"Die ganze Welt ringt um mehr Nachfrage"

Interview28. Dezember 2011, 18:24
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Die Devisenkooperation von China und Japan ist kein großer Reformschritt, sagt Ökonom Michael Pettis

Die Devisenkooperation von China und Japan ist kein großer Reformschritt, sagt Michael Pettis. Der Ökonom warnt im Gespräch mit Lukas Sustala vor ungesundem Wachstum und hält niedrigeres Wachstum für notwendig.

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STANDARD: China und Japan haben angekündigt, ihre Währungen direkt handelbar zu machen und damit den US-Dollar als Handelswährung zu umgehen. Wie signifikant ist dieser Schritt zur Internationalisierung der chinesischen Währung Yuan?

Pettis: Wie jeder Schritt der vergangenen drei bis vier Jahre ist dieser sehr klein. Er ist großteils symbolisch und hat mit den Problemen in China wenig zu tun. Ich bin skeptisch, inwieweit die Diversifikation von Zentralbanken den Status des US-Dollar als Leitwährung gefährdet oder den Yuan in den nächsten zehn oder 20 Jahren als Leitwährung etabliert.

STANDARD: Die USA werfen China vor, den Yuan künstlich niedrig zu halten. Befinden wir uns in einem Währungskrieg?

Pettis: Wir leben in einer Welt, in der alle Staaten ihre Nettoexporte steigern wollen. Die ganze Welt ringt um mehr Nachfrage. Und weil kaum jemand mehr Nachfrage im eigenen Land generiert, hoffen alle auf ein größeres Stück des internationalen Kuchens. Ein Weg, das zu machen, ist die Währung. Das ist ein immer schwierigeres Umfeld für die Weltwirtschaft in den nächsten zwei, drei Jahren. Ich befürchte, dass eine Verschärfung dieser Währungskonflikte unausweichlich ist. Denn jedes Land ist der Meinung, dass die eigene Währung überbewertet ist.

STANDARD: Dabei hat Chinas Führung im aktuellen Fünfjahresplan angekündigt, die Volkswirtschaft unabhängiger von der Exportwirtschaft zu machen.

Pettis: Das passiert derzeit sicherlich nicht. 2010 ist der Konsum als Anteil an der Gesamtwirtschaft stark gefallen. Bereits 2005 hat man beschlossen, den damals 40-prozentigen Anteil des Konsums zu erhöhen, doch heute liegt er unter 34 Prozent. Es ist schwierig, hier das Ruder herumzureißen. Heute ist Chinas Wirtschaft mehr denn je von Exporten und Investitionen abhängig. Wenn diese beiden Posten wie erwartet langsamer zulegen und der Konsum nicht massiv ausgeweitet wird, kollabiert das Wachstum.

STANDARD: Aber die Führung hat doch Mittel, um das zu verhindern?

Pettis: Es ist ein Mythos, dass die chinesischen Behörden viele Werkzeuge haben, um das Wachstum anzukurbeln. Sie haben genau eines: Investitionen. Damit haben sie in den vergangenen 20 bis 30 Jahren die Wirtschaft angeschoben. Höhere Investitionen führen immer zu mehr wirtschaftlicher Aktivität. Aber das kann sehr ungesundes Wachstum sein, das schuldenfinanziert ist und auf Kosten der künftigen Entwicklung stattfindet.

STANDARD: War die Entwicklung in China ungesund?

Pettis: Besonders im Bereich der Infrastruktur, auch am Immobilienmarkt. Selbst kleine Städte haben modernste Flughäfen. Es wird einfach zu viel gebaut. Das reale Problem ist die Zunahme der Verschuldung. Viele Beispiele zeigen, dass solche Booms, die von Investitionen angeheizt sind, untragbare Verschuldungsberge anhäufen - etwa die Sowjetunion in den 1950ern, Brasilien in den 1960ern, Japan in den 1980ern.

STANDARD: Werden die angekündigten Reformen im Sozialsystem diese Probleme lösen und den Konsum ankurbeln?

Pettis: Es geht nicht um das soziale Netz, sondern um die Einkommen und Vermögen der Haushalte. Die Einkommen stellen nur einen kleinen Teil der Wirtschaftsleistung dar. Damit kann man keinen plötzlichen Anstieg des Konsums erwarten, das ist unmöglich.

STANDARD: Droht also ein niedrigeres Wachstum in China?

Pettis: Eine Wachstumsabkühlung in China ist keine schlechte Sache. Es ist eine notwendige Sache, von den acht Prozent runterzukommen. Ich gehe von drei Prozent Wachstum über die nächsten zehn Jahre aus. Wenn diese Anpassung gut gemanagt wird, dann werden wir keinen Kollaps im Beschäftigungswachstum sehen, vor dem sich so viele fürchten. Denn die Anpassung muss stattfinden, indem man sich von kapitalintensivem Wachstum hin zu arbeitsintensivem umorientiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2011)

MICHAEL PETTIS (53) ist Ökonom und Professor an der Guanghua School of Management der Peking-Universität. Der ehemalige Banker ist Mitarbeiter des Asienprogramms der Carnegie-Stiftung.

  • Michael Pettis mahnt Reformen ein.
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    Michael Pettis mahnt Reformen ein.

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