Das im Dezember im Nationalpark Kalkalpen ausgesetzte Männchen fühlt sich wohl
Linz - Juro scheint eher der unkomplizierte Typ zu sein. Der gebürtige Schweizer hat sich nämlich auffallend rasch in Oberösterreich eingelebt. Die Eckpunkte der gelungenen Integration: Nachweisbar ausgedehnte Spaziergänge im Wald, Gefallen an heimischer Kost und ein vorsichtiges Annähern an die Nachbarschaft.
Am 13. Dezember wurde das Luchsmännchen Juro im Nationalpark Kalkalpen ausgesetzt, und eine erste Bilanz zeigt: Die Hoffnung auf Nachwuchs scheint berechtigt. Denn Juro ist nicht allein im Wald. Im Mai 2011 wurde bereits Luchsin Freia - ebenfalls Schweizerin - ausgesetzt. Die Auswilderungen im Nationalpark sind die ersten seit 30 Jahren in Österreich. Die beiden Luchse sollen nun bald zueinanderfinden und im Frühjahr für Nachwuchs sorgen, hoffen die Mitglieder des "Arbeitskreises Luchs Oberösterreichische Kalkalpen (Luka)".
Juro wurde im Grenzbereich des Reviers von Freia und eines altbekannten Luchses im Hintergebirge, dessen Geschlecht man bis dato nicht exakt bestimmen konnte, in die Freiheit entlassen. Damit soll gewährleistet werden, dass die Luchse voneinander Notiz nehmen, was offensichtlich relativ rasch passiert ist. "Es ist zu beobachten, dass das Luchsmännchen seinen Umgebungsradius kontinuierlich erweitert. Und es hat sicher bereits Revierüberschneidungen gegeben", erläutert Franz Sieghartsleitner vom Nationalpark Kalkalpen im Gespräch mit dem STANDARD. Darüber hinaus habe man bereits auch einen Riss nachweisen können.
Luchse kommunizieren, indem sie Duftmarken setzen, und nur in der Ranzzeit kann man sie gelegentlich schreien hören. Sie sind dämmerungs- und nachtaktive Einzelgänger und streng territorial. Kuder besetzen Reviere von etwa 8000 bis zu 15.000 Hektar Größe. Luchsinnen haben kleinere Reviere von 6000 bis 10.000 Hektar. Sieghartsleitner: "Man kann daher davon ausgehen, dass der neue Luchs nun ein Revier zu besetzen versucht. Wie sich das auf das Revierverhalten der beiden anderen Luchse auswirken wird, bleibt abzuwarten."
Ende des 19. Jahrhunderts wurde die gefleckte Großkatze bereits einmal durch Menschenhand ausgerottet. Zwischen 1972 und 1976 wurden dann neun Tiere ausgesetzt, drei davon fielen aber binnen eines halben Jahres illegalen Abschüssen zum Opfer. Heute ist man von einer Population weit entfernt. Lediglich etwa zwanzig Einzelexemplare dürften - verteilt auf das Obere Mühlviertel, das angrenzende Waldviertel, die Nördlichen Kalkalpen und entlang der slowenischen Grenze in Kärnten - in Österreich leben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. Dezember 2011)