Kultureffekt

Die Vermessung des kulturellen Röstigrabens

Kurt de Swaaf, 29. Dezember 2011, 12:07

Eine Schweizer Studie zeigt, wie sozialpolitische Einstellungen vom Umfeld abhängen - Differenzen verlaufen scharf entlang der Sprachgrenzen

Die Debatte flammt immer wieder auf: Ist der Wunsch nach sozialer Sicherheit eine Frage der Kultur, oder ist sie die Folge von sozial und wirtschaftlich instabilen Lagen, von Ungerechtigkeit und mangelndem Wohlstand? Bestimmen die Verhältnisse das politische Denken, oder gibt es noch andere, weniger rationelle Gründe?

Ein Expertenteam des Departements für Wirtschaftswissenschaften der Universität Lausanne wollte es genau wissen. Wenn es tatsächlich so etwas wie einen soziopolitischen Kultureffekt gibt, dann müsste dieser in ihrer Heimat besonders deutlich erkennbar sein, dachten die eidgenössischen Forscher. Schließlich ist die Schweiz ein multi-ethnischer Staat mit einer deutschsprachigen Mehrheit und großen französisch- oder italienischsprechenden Bevölkerungsteilen, die im Allgemeinen regional deutlich getrennt voneinander leben. Der gesamte Kanton Tessin ist sprachlich, aber auch kulturell italienisch geprägt. Im Westen der Schweiz, in der sogenannten Romandie, herrscht dagegen Französisch vor. Die Grenze zwischen diesem Sprachgebiet und der Deutschschweiz wird oft scherzhaft "Röstigraben" genannt. Der ist offenbar tiefer, als mancher glauben mag.

Um dem Kultureffekt auf die Spur zu kommen, trug die Arbeitsgruppe die Ergebnisse von mehreren Umfragen und Volksabstimmungen zu sozialen Themen zusammen und unterzog diese einer ausgiebigen mathematischen Analyse. Dabei wurde in erster Linie nach Sprachregion verglichen, gleichzeitig aber bezogen die Forscher auch potenzielle Einflussfaktoren wie die Arbeitslosenquoten und die Cholesterinwerte der Bevölkerung als Gesundheitsmaßstab mit ein. "So konnten wir die reine Auswirkung der Kultur herausstellen", erklärt Studienleiter Rafael Lalive im Gespräch.

Einfluss der Nachbarländer

Die Ergebnisse, die vor wenigen Wochen von der Fachzeitschrift The Economic Journal online publiziert wurden, zeigen ein klares Bild. In der Deutschschweiz ist die Forderung nach mehr sozialer Sicherheit deutlich weniger verbreitet als in den französisch-, rätoromanisch- und italienischsprachigen Gebieten. Ein Beispiel: Als 2007 ein Referendum über die Einführung eines neuen staatlichen Krankenversicherungssystems mit einkommensbasierten Beiträgen durchgeführt wurde, stimmten nur 21,4 Prozent der deutschsprachigen Eidgenossen dafür. Im Westen und Süden des Landes waren es 43,6 Prozent.

Solche Differenzen, die scharf entlang der Sprachgrenzen verlaufen, bleiben auch dann sichtbar, wenn man die Auswirkungen von sozioökonomischen Unterschieden statistisch berücksichtigt, betont Rafael Lalive. Besonders deutlich zeigt sich der Effekt in zweisprachigen Kantonen wie Fribourg, Bern und dem Wallis. Dort sind oft sogar die Umfrage- und Abstimmungsergebnisse zwischen Nachbardörfern stark verschieden, trotz identischer gesetzlicher Regelungen. Die Kultur prägt anscheinend die Meinung, nicht so sehr die Umstände.

Über die Ursachen der Unterschiede können die Forscher bislang nur spekulieren. Historische Aspekte dürften eine Rolle spielen. Die Romandie und das Tessin wurden jahrhundertelang von meist deutschsprachigen Eliten beherrscht. Dies mag als Basis für eine eher egalitäre Ideologie gedient haben. Die Welt sei demnach grundsätzlich ungerecht, und dagegen muss vorgegangen werden. Laut Umfragen glauben relativ viele West- und Südschweizer, dass Erfolg mehr eine Frage von Glück und Beziehungen als das Resultat harter Arbeit ist. "Religion kann ebenfalls eine Erklärung sein", sagt Rafael Lalive. Die Deutschschweiz ist protestantisch geprägt, der Rest überwiegend katholisch. Aber dies könne nicht alles erklären, betont der Wissenschafter.

Bleibt der Einfluss von den Nachbarstaaten. Ausländisches Radio und Fernsehen spielen im Tessin und in der Romandie eine größere Rolle als in den Kantonen zwischen Basel und St. Bernhard. "Die französisch- und italienischsprachigen Regionen scheinen einen Teil der Werte und Einstellungen ihrer Nachbarn übernommen zu haben", meint Lalive.

Wie Letztere jedoch ihre Meinung bilden, bleibt vorerst offen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. Dezember 2011)

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15 Postings
Adolf Ogi
00
30.12.2011, 15:53
katholisch - protestantisch

wer folgende Karten vergleicht sieht, dass zwischen Sprache und Religion keine eindeutige Korrelation in der Schweiz besteht, außer vielleicht, dass die italienischsprachigen Tessiner mehrheitlich katholisch sind. Aber sonst ist die Deutschschweiz genau so ein konfessioneller Fleckerlteppich, wie die Romandie.

http://de.wikipedia.org/wiki/Date... 2011_2.png

http://de.wikipedia.org/wiki/Date... 2011_2.png

anders and
 
11
29.12.2011, 16:32
natürlich eine Studie von Wirtschaftswissenschftlern...

alle anderen wissen ohnehin schon längst, dass menschliches Verhalten stark von kulturellen Prägungen bestimmt wird.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
04
29.12.2011, 10:20

"Die Deutschschweiz ist protestantisch geprägt, der Rest überwiegend katholisch."

