Kein Anglizismus

Der s-Plural ist originär Deutsch

28. Dezember 2011, 15:23

Pluralbildung geht auf 17./18. Jahrhundert zurück

Die Anglisierung der deutschen Sprache wird vielfach beobachtet und oft auch als Überfremdung kritisiert. Als Beispiel für diese Entwicklung können die Jugendwörter des Jahres 2011 angeführt werden, die aus dem englischen Sprachraum stammen: "Liken" für "Gefällt mir" in Österreich oder "Swag" für eine beneidenswert coole und lässige Art in Deutschland. Oder auch: Wir fahren mit dem Bike und kaufen Outdoor-Bekleidung. "Seit dem Zweiten Weltkrieg nimmt der angloamerikanische Einfluss zu", stellt auch Universitätsprofessorin Damaris Nübling vom Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) fest.

Ein vielfach angenommener Anglizismus ist aber gar keiner: die Pluralbildung auf "s" - also zum Beispiel CDs, DVDs und Unis. "Der s-Plural kommt zuerst bei 'die Müllers' oder 'die Schmidts' vor, lange bevor wir englische Wörter überhaupt entlehnen", so die Mainzer Sprachhistorikerin. Ein schönes Beispiel für einen frühen s-Plural, der ganz bestimmt nicht aus dem Englischen stammt, sind die "Buddenbrooks" von Thomas Mann. Nüblings historischen Untersuchungen zufolge ist die Mehrzahlbildung mit "s" im 17./18. Jahrhundert aufgekommen, und zwar zuerst bei den Familiennamen und wenig später bei den Ruf- und den Ortsnamen. Sie geht auf die Genitiv-Endung "s" zurück: Müllers Familie oder Meiers Leute. Durch eine Umdeutung entstand aus dem Genitiv-Singular-s im Laufe der Zeit das Plural-s.

Hintergrund

"Der Sinn ist, dass der Name geschont wird", erläutert Damaris Nübling. "Ein Name soll sich so wenig wie möglich verändern." Dies gelingt am ehesten durch die Nachsilbe "s", die das Wort konstant hält und nicht so stark verformt wie andere Endungen. Erst wenn das Wort bekannt genug sei, werde "s" durch "en" ersetzt - und wir sprechen von Pizzen (statt zuvor Pizzas) und Konten (statt Kontos), so die Forscherin.

Die Linguistin weist zudem darauf hin, dass die Verwendung von Anglizismen auch ihre Berechtigung hat: Wenn wir einen neuen Gegenstand wie zum Beispiel den Computer aus dem Ausland übernehmen, dann übernehmen wir mit der Sache selbst auch ihre Bezeichnung. Und: "Es gibt einen Bedarf für englische Ausdrücke, aber ihr Einfluss auf die deutsche Sprache wird gemeinhin überschätzt", ist Nübling überzeugt. (red)

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pipi pipifax
00

-s ist keine silbe (dafuer braucht's einen sonoren laut: meist vokal oder in einigen sprache r, l, n. m). es kann daher auch kein "nachsilbe" sein. es ist einfach eine endung (wissenschaftlicher: ein flexionsaffix).

Zinsenfeger
00
Mein Favorit: der Herren-Indoor-Schlafanzug

wurde vor Jahren tatsächlich so im Hofer-Prospekt angepriesen

Old Nick
11
31.12.2011, 16:03
Dieser Erklärungsversuch wirkt etwas schräg:

"Erst wenn das Wort bekannt genug sei, werde "s" durch "en" ersetzt - und wir sprechen von Pizzen (statt zuvor Pizzas) und Konten (statt Kontos), so die Forscherin."

Früher sprach man ja auch von "Museums" und nicht von Museen, oder?

Zinsenfeger
00

Atlasse? ;-)

utarefson
02
31.12.2011, 15:45
Familiennamenplural in Österreich?

nicht Müllers oder Hubers sondern korrekt: Die Huberischen und die Müllerischen!

pipi pipifax
00

ist kein gegenbeweis. zeigt nur, dass sich das plural-s nach oesterreich ausgebreitet hat.

utarefson
00
Das kommt eben vom schlechten dt. Fernsehen

Und bitte lernen und beherrschen seiner Muttersprache muss ab einem gewissen Bildungsniveau und gewissen intellektuellen Anforderungen jeder seine Muttersprache. Das kindliche Lallen wird zur Behandlung und Erklärung der Feinheiten einer Differentialgleichung, dem Lesen von Betriebsanleitungen und dem Studium der philosophischen Schriften des Hl. Ambrosius zu wenig sein. Hier ist dann schon eine gewisse sprachliche Disziplin und Ausbildung gefragt, um eben die Verständigung dem Zufall zu entziehen!
Diese Ausbildung der Sprache ist allerdings als zu elitär in Verrruf geraten!

pipi pipifax
01

falsch: das gab's schon, bevor es ueberhaupt privatfernsehen gab. sie scheinen entweder zu jung zu sein, um das mitbekommen zu haben, oder sehr eindimensionale erklaerungen zu lieben (gemischt mit einer leicht antideutschen note ... nicht gerade das "bildungsniveau", das ich fuer intellektuelle kreise als angemessen betrachte).

utarefson
00
Was heißt "antideutsch"

ist das antischwäbisch, antibayrich, antiostfriesisch, antiplattdeutsch, antiwestfälisch, antipfälzerisch, antikölsch oder antibaliner ....oder steht für Sie dieser Begriff für alles was sprachlich nicht österreichisch ist, wobei noch zu definieren wäre ob Vorarlberg mit dabei ist.

pipi pipifax
00

von sprachlich ist beim "schlechten deutschen fernsehen" nur sehr mittelbar die rede.

uebrigens: das lallen ist den oesterreichischen medien im grossen und ganzen weit mehr eigen als den deutschen - besonders was die printmedien betrifft.

utarefson
00
von mir aus...

