Eine Schweizer Studie zeigt, wie sozialpolitische Einstellungen vom Umfeld abhängen - Differenzen verlaufen scharf entlang der Sprachgrenzen
Die Debatte flammt immer wieder auf: Ist der Wunsch nach sozialer Sicherheit
eine Frage der Kultur, oder ist sie die Folge von sozial und wirtschaftlich
instabilen Lagen, von Ungerechtigkeit und mangelndem Wohlstand? Bestimmen die
Verhältnisse das politische Denken, oder gibt es noch andere, weniger rationelle
Gründe?
Ein Expertenteam des Departements für Wirtschaftswissenschaften der
Universität Lausanne wollte es genau wissen. Wenn es tatsächlich so etwas wie
einen soziopolitischen Kultureffekt gibt, dann müsste dieser in ihrer Heimat
besonders deutlich erkennbar sein, dachten die eidgenössischen Forscher.
Schließlich ist die Schweiz ein multi-ethnischer Staat mit einer
deutschsprachigen Mehrheit und großen französisch- oder italienischsprechenden
Bevölkerungsteilen, die im Allgemeinen regional deutlich getrennt voneinander
leben. Der gesamte Kanton Tessin ist sprachlich, aber auch kulturell italienisch
geprägt. Im Westen der Schweiz, in der sogenannten Romandie, herrscht dagegen
Französisch vor. Die Grenze zwischen diesem Sprachgebiet und der Deutschschweiz
wird oft scherzhaft "Röstigraben" genannt. Der ist offenbar tiefer, als mancher
glauben mag.
Um dem Kultureffekt auf die Spur zu kommen, trug die Arbeitsgruppe die
Ergebnisse von mehreren Umfragen und Volksabstimmungen zu sozialen Themen
zusammen und unterzog diese einer ausgiebigen mathematischen Analyse. Dabei
wurde in erster Linie nach Sprachregion verglichen, gleichzeitig aber bezogen
die Forscher auch potenzielle Einflussfaktoren wie die Arbeitslosenquoten und
die Cholesterinwerte der Bevölkerung als Gesundheitsmaßstab mit ein. "So konnten
wir die reine Auswirkung der Kultur herausstellen", erklärt Studienleiter Rafael
Lalive im Gespräch.
Einfluss der Nachbarländer
Die Ergebnisse, die vor wenigen Wochen von der Fachzeitschrift The
Economic Journal online publiziert wurden, zeigen ein klares Bild. In der
Deutschschweiz ist die Forderung nach mehr sozialer Sicherheit deutlich weniger
verbreitet als in den französisch-, rätoromanisch- und italienischsprachigen
Gebieten. Ein Beispiel: Als 2007 ein Referendum über die Einführung eines neuen
staatlichen Krankenversicherungssystems mit einkommensbasierten Beiträgen
durchgeführt wurde, stimmten nur 21,4 Prozent der deutschsprachigen Eidgenossen
dafür. Im Westen und Süden des Landes waren es 43,6 Prozent.
Solche Differenzen, die scharf entlang der Sprachgrenzen verlaufen, bleiben
auch dann sichtbar, wenn man die Auswirkungen von sozioökonomischen
Unterschieden statistisch berücksichtigt, betont Rafael Lalive. Besonders
deutlich zeigt sich der Effekt in zweisprachigen Kantonen wie Fribourg, Bern und
dem Wallis. Dort sind oft sogar die Umfrage- und Abstimmungsergebnisse zwischen
Nachbardörfern stark verschieden, trotz identischer gesetzlicher Regelungen. Die
Kultur prägt anscheinend die Meinung, nicht so sehr die Umstände.
Über die Ursachen der Unterschiede können die Forscher bislang nur
spekulieren. Historische Aspekte dürften eine Rolle spielen. Die Romandie und
das Tessin wurden jahrhundertelang von meist deutschsprachigen Eliten
beherrscht. Dies mag als Basis für eine eher egalitäre Ideologie gedient haben.
Die Welt sei demnach grundsätzlich ungerecht, und dagegen muss vorgegangen
werden. Laut Umfragen glauben relativ viele West- und Südschweizer, dass Erfolg
mehr eine Frage von Glück und Beziehungen als das Resultat harter Arbeit ist.
"Religion kann ebenfalls eine Erklärung sein", sagt Rafael Lalive. Die
Deutschschweiz ist protestantisch geprägt, der Rest überwiegend katholisch. Aber
dies könne nicht alles erklären, betont der Wissenschafter.
Bleibt der Einfluss von den Nachbarstaaten. Ausländisches Radio und Fernsehen
spielen im Tessin und in der Romandie eine größere Rolle als in den Kantonen
zwischen Basel und St. Bernhard. "Die französisch- und italienischsprachigen
Regionen scheinen einen Teil der Werte und Einstellungen ihrer Nachbarn
übernommen zu haben", meint Lalive.
Wie Letztere jedoch ihre Meinung bilden, bleibt vorerst offen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. Dezember 2011)