine echte verbesserung des systems schule müssten aber noch folgende punkte berücksichtigt werden:
1. wenn demokratische bestimmung, dann wohl alle betroffenen: schüler + eltern + wer noch aller?
2. die bestimmung auf zeit ist für die erforderlichen "reformen" wohl kontraproduktiv, sofern die "wiederwahl" nicht an klare kritierien gebunden ist, spich die "abwahl" nur .

john lebovski
00

unter bestimmten voraussetzungen ("etwa verfehlung von zielen etc.") möglich ist.

schon heute getrauen sich direktoren kaum gegen den widerstand im kollegium (oder auch nur teilen davon!) zu agieren. sie haben (ausgenommen von "persönlichem terror") auch nicht die mittel dazu! (und klar, jede veränderung stößt bei irgendjemand auf widerstand, nicht nur in der schule!)
wie sollte sich das bessern, wenn direktoren um ihre wiederwahl durch das kollegium fürchten müssten?

der kern der idee, dass nämlich schule ein "gemeinsamer, demokratisch gestalteter lebensraum für die sich entwickelnden jugendlichen" werden muss, gefällt schon! und dazu braucht es natürlich die möglichkeit, aber auch die herausforderung, gestalten zu können/müssen.

flotter denker
32
Die Schule ist doch nicht fuer die Lehrer da, sondern fuer die Schueler

flotter denker
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Also ja, ich bin dafuer - unter folgenden Bedingungen

- Die Lehrer werden nach Erfolg = Lernerfolg der Kinder bezahlt
- Der Lernerfolg der Kinder wird nicht durch den eigenen Lehrer festgestellt. Sondern diese haben ihre Faehigkeiten in von unabhaengigen Instanzen abzunehmenden Pruefungen unter Beweis zu stellen.
Man kann dann davon ausgehen, dass die Lehrer denjenigen zum Direktor waehlen, der ihnen die beste Leistung ermoeglicht.

Reich sein muss sich lohnen!
03

Was kann der Lehrer dafür, wenn er eine Klasse bekommt, die zu 50% aus Idioten besteht?

17+4
01
ein Unsinn, Schulleiter die Lehrer selbst einstellen zu lassen

damit ist der Freunderlwirttschaft und Pösterlvergabe erst recht Tür und Tor geöffnet,
Es gibt genaue gesetzliche Ausbildungsregeln, nach deren Absolvierung einer den Lehrberuf ausüben darf. Diesem dann noch ein Prügel namens Schulleiter, der vielleicht als Protektionsposten besetzt wurde, zwischen die Beine werfen ist unnötig, unsinnig und kontraproduktiv.

her wig
01
Um Gottes Willen!

Jetzt stelle sich einmal jemand vor, an der Uni würden die Professoren gewählt... und das von den Assistenten. Nein, niemals! Niemals darf und wird das kommen! Wehret den Anfängen!!!

Ambros Gruber
 
05
Endlich eine Vision!

Die ansonsten an Visonen so armen Schulreform-Debatten bekommen hier endlich einen inhaltlichen Raketen-Schub! Nicht systeminternes Herumdoktern oder gar Demokratieabbau sind gefragt, sondern Transparenz, Beteiligung, Mitbestimmung. Gratulation zu diesem Kommentar, der viel Verbesserungspotenzial an Österreichs Schulen aufzeigt! liberté - égalité - solidarité
Ambros Gruber, BMHS-Lehrer, 4560 Kirchdorf an der Krems

Reich sein muss sich lohnen!
04
Und wie sieht es mit den Schülern aus?

Wird für die (bzw. deren Eltern) ebenfalls ein Stimmrecht eingefordert?

Vergissmeinnicht1
13
Ich fordere Demokratisierung auch im Schulbereich. Ich warne vor dem Gegenteil. Ich fordere die Wahl der Schulleitungen auf Zeit durch die Schulkonferenz.

An der Schule gibt es auch Verwaltungspersonal ( Sekretariatskräfte, Schulwarte, Reinigungskräfte), das dem Direktor untersteht und weisungsgebunden ist. Und dieses Verwaltungspersonal ist, wenn die Wahl durch Lehrer und Lehrerinnen erfolgen soll, von der Wahl der Schulleitung ausgeschlossen. Ist das Demokratie?

Wilfried Rudolf Mayr
05
Hamma auch schon überlegt ...

... und deshalb in einer (in Zeitungen möglichst kurzen) Stellungnahme ausgeklammert. Inwieweit Verwaltungspersonal in pädagogische Belange eingreifen sollte, wage ich nicht zu beurteilen. In allen Belangen, in denen diese KollegInnen tatsächlich betroffen sind, kommt ihnen wohl selbstverständlich auch Mitspracherecht zu.

Wilfried Mayr

akastner
02
mitsprache

Wenn es um personalentscheidungen geht (direktorInnenwahl) muss zumindest das Wahlrecht des "nicht-pädagogischen" Personals selbstverständlich sein. in meinen augen trifft das aber auch auf die Eltern und SchülerInnen zu.

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