Verzweiflungstäter des Alltags

28. Dezember 2011, 17:02
  • Ein absurder Tanz pro Tag: Regisseurin und Hauptdarstellerin Miranda July versucht sich in "The Future" an einem zukunftsweisenden Youtube-Projekt.
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    Ein absurder Tanz pro Tag: Regisseurin und Hauptdarstellerin Miranda July versucht sich in "The Future" an einem zukunftsweisenden Youtube-Projekt.

Eine freundlich verschrobene Mittlebenskrisenkomödie: Die Autorin, Künstlerin und Filmemacherin Miranda July stellt mit "The Future" ihre zweite Kinoarbeit vor

Wien - Als halbwegs junger Mensch macht man noch große Pläne. Man träumt von der Weltherrschaft oder von Reichtum, und zumindest die näherliegenden Ziele sollten sich doch erreichen lassen: "Ich wollte immer konsequent die Nachrichten verfolgen. Aber ich hinke dabei ständig weiter hinterher. Was soll das Ganze also?" Inzwischen ist man Mitte dreißig, "in fünf Jahren vierzig, damit praktisch fünfzig" - also: "What's the point?"

Sophie, filmisches Alter Ego der US-Filmemacherin, Künstlerin, Performerin und Autorin Miranda July, zieht den Stecker. Beziehungsweise kündigt sie den Internetanschluss für ein Monat. In dieser Zeit wollen die Teilzeit-Kindertanzlehrerin und ihr Lebenspartner, der bei einem telefonischen Techniksupport für Computerprobleme jobbt, herausfinden, was mit der restlichen Lebenszeit denn sinnvoll anzufangen wäre.

July, selbst Jahrgang 1974, hat ihrem zweiten Spielfilm dementsprechend den Titel The Future gegeben. Seit ihrem vielbeachteten Kinodebüt Me and You and Everyone We Know sind sechs Jahre vergangen, die Arbeit an The Future war von kreativen Komplikationen begleitet, July und ihr Kollege Mike Mills (Beginners) haben inzwischen geheiratet - Zeit und (gemeinsames) Altern sind nicht von ungefähr ein zentrales Thema des neuen Films. Zugleich bleibt dieser jedoch auch den Charakteristika des eigenwillig zusammengezimmerten, aus der Do-it-yourself-Popkultur der 90er-Jahre her rührenden Werks von July treu:

Schon die Videoarbeiten kreisten um mysteriöse Versuchsanordnungen, Verhaltensmuster und Rituale. In Nest of Tens (1998) wechselten sich beiläufige Alltagsbeobachtungen mit einem seltsamen Vortrag ab, der akribisch Kategorien von Ängsten auflistete. Das Sammeln und Archivieren, das Ausführen von (fremden) Handlungsanweisungen war auch Kern des interaktiven Webprojekts Learn To Love You More (2002 bis 2009). Als Nebenprojekt von The Future ist das Buch It Chooses You entstanden, das den Hintergrund von Kleinanzeigen erforscht. Die hampeligen Performances, die July als Sophie im Film ausführt, und ein generelles Faible für alltägliche Absurditäten gehören ebenfalls zum Fixbestand dieses freundlich verschrobenen Kosmos angewandter Kunst.

Traurige Katze

The Future folgt dementsprechend zwar einem großen Erzählbogen (die bedeutsame Auszeit von dreißig Tagen und die traurige Geschichte der Katze Paw-Paw). Aber eigentlich hält dieser Bogen (und Paw-Paws Offstimme) eine eher lose angelegte Folge von Episoden zusammen. Jason (Hamish Linklater) versucht sich als Umweltaktivist. Sophie verfolgt anfangs noch ihr Projekt, täglich ein Tanzvideo für Youtube zu produzieren. Daraus entspinnen sich Befindlichkeiten, Begegnungen und Erfahrungen. Die beiden Figuren entfernen sich in diesem etwas ziellosen Driften ein Stück weit voneinander - und beim Zusehen verliert man im Verlauf des Films ebenfalls ein bisschen den Anknüpfungspunkt.

July gelingen trotzdem immer wieder stimmige, verhalten komische Szenen und treffende Aussagen. Auf das Verbalisieren der Aussichtslosigkeit des Daseins wird viel kreative Energie verwendet - da bleibt für konkrete Änderungsversuche und Aktivitäten eben nichts mehr übrig. Aber so gehört sich das auch irgendwie für ein richtiges Slackerleben. Das ändert sich nicht automatisch mit dem Alter.  (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2011)    

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25 Postings

So prickelnd wirkt der trailer wirklich nicht, aber was heißt das schon? July würd ich jedenfalls heiraten, wenns noch möglich wäre, schaut super aus in dem Film!

wenn man nicht weiß, was man schreiben soll...

kommt so ein Artikel dabei raus.

Habe den gesamten Film bereits gesehen,

er hat fraglos seine Momente und rein gar nichts mit "Bobos" zu tun, sie ist Tanzlehrerin, er Computercoach, "Bourgeois" geht sich da einfach nicht aus.
Die Handlung berührt letztlich nicht genug, um packend zu sein, die Nebenfiguren sind farblos, die Tragödie mit der Katze keine stimmige Auflösung des Plots. Leider kommt "The Future" nicht an "Me and You and Everyone We Know" heran.

rein gar nichts mit "Bobos" zu tun

natürlich nicht.

