Nur Bier steht noch auf die Mehrwegflasche

28. Dezember 2011, 18:23
203 Postings

Der Anteil der Pfandflaschen bei Getränkeverpackungen ist dramatisch gesunken

Wien - "Die Wirtschaft optimiert aus Kostengründen. Bei den Konsumenten siegt die Bequemlichkeit. Und die Umwelt bleibt auf der Strecke." So fasst Berthold Schleich, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Abfallvermeidung, den Niedergang der Mehrwegflaschen am heimischen Getränkemarkt zusammen.

Dabei waren die ökologisch wertvollen Mehrweggebinde vor 20 Jahren klar in der Überzahl. Lag 1994 der Anteil an Pfandflaschen bei Mineralwasser noch bei 96 Prozent, sank er bis 2010 auf 17,3 Prozent. Bei Limonaden sank der Wert in nur 16 Jahren von 57 auf 10,9 Prozent. Der gesamte Mehrweganteil bei Getränkeverpackungen ist auf 16,7 Prozent geschrumpft. "Der Handel hat null Interesse am Mehrweg, weil er aufwändiger ist und mehr Platz und Personal erfordert", sagt Schleich dem Standard.

1990 wurde im Abfallwirtschaftsgesetz die Forderung nach Abfallvermeidung gesetzlich festgeschrieben. Das Umweltministerium erließ damals eine Verordnung zur Wiederverwendung und Verwertung von Getränkeverpackungen. 1996 wurde als Abfallvermeidung neben der Wiederbefüllung erstmals auch die Verbrennung als Zielerreichungsmaßnahme akzeptiert. Seit 2001 gibt es nur mehr eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handels, auf umweltfreundliche Mehrwegflaschen zu setzen.

Versuch gescheitert

"Der Versuch ist definitiv gescheitert. Freiwilliger Umweltschutz spielt im Handel keine Rolle", sagt Schleich. Die Zahlen am Markt sprechen eine eindeutige Sprache. Die 1984 wiedereingeführte Mehrwegflasche für Milch ist zum Beispiel im Jahr 2000 überhaupt gänzlich vom Markt verschwunden. Einzig die Bierflasche hält sich bei einem Marktanteil von 70 Prozent auf hohem Niveau. Dosenbier, die Einweg-Bierflasche ("Dreh & Drink") und zuletzt Bier in PET-Flaschen haben der letzten Bastion am Mehrwegflaschen-Markt aber den Kampf angesagt.

"Die freiwillige Selbstverpflichtung des Handels, Mehrwegflaschen anzubieten, funktioniert nicht", sagt auch Christiane Brunner, die Umweltsprecherin der Grünen. Wie Schleich fordert sie eine gesetzliche Regelung, um das Angebot an wiederverwertbaren Flaschen zu heben. Das vom Umweltministerium erarbeitete Öko-Bonusmodell sieht Strafen für Unternehmen vor, die zu wenig Mehrwegflaschen anbieten. Firmen, die den Anteil - bis 2018 werden 50 Prozent angepeilt - übererfüllen, sollen einen Bonus bekommen.

Dieses Modell scheitert aber am Widerstand der Wirtschaft. "Es ist teuer, administrativ sehr aufwändig und ein nicht gerechtfertigter Eingriff in den Markt", sagt Stephan Schwarzer, Leiter der Abteilung Umweltpolitik in der Wirtschaftskammer. Der Handel müsste höhere Preise verlangen, um Strafzahlungen vorzubeugen.

Schleich will die Konsumenten härter in die Pflicht nehmen. "In Umfragen heißt es, Konsumenten würden Mehrwegflaschen kaufen, wenn sie in den Regalen auswählen könnten. Sie kaufen sie aber nicht - auch wenn die Auswahl derzeit nicht sehr groß ist." (David Krutzler/DER STANDARD-Printausgabe, 29.12.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Einzig die Bierflasche hält sich bei einem Marktanteil von 70 Prozent auf hohem Niveau.

Share if you care.