"Ich war nie am Ende. Außer jetzt."

Interview28. Dezember 2011, 17:04
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Mit großer Wehmut nimmt Grita Insam Abschied: Krankheitsbedingt schloss sie kurz vor Weihnachten ihre Galerie an der Hülben in Wien

Im Gespräch mit Thomas Trenkler erinnert sich die Kunstvermittlerin an ihre Pionierleistungen.

Standard: Sie prägten jahrzehntelang die Wiener Galerieszene mit. Nun mussten Sie Ihre Galerie schließen. Wie kamen Sie eigentlich als PR-Lady zur Kunst?

Insam: Ich studierte Werbung und Marktforschung, gründete danach eine Agentur und betreute u. a. Hamburger Mosburger. Ich schlug ihnen 1969 ein Projekt vor, das unglaublich pionierhaft und grenzüberschreitend war. Die Kampagne Tangenten 70 war zudem das erste Sponsoringprojekt in Österreich. In dieser Veranstaltungsreihe gab es u. a. eine Malaktion mit Hans Staudacher im Museum für angewandte Kunst, eine Lesung mit Ernst Jandl, ein Konzert mit Anestis Logothetis. Und dann hab ich einen Multiple-Wettbewerb veranstaltet. Die ganze Szene hat sich beteiligt. Das war ein enormer Erfolg - auch im Medienecho.

Standard: Das Projekt entstand aus dem Nichts heraus?

Insam: Staudacher war ein Freund von meinem Exmann Ernst Insam. Und ich hab mich einfach umgehört. Peter Baum zum Beispiel erzählte mir, dass Multiples so aktuell seien. Als vollkommen unerfahrenes Dirndl hab ich irgendwie intuitiv in die Kunst hineingegriffen. Und dieses Projekt war für mich eine Falle: Ich war plötzlich in der Kunstszene - und wollte dann nicht mehr raus. So habe ich mit Partnern 1971 am Hof die Modern Art Galerie gegründet. Aber schon 1974 zerstritten wir uns. Die Partner wollten Künstler einladen, die sich verkaufen. Aber ich war immer schon spinnert: Ich hab mich für jene eingesetzt, die sich nicht verkauft haben.

Standard: Und so haben Sie Ihre eigene Galerie aufgemacht?

Insam: Ja, 1974 in der Wipplingerstraße. Und 1977 bin ich in die Köllnerhofgasse gezogen. Dort fanden all die Performances, Klangarbeiten, die Audioszene 79 usw. statt. Bereits 1977 zeigte ich Hermann Nitsch. Und ich wurde von einem Vertreter der Liga gegen entartete Kunst besucht. Den hab ich die Stiege runtergehaut.

Standard: Wie war die Galerieszene in den 1970er-Jahren?

Insam: Wien war damals total verschlossen: Man hat die Phantastischen Realisten proklamiert, sonst gab es nicht viel. Abgesehen vom Monsignore Otto Mauer, der war meine Leuchtfigur, mit der Galerie nächst St. Stephan. Als Ossi Oberhuber, der die Galerie leitete, mich als Konkurrenz gesehen hat: Da war ich stolz. 1974 gab es gleichzeitig zwei Einzelausstellungen von Robert Adrian: die eine in der Galerie nächst St. Stephan, die andere bei mir. Bob hat an mich geglaubt, er hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.

Standard: Ihr Programm war generell ein eher sprödes, oder?

Insam: Absolut. Es war raumorientiert - und konzeptuell, weil ich am Intellekt der Künstler interessiert war und nicht nur an Ästhetik und Sinnlichkeit. Ich habe vielleicht aufgrund meines lauten, extrovertierten Charakters die Reduktion, die Stille gesucht. Fernanda Gomes ist mir mit ihrer Kunst total entgegengekommen. Oder auch Gerold Tagwerker.

Standard: Schon recht früh haben Sie Peter Weibel ausgestellt.

Insam: Ja, mit ihm arbeite ich seit 1974 zusammen. Er ist einfach ein Genie. Valie Export hingegen war meine bitterste Enttäuschung. Sie hat sich sehr unfair benommen.

Standard: Sie haben sich aber doch sehr für Frauen eingesetzt.

Insam: Mir war die Gleichstellung ein Anliegen. 1982 lief in Berlin die Ausstellung Zeitgeist. Unter ich weiß nicht wie vielen Männern waren nur zwei Frauen vertreten. Das hat mich auf die Palme gebracht. Und so hab ich mit Johanna Dohnal, mit der ich befreundet war, 1984 ein internationales Frauenfestival veranstaltet.

Standard: Frauenkunst aber war für Sie kein Thema?

Insam: Nein. Künstlerinnen wollten mich zwar als Frauengalerie sehen. Aber das war ich nie. Was zählt, ist die Qualität. Ich wurde auch als Videogalerie angesehen. Aber das war ich auch nicht. Ich habe eben kein Medium ausgeschlossen, war nur neugierig.

Standard: Auch kulturpolitisch mischten Sie mit.

Insam: Ja. Ich organisierte ein Symposion in der Köllnerhofgasse: Helmut Zilk, damals Minister, Dieter Ronte, andere Museumsdirektoren, Künstler, Kuratoren und Sammler sprachen zum Thema "Kunstförderung - wie?". Damals kristallisierte sich heraus, dass es Informationsgalerien geben muss: Galerien, die sich nicht so sehr am Verkauf orientieren, sondern an der Vermittlung. Sie durften dann bei der öffentlichen Hand um Gelder für Projekte ansuchen.

Standard: In den 80ern dominierten die drei großen Damen die Szene: Ursula Krinzinger, Rosemarie Schwarzwälder und Sie.

Insam: Rudolf Scholten hat uns zusammengeholt, als er Kunstminister war. Er sagte: "Wenn ihr nicht zerstritten seid", was wir nie waren, "dann hab ich Geld für euch." So begann die Galerieförderung. Das waren keine großen Beträge, aber man konnte damit die Sommermonate übertauchen. Und so konnten viele Galerien gegründet werden - von Kerstin Engholm bis Gabi Senn. Das beweist für mich, dass Kulturpolitik greifen kann.

Standard: Thaddaeus Ropac lebt in Salzburg wie ein Fürst. Sie hingegen kämpften mitunter ums Überleben. Das große Geld zu machen hat Sie nie interessiert?

Insam: Nein. Mich hat das System Ropac nicht interessiert. Das war wohl ein Fehler. Ich hätte jetzt ganz gern ein paar Reserven. Aber ich wollte eben immer Pionierfurchen legen. Ich wollte Neues nach Österreich bringen, ich musste einfach Experimente machen. Und ich brauchte den Widerstand. Ich hab mich als Informationsgalerie immer über Wasser halten können, ich habe Projekte realisiert - und mich für Kunst im öffentlichen Raum engagiert. Ich war nie am Ende. Außer jetzt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2011)

  • Grita Insam hat es sich nie einfach gemacht: "Ich brauchte den Widerstand." Insam, 72, geboren in Wien, war 40 Jahre lang Galeristin.
    foto: standard / regine hendrich

    Grita Insam hat es sich nie einfach gemacht: "Ich brauchte den Widerstand." Insam, 72, geboren in Wien, war 40 Jahre lang Galeristin.

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