"Das ist eine Frage des Überlebens"

Interview29. Dezember 2011, 06:15
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Die Landwirte in den Ländern der Dritten Welt sind in einer mehrfachen Zwickmühle, berichtet Fairtrade-Ikone Harriet Lamb

STANDARD: Die Wirtschaftsprognosen für 2012 sind wieder düster. Was sind die Auswirkungen einer Krise auf die Landwirte in der Dritten Welt?

Lamb: Der Zugang zu Krediten ist immer das größte Problem der Landwirte. War es aber generell für Landwirte schwierig, Geld zu bekommen - so ist es inzwischen faktisch unmöglich geworden. Kleine Bauern sind ein zu hohes Risiko für die Banken. Deshalb ist in den Fairtrade-Standards eine Vorfinanzierung vorgeschrieben. Und wir helfen den Farmern, indem wir Unternehmen vermitteln, die ihnen Geld leihen.

STANDARD: Sind in Entwicklungsländern die Folgen des Klimawandels schon spürbar?

Lamb: Das kommt dazu. Sie sind mit allem konfrontiert: mehr Erdrutsche, mehr massive Unwetter - und sie wissen nicht mehr, wann es regnen wird. Früher wurde beispielsweise im Mai gesät - und im Juni hat es geregnet. Doch diese Muster haben sich vollständig verschoben. Es regnet, wenn die Sonne scheinen sollte, und die Sonnenperioden sind verregnet. Eine Gruppe von Kaffeeproduzenten in Uganda etwa berichtet uns, dass ihre Produktion um 60 Prozent eingebrochen ist. Einzig und allein wegen der Veränderungen im Wettergeschehen.

STANDARD: Was wiederum die schon angespannte finanzielle Situation der Landwirte verschärft?

Lamb:Die Bauern sind mit einem ganzen Bündel von Problemen auf einmal konfrontiert: das Ausdünnen der Kredite, die Wetterkapriolen und dazu dann auch noch die gestiegenen Lebensmittelpreise. Die meisten Landwirte sind Nettokäufer von Nahrungsmitteln. Die Preisentwicklung ist sogar für die Fairtrade-Bauern ein großes Problem, so wie auch die gestiegenen Treibstoffpreise. Das wiederum hat in der Folge die Düngemittelpreise in die Höhe getrieben. Teeproduzenten in Kenia berichten uns, dass sie keinen Dünger mehr einsetzen können. Kurzfristig sparen sie damit Geld - langfristig ist das ein Desaster. Weniger Produktivität, weniger Einkommen - das ist ein Teufelskreis, der sie nach unten zieht. Bei uns ist das eine Metapher, wenn wir sagen, wir müssen den Gürtel enger schnallen - dort ist das eine Realität.

STANDARD: Wie viele der Fairtrade-Produzenten sind von diesen Entwicklungen betroffen?

Lamb: Wir haben 2009 eine Umfrage durchgeführt: 76 Prozent der Bauern haben angegeben, dass sie bereits vom Klimawandel betroffen sind. 84 Prozent sagten, dass sie sich die nötigen Umstellungen in der Produktion nicht leisten können. Aber was mich besonders beunruhigt: 20 Prozent wurden von ihren Abnehmern nach ihrem CO2-Fußabdruck gefragt. Und es kann passieren: Wenn sie darauf keine Antwort geben können, könnten sie die Listung im Supermarkt verlieren. Für uns ist das unglaublich unfair: Das sind die ärmsten Bauern der Welt, die global gesehen den kleinsten Beitrag zum Klimawandel geleistet haben. Und die werden nach ihrem CO2-Ausstoß gefragt? 90 Prozent des Carbon-Footprints einer Tasse Tee macht das Aufheizen des Wassers aus.

STANDARD: Das heißt, die Industriestaaten verschieben wieder einmal ihre Probleme auf die andere Seite der Welt?

Lamb: Genau. Der Leiter einer Kaffeekooperative in Tansania wurde einmal bei einem Besuch in London gefragt: "Wie groß ist der CO2-Fußabdruck Ihres Kaffees - inklusive Transport nach Europa?" Und er antwortete: "Ich wünschte, Sie könnten in mein Dorf kommen und meine Farmer besuchen. Die haben nicht einen DVD-Player, nicht einen einzigen Fernseher, keinen Eiskasten. Die haben nicht zwei, die haben kein einziges Auto. Also erzählen Sie nicht unseren Bauern, dass sie aufräumen sollen, was ihr ausgelöst habt. Macht euren Wandel in Großbritannien - und lasst uns ein bisschen mehr verdienen für unsere Arbeit."

STANDARD: Was kann Fairtrade tun, um den Farmern zu helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen?

Lamb: Natürlich müssen wir ihnen helfen sich anzupassen, etwa bei Aufforstungsprojekten. Wir hören immer: hier ein Hangrutsch, dort eine Überschwemmung - aber für diese Menschen ist das eine Frage des Überlebens, wenn die Produktion eines ganzen Jahres zerstört wurde. Was wir überdies brauchen, ist eine faire Klimapolitik. Wir können nicht so tun, als ob jeder in der Welt von diesem dramatischen Wandel gleich betroffen wäre. Und als ob jeder die gleichen Ressourcen hätte, damit umzugehen. Da haben wir Industrienationen eine historische Schuld zu begleichen.

STANDARD: In welcher Weise setzt Fairtrade dieses Ziel um?

Lamb: Was wir bei Fairtrade versuchen, ist, die Prinzipien des freien Handels auf den Kopf zu stellen. Dessen Grundsatz lautet: Man darf nicht eingreifen. Wir sagen: Nein, man muss eingreifen, um die Menschen und die Umwelt an die erste Stelle zu stellen. Der sogenannte freie Markt wird immer versuchen die Preise herunterzudrücken. Wir aber sagen: Es muss ein Minimum garantiert sein, um die Kosten einer nachhaltigen Produktion abdecken zu können. Es geht darum, eine Balance zu schaffen, ein Gegengewicht. Und das Erstaunliche ist: Es funktioniert - innerhalb des herkömmlichen Wirtschaftssystems. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 29.12.2011)

 

HARRIET LAMB, CEO der Fairtrade Foundation in Großbritannien seit 2001. Nach dem Politikwissenschaftsstudium in Cambridge lebte die gebürtige Britin sechs Jahre in Indien, wo sie in einer Kooperative von Bauern, die der Kaste der "Unberührbaren" angehörten, arbeitete. Seit sie sich der Fairtrade Foundation anschloss, wurde sie eine der prägendsten Persönlichkeiten des fairen Handels.

Link:

www.fairtrade.at

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    Drei Viertel der Fairtrade-Bauern sagen, dass sie von den Folgen des Klimawandels bereits direkt betroffen sind.

  • Harriet Lamb: "Bei uns ist es eine Metapher, wenn wir sagen, wir müssen den Gürtel enger 
schnallen. Dort ist es eine Realität."
    foto: simon rawles

    Harriet Lamb: "Bei uns ist es eine Metapher, wenn wir sagen, wir müssen den Gürtel enger schnallen. Dort ist es eine Realität."

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