Gefangene im selbst gebauten Käfig der inszenierten Freiheit

"herausfinden, was mit der restlichen Lebenszeit denn sinnvoll anzufangen wäre". Hmm, wie wär es mit: Engagement zeigen. Private Interessen (zB. tanzen) von beruflichen Notwendigkeiten (zB. Geld verdienen) trennen. Trotzdem ehrlich zu sich selbst bleiben. Familie gründen. Trotzdem liberal bleiben (Bildungsbürger) und nicht nur so tun (Bobo).

Naja, aber

eine ganze Berufsgruppe in Frage zu stellen nur weil man die Handlung eines Films nicht begreift ist für sich genommen schon ein bisserl arm.
Familie gründen ist mehr denn je eine Frage des zur Verfügung stehenden Geldes.
Und "Bildungsbürger" sind mittlerweile eher Problem als Lösungsansatz. Genau wie "die Wirtschaft" als Maß aller Dinge.

hab letztens die vorschau im kino sehen dürfen

selten sowas bemühtes gesehen, den eigenen bescheuerten alltag als intellektuell-philosophisch zu verklären. der film sollte "frust im bobo-klischee" heißen.

Den Trailer fand ich ganz witzig.

Dass die Meinungen schon über diese Ausschnitte so auseinandergehen ist doch ein gutes Zeichen. Die Einen amüsieren sich über die darin gezeigte Lebenswelt und die Anderen - etwa Bobophobiker wie Sie - können ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen, also darüber matschgern und sich über die, wie auch immer definierten, "Bobos" echauffieren; so hat jeder was davon.

der einzige, der sich hier aufpudelt

sind sie, indem sie allen, die diesen extrem bemühten und klischeehaften film schlecht finden gleich eine psychische erkrankung unterstellen. das wirkt auf mich ziemlich verkrampft.

wie war das nochmal?

sie haben den trailer gesehen und wissen genau ueber den film bescheid? mein respekt.

die trailer

sind heutzutage dermaßen lange und ausgiebig, daß man danach tatsächlich die besten/lustigsten/bewegendsten szenen eines films kennt.

lol

hab den film gesehn. fand ihn ganz lustig, aber das triffts wohl ganz gut.

Urteil nach zufällig konsumiertem Kino-Trailer.

Ich bin sicher, dass wir es hier nicht etwa mit einer millieubedingten Unmutsäußerung sondern mit einer fundierten Kritik zu tun haben. Fraglos.

vorschau

im sinne von trailer oder den gesamten film?

Du hast schon ml in einer Vorschau den gesamten Film gesehen??? Kannst du Sinnerfassend lesen?

Ich schau mir den Film auch gerade an. Ich spule immer wieder nach vorne um zu sehen was da noch kommt. Ist auch irgendwie wie eine Vorschau :)

Bis jetzt ist er ganz lustig. Langweilige Szenen überspringe ich oder ich mach inzwischen irgend etwas anderes.

Der Artikel dazu ist eher sinnlos...einfach reinschaun.

“Vorschau“ (aus der Übersetzung von “(sneak) preview“ ) meint konzise verwendet im Filmbereich immer den ganzen Film.
Schlampig verwendet kann es ggf. auch “trailer“ bedeuten, daher ist die Frage mehr als berechtigt, sofern man nicht überhaupt davon ausgeht, dass der ganze Film gemeint ist.

KEINE Ahnung, aber die Klappe sperrangelweit offen und auch noch großkotzig von oben runter - ein Troll, wie er im Buche steht.

falsch, herr oberlehrer

sneak preview bedeutet nicht vorschau, sondern vorpremiere. dabei wird der ganze film gezeigt, das ist richtig.
eine vorschau hingegen ist im deutschen ein verkürzter einblick in etwas, das bald kommen wird.

Zuerst schlaumachen, dann klugscheißen:

“Eine Vorschau (oft auch englisch: Preview) bezeichnet eine Vorabbegutachtung eines noch nicht veröffentlichten Produktes (Musical, Film, Computerspiel, Buch usw.). Der Zweck liegt meistens darin begründet, Kritikern die Möglichkeit zu geben, ein Produkt vor der Marktpremiere in Augenschein zu nehmen, damit ihre Kritiken rechtzeitig zur Premiere in den Medien erscheinen können.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Vorschau

Vorschau (eher so genannt wenn es für Journalisten etc. gedacht ist), Vorpremiere und (Sneak) Provider (die letzteren beiden eher so genannt für Publikum) ist im Kinojargon exakt das selbe.

Dass manche zu einem verkürzten Einblick in etwas auch so sagen, ändert an dieser Tatsache rein gar nichts, und hier gehts um Film.

quatsch

"vorschau" ist ein deutsches wort, wurscht, wie das kinomacher verwenden oder auch nicht.

Genau, und in dieser Eigenschaft ist es exakt analog zum englischen "preview", das ebenfalls den ganzen Film meint.

Doch.

Und wenn du mich noch so oft als einziger rotstrichelst - das ändert nichts an den Fakten.

ich mag zwar die art von july..

aber für "frust im boboklischee"
gibt's grün!

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