Anmerkungen zum AKH-Befund des Wiener-Spitalsverbund-Chefs - Von Wolfgang Schütz
Betrifft: "Das Spital kann nicht alles leisten" - Interview mit KAV-Chef Wilhelm Marhold (Standard, 28. 12. 2011)
Wenn Wilhelm Marhold, Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV) zu den Protesten der Ärzte im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) meint, dass es "ja wohl nicht sein kann, dass ein Partner, nämlich der Wissenschaftsminister, seiner Zahlungsverpflichtung nicht nachkommt," dann predigt er erneut eine längst bekannte "Masche", die auch durch dauerndes Wiederholen nicht richtig wird.
Die Verpflichtung des Wissenschaftsministeriums und damit der Med-Uni Wien ist es, im AKH Wien alle Ärztinnen und Ärzte zu stellen und zu bezahlen. Genau das tut die Med-Uni Wien: Sie hat die Zahl der Ärzte im AKH in den vergangenen Jahren sogar um fünf Prozent erhöht. Wenn jemand seiner Verpflichtung für das AKH nicht nachkommt, dann ist das der KAV (und somit die Stadt Wien): Ständig werden wegen Schwesternmangels Betten, insbesondere Intensivbetten, bisweilen sogar ganze Stationen und Operationssäle, gesperrt. Wegen Ärztemangels ist hingegen noch nie ein Bett gesperrt worden. Hinzu kommt, dass bestimmte Tätigkeiten, die die Ärzte entlasten würden, wie Blutabnehmen oder das Anlegen von Infusionen, den Schwestern im AKH ausdrücklich untersagt sind - und das ganz im Gegensatz zu allen anderen Wiener Spitälern.
Auch die Behauptung, dem Ärztlichen Direktor des AKH Wien, Reinhard Krepler, würden nicht einmal die Dienstlisten der Ärzte vorliegen, wird (wie eben auch von Wilhelm Marhold im Standard-Interview) gerne wiederholt, ist aber dennoch falsch. Der Direktor des AKH verfügt selbstverständlich über diese Listen.
Die Proteste der Ärzte im November und Dezember haben dazu geführt, dass Minister Töchterle knapp vor Weihnachten eine Überbrückungshilfe zugesichert hat und dass sich Wissenschaftsministerium, Stadt Wien, Med-Uni Wien und AKH Wien an einen Tisch setzen, um längst notwendige Strukturänderungen für das größte Spital Europas zu planen und umzusetzen. Dabei geht es in erster Linie um eine gemeinsame Leistungsdefinition, die überfällig ist. Die hoch spezialisierten Ärzte und Wissenschaftler der Med-Uni Wien verbringen mittlerweile mehr als 80 Prozent ihrer Zeit mit reiner Krankenversorgung, und dorthin fließt auch der größere Teil der Mittel, über welche die Med-Uni Wien verfügt. Jeglicher Spielraum für Lehre und Forschung ist dabei verlorengegangen. Erst wenn sich Forschung, Lehre und Krankenversorgung im Gleichgewicht befinden, werden Spitzenmedizin im AKH und Spitzenforschung an der Med-Uni Wien langfristig zu garantieren sein. (Wolfgang Schütz, DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2011)
WOLFGANG SCHÜTZ ist Rektor der Med-Uni Wien
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