"Arbeitsscheu" und Bilder, die blockieren

Es gebe immer noch ein "völlig überholtes Menschenbild", wonach der Durchschnittsmensch eine angeborene Abneigung gegen Arbeit habe

"Der dritte Stock ist der entscheidende", so Arbeitsmediziner Jürgen Tempel zu den Überlegungen, die Unternehmen als "Haus der Arbeitsfähigkeit" anstellen sollten. Er hat mit der "Bibel" der Arbeitsfähigkeit, Juani Ilmarinen, zum Thema publiziert. Spannend, nach dem Modell des Hauses zu fragen: Wann sind die Türen zu, wann herrscht Blockade im Treppenhaus (siehe Illustration)? Denn: Unternehmen als relativ geschlossene Systeme hätten alle irgendwo dunkle Bilder - Führungskräfte haben Bilder im Kopf, die Haltungen, schließlich Werte, bestimmen.

Überholtes Menschenbild

Es gebe immer noch ein "völlig überholtes, aber im Arbeitsleben weit verbreitetes Menschenbild, wonach der Durchschnittsmensch eine angeborene Abneigung gegen Arbeit hat". Daraus folgten strenge Vorschriften und Kontrollen, welche allerdings wiederum passives Arbeitnehmerverhalten, Vermeiden persönlicher Übernahme von Verantwortung, Mangel an Initiative nach sich zögen. Damit sei das Vorurteil des "arbeitsscheuen Menschen" bestätigt. Die moderne arbeitswissenschaftliche Forschung hat damit zwar aufgeräumt, dennoch prägten auch noch alte Bilder das Betriebsklima in Unternehmen - darauf gelte es zu schauen.

Beim Bau des Hauses der Arbeitsfähigkeit im Unternehmen, so ist Tempel überzeugt, könnte das betriebliche Gesundheitsmanagement die Aufgabe des "Hausmeisters" übernehmen, der Führungskräfte, Betriebsräte und Belegschaft berät und Initiativen entwickelt. In einer Reihe von Unternehmen sei das seit Jahren der Fall. Die Sammlung von Good Practice, erfolgreichen Strategien und wirksamen Maßnahmen für ein solches stabiles Haus der Arbeitsfähigkeit seien mittlerweile gut dokumentiert. Ein Erfolgsrezept? "Die Individuen müssen sich angesprochen fühlen."(kbau, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2011)

Literaturtipp

Dieser Tage erscheint:

Jürgen Tempel, Marianne Giesert, Juhani Ilmarinen: "Arbeitsleben 2025: Das Haus der Arbeitsfähigkeit im Unternehmen bauen", 256 Seiten, Verlag VSA; ISBN-10:3899654641

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ergänzender lesetipp: die bibel des krank-feierns

"AutorInnenkollektiv - Lieber krank feiern als gesund schuften. Wege zu Wissen und Wohlstand!

Teil 1 - Zur Einführung in den Problemkreis
Teil 2 Spezieller Teil - "Krankheitsbilder" leicht gemacht
Teil 3 - Allgemeiner Teil, Tips und Tricks gegen Arzt und Kasse

Aus allen Ecken und Enden tönt uns das Krisengeschrei der Kapitalisten und ihrer Politiker in den Ohren. Die Illusionen tausender Arbeiter, die glaubten, man müsse sich bloß ruhig verhalten und ja nicht auffallen am Arbeitsplatz, zerplatzten in den letzten Jahren, mit der Aushändigung der Entlassungspapiere."

http://bit.ly/vr2iis

arbeiten ist wirklich das letzte, schlimmer ist nur noch arbeiten müssen!

Das Misstrauen...

...in der Führungsetage wird als "Kostenttransparenz" an die Mitarbeiter abgewälzt. Der Mitarbeiter wird gezwungen, jede seiner Tätigkeiten zu protokollieren - was dazu führt, dass nicht einmal Nachdenkpausen mehr erlaubt sind, weil nicht protokollierbar.

Der Mitarbeiter bekommt dadurch eine Abneigung dazu, schnell zu abeiten und viel zu erledigen, je mehr er arbeitet, desto mehr muss er protokollieren....

Wenn Führungkräfte den Mitarbeitern mehr vertrauen und nicht ständig mit einem Kontrollzwang hinterherlaufen würden, wäre die Leistung sicher höher, aber derzeit bewegt sich alles in den meisten Betrieben in Richtung "totale Kostentransparenz" = totale Überwachung und Kontrolle der Tätigkeiten.

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