...bleibt übrig, dass die Ausbildung in Deutsch im argen liegt.

Intelligenzplebejer
00
30.12.2011, 15:03
Niederdeutsch

"[s-]Pluralbildung geht auf 17./18. Jahrhundert zurück"
Das kann bestenfalls für das Hochdeutsche gelten. Im Niederdeutschen lassen sich solche Pluralbildungen womöglich bis in die altsächsische Zeit zurückverfolgen, vgl. z. B. "helidos" in V. 6 des Hildebrandsliedes. http://de.wikipedia.org/wiki/Hild... brandslied
http://www.jstor.org/pss/20655063

Raptor Jesus
01
31.12.2011, 00:10
Niederdeutsch ist aber eine eigenständige Sprache und dem englischen noch näher als dem deutschen.

Proconsul
01
31.12.2011, 09:31

Eigentlich sind das Englische und das Niederländische sogar niederdeutsche Dialekte...

pipi pipifax
00

etwas arg verkuerzt ... abgesehen von der frage, was eine sprache und was ein dialekt ist. das englische hat auf der insel seit dem 6. jh. eine eigenstaendige entwicklung genommen. sie als niederdeutschen dialekt zu bezeichnen, ist mehr als gewagt.

im niederlaendischen gibt es dialektologisch niedersaechsische und niederfraenkische dialekte ... genauso wie jenseits der grenze. aber auch hier gilt. dialektal sind es immer uebergaenge. auch zwischen niederdeutsche und mitteldeutschen dialekten (besonders in rheinischen faecher kann man das gut beobachten: da laesst sich nicht einmal die genaue grenze zwischen nieder- und mitteldeutsch festlegen).

Raptor Jesus
00
Hab da diese Tabelle hier gefunden.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia... ied%29.png

pipi pipifax
00

wie jede stammbaumdarstellung ist diese grundsaetzlich problematisch ... besonders wo genetisch nahe verwandte sprachen in unmittelbarer nachbarschaft gesprochen werden (in einem sog. sprachkontinuum). verkuerzt kann man sagen: die darstellung im link ist schlicht falsch.

dariJ
00
29.12.2011, 20:03
gähnen

also das ist wohl das geringste problem und ein thema für bereits "fortgeschrittene" - man sollte sich lieber mit studien beschäftigen, die aufzeigen, welche schwierigkeiten sogenannte muttersprachler hierzulande mit elementarer rechtschr.&grammatik haben...

BK W. Shoyssel
00
29.12.2011, 18:53
ja, und?

hatte jemand etwas anderes gedacht?

pipi pipifax
00

ja. sehr viele sogar.

Maria Lankowitz
00
29.12.2011, 17:49
#2

Dass der Wunsch nach korrekter Pluralbildung bisweilen ins Lächerliche kippen kann, beweist das Beispiel der Pizza: Die bunt belegten Teigfladen werden im Italienischen in der Mehrzahl "pizze" genannt, was in den Ohren der meisten Deutschen jedoch ungewohnt klingt. Daher sollte man Abstand nehmen von der Idee, Verkäuferinnen in einem Supermarkt mit dem Wort "Tiefkühlpizze" zu konfrontieren. Hier hat die deutsche Sprache die Mehrzahl nach ihren eigenen Regeln gebildet: Man kann Pizzas sagen oder Pizzen, beides ist richtig.

Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/zw... 06,00.html

Maria Lankowitz
00
29.12.2011, 17:48
#1

Von fast noch größerer Bedeutung als die möglichst authentische Aussprache ist für den Hobby-Italiener die korrekte Bildung der Mehrzahl. Grundsätzlich gilt: Italienische Wörter auf -o erhalten im Plural die Endung -i. Aus einem Cappuccino werden also zwei Cappuccini, aus einem Espresso zwei Espressi. Es ist im Deutschen aber ebenso erlaubt, "Cappuccinos" und "Espressos" zu sagen.

Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/zw... 06,00.html

Marten E. Vanderveen
 
00
29.12.2011, 18:45

Fremde Grammatik wird nicht importiert (aus verständlichen Gründen), also ist es egal, wie die Italiener den Plural bilden. Man schreibt ja auch Partys und nicht Parties.

Proconsul
00
31.12.2011, 09:33

Das heisst, sie sagen Bonüsse statt Boni????

(für Bonus)

Maria Lankowitz
00
30.12.2011, 11:52

und:
handys
babys
...

äh, aber was ist dann mit hobby? das sind doch dann immer hobbies...?

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