Genf und die Waadt (zusammen ca 1 Mio Einwohner, also etwa die Hälfte der nicht-deutschsprachigen Schweiz) sind katholisch geprägt?

Utrillitn
00
29.12.2011, 07:03
Wie mans sieht

Mehr Sicherheit oder mehr Solidarität.

Johannes Benn
12
28.12.2011, 21:47
.

eines der modeworte aus der sarrazin debatte hieß doch kulturalisierung...der begriff soll den umstand bezeichnen dass es keine kulturbedingten unterschiede bezueglich der einstellungen eines menschen gibt sondern nur vermeintlich kulturbedingten die tatsaechlich auf soziale unterschiede zurueckzufuehren ist, gemeint waren damit soziooekonomische unterschiede...daran habe ich noch nie geglaubt.
im uebrigen sind die ergebnisse insofern ueberraschend weil gerade die anderen deutschsprachigen laender gerade auch als laender gelten in denen soziale sicherheit sehr geschaetzt wird - also haben oesterreich und deutschland die schweiz in diesem punkt wohl nicht stark beeinflusst

nemo sander
00
29.12.2011, 11:50
die kulturellen unterschiede zwischen stuttgart und berlin

zwischen köln und münchen sind auch sehr groß was politische und gesellschaftliche einstellungen betrifft. derzeit gibt es in berlin sogar eine art schwaben-hass, so absurd das auch klingen mag.
in österreich möchte ich auch die politischen und gesellschaftlichen einstellungen in bestimmten tiroler regionen mit denen wiens vergleichen oder die des 19. mit dem des 10. bezirks und von mir aus nur unter denen die swoboda und dworacek heißen, damit nicht ein "migranten-thema" daraus wird.

djang
00
29.12.2011, 00:13
Sehe ich genauso

Die Schweiz hat weniger mit D und Ö gemein als man glaubt. Insbesondere, da der "liberalere" französischsprachige Teil, als ich dort gelebt habe, mir schon ein ganzes Stück elitärer und konservativer vorgekommen ist, als es Stenzls Bezirk je sein könnte. Möcht gar nicht wissen, wie das dann in der deutschen Schweiz sein muss...

der_kleine_pariser
 
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das ist in der deutschen Schweiz nicht so schlimm wie in der frz. Schweiz.

Das ist ganz offensichtlich der oben zitierte Einfluss des Nachbarstaates. Frankreich ist ja auch um einiges elitärer und konservativer als Österreich oder Deutschland.

Poldi Fesch
00
28.12.2011, 22:49
:) zum letzten

Absatz, nur aus dt/oest Sicht. Wennst nach Italien kommst, erkennst du die Unterschiede

der_kleine_pariser
 
00

Was auch auffällt, dass ganz was anderes unter sozialer Sicherheit verstanden wird.

Soziale Sicherheit in Österreich oder Deutschland wird daran festgemacht, dass man eine ordentliche, halbwegs gutbezahlte Hack'n hat und damit man die hat, hat man eine Ausbildung.

In Frankreich wird darunter verstanden, dass die Bedürftige erhalten werden. Es fehlen jegliche Qualifikationsprogramme bzw. sind diese im Vergleich marginal, das beginnt schon bei der fehlenden Lehre.

Da haben 45% der Bev. eine schulische Berufsausbildung, eine handwerkliche Ausbildung haben vielleicht 10 oder 15%. Dann findet man einerseits keinen Installateur, andererseits sind 12% der Bev. arbeitslos.

Poldi Fesch
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ganz was anderes

ist das Verkaufen von austern nach Gewicht eigentlich eine it. Spezialitaet o. gibt es das auch in Fr ? Schluszendlich eine Kiste mit 3 Kilo gekauft, mir ist jetzt noch schlecht

der_kleine_pariser
 
00

Was frisst die auch auf einmal auf??? Austern halten durchaus, solange sie geschlossen sind.

Dass Austern Kiloweise verkauft werden, ist mir nicht bekannt. Selbst auf den Bourriches ist die darin befindliche MindetsANZAHL angegeben, nicht aber ein Gewicht.

Poldi Fesch
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ja, ist hier

in IT aehnlich. Die haben ueberhaupt keine Vorstellung davon, wie die Welt jenseits der Alpen aussieht. Eher einen festeren Auftritt mit der Leopoldine gehabt. So, in den US o. GB waers so toll. Ja, aber nicht fuer eine HAK - Absolventin.

der_kleine_pariser
 
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Wobei die Italiener wenigstens -soweit mir bekannt ist - ein halbwegs vernünftiges Lehrlingsausbildungssystem haben.

Sowas gibt's in Frankreich (so wie auch in England) fast überhaupt nicht.

Poldi Fesch
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jein, manche

eine Ueberdrueber Fa wie Kiton hat jetzt begonnen Lehrlinge auszubilden weil sie keine Leute finden. "Unsere" Frieseuse hat auch ein Lehrmaedchen, die schneidet aber in dritten Jahr immer noch nicht

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