Kreml-Chefstratege Wladislaw Surkow wechselt Job
Putin ist ein Mensch, der Russland vom Schicksal und von Gott in einer
schweren Stunde für unsere große Nation geschickt wurde." So reden nur
Verehrer, und Wladislaw Surkow ist einer der glühendsten unter ihnen.
Der Lobbyist mag trotz seiner 47 Jahre jugendlich harmlos aussehen, doch
er ist alles andere als ein Newcomer in der Moskauer Politszene. Seit
Jahren bewegt er sich im engsten Umfeld von Wladimir Putin. Nun wurde
Surkow nur wenige Monate vor der Präsidentenwahl zum Vizepremier
bestellt - verantwortlich für die Modernisierung der Wirtschaft. Ob er
damit aufgewertet oder beiseitegeschoben wird, um die aufgebrachte
Opposition zu befrieden, ist unklar. Jedenfalls galt er bisher als einer
der Topstrategen des "Systems Putin".
Über den Sohn eines Tschetschenen und einer Russin spricht man in der
russischen Öffentlichkeit nicht gern - als einer der wenigen nimmt sich
Milliardär Michail Prochorow, selbst politisch höchst ambitioniert, kein
Blatt vor den Mund: "Er ist ein Marionettenspieler, der das politische
System vor langer Zeit privatisiert hat, die Medien unter Druck setzt
und die Führung des Landes desinformiert."
Der Weg in die innersten Machtzirkel begann in den 1990er-Jahren beim
Ölmagnaten Michail Chodorkowski, der später von der Moskauer
Nomenklatura fallengelassen wurde. Surkow, der seine Studien der
Metallurgie und Theaterwissenschaft nie abschloss, ging in die
Werbewirtschaft und zur einflussreichen Alfa-Bank. 1999, in den letzten
Monaten der Jelzin-Ära, kam er in den Kreml und wurde stellvertretender
Leiter der Präsidialadministration. Dort blieb er rund zehn Jahre.
Surkow stehe längst in ständigem Austausch mit Putin und Medwedew, sagt
der im vergangenen Jahr in Ungnade gefallene Gleb Pawlowski, der als
Präsidentenberater lange mit Surkow zusammenarbeitete: "Er ist für die
Führung unentbehrlich." So unentbehrlich, dass ihn die Financial Times
Deutschland bereits mit Michail Suslow, dem KP-Chefideologen unter
Leonid Breschnew, oder gar mit Rasputin, dem geheimnisvollen Mönch, der
als Einflüsterer des letzten Zaren in die Geschichte einging, verglich.
Privat beschäftigt sich Surkow mit dem Gitarrespiel und der Literatur.
Angeblich soll er auch der Autor des Romans Nahe Null sein, der unter
dem vielsagenden Pseudonym Natan Dubowizki erschien: Surkows Ehefrau,
mit der er drei Kinder hat, heißt Natalia Dubowizkaja. (Gianluca Wallisch, DER STANDARD-Printausgabe, 29.12.2011)