Österreichs Skiweltmeister zu Wasser

  • Kevin Reiterer am Weg...
    foto: kev-racing.com

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  • Einblick in Reiterers Alltag.

  • Und wenn es schlecht läuft.

     

Ob Schotterteich oder Meer: der Nieder­österreicher Kevin Reiterer ist ein Speedfreak und am Jetski kaum zu schlagen

Wien - Mit dem Jetski ist es auch nicht anders als mit dem Uhu, dem Tixo, den Rollerblades oder dem am liebsten gespritzt getrunkenen Obi: ein Markenname ging in den täglichen Sprachgebrauch über. In diesem Fall wurde die Marke von der japanischen Firma Kawasaki eingetragen, der offizielle Begriff für jene Wasserfahrzeuge lautet Jetboot. Ob nun Ski oder Boot, der 19-jährige Niederösterreicher Kevin Reiterer beherrscht das Gefährt wie kaum ein anderer. Und zwar weltweit.

2011 durfte Reiterer seiner umfassenden Erfolgshistorie einen Weltmeistertitel hinzufügen. Bei den in den USA stattfindenden World Finals der IJSBA (International Jet Sports Boating Association) gewann der Wiener Neustädter den Titel in der Kategorie "Pro Am Ski Stock". Nicht die Königklasse, aber sehr wohl eine Bestätigung der bereits in den Vorjahren errungenen Siege in den PS-Klassen Limited, GP und Superstock. "Wer im Superstock gewinnt, ist der Beste der Welt, ganz einfach", sagt Reiterer, wohlwissend dass er 2009 mit 17 Jahren der zweitjüngste Weltmeister dieser Kategorie war.

Der Sport erfordert viel Routine, Reiterer besitzt sie trotz seines jugendlichen Alters. Großvater Reiterer war im Schotter-Business zuhause, den dazugehörigen Teich nutzte der Enkel schon in frühen Jahren zum Training. Nicht nur weil der Lärm an den Nerven der Anrainer sägt, weicht Reiterer oft nach Thailand oder Dubai aus. "Das Training in den Wellen ist nicht zu ersetzen", erzählt Reiterer, der den Saisonauftakt in Dubai diesmal auslassen muss, da er sich beim Snowboarden am Knie verletzte.

Die Wellen als Kriterium

Dort in den Wellen trennt sich die Spreu vom Weizen. Auf flachem Wasser kann selbst der kaum geübte Fahrer Vollgas geben, ein flottes Jetboot ist bereits die halbe Miete für ein gutes Rennen. Aber baut sich bei Geschwindigkeiten von über 100 km/h eine Wasserwand vor dem Piloten auf, benötigt er vor allem viel Gefühl und eine ausgeprägte Ausdauer. "Mein Puls beträgt während des Rennens 180 bis 190 Schläge. Da die Geräte keine Federung haben, werden Knie und Rücken stark belastet", erklärt Reiterer die Schwierigkeiten der siebzehn Minuten dauernden Läufe.

"Tauchst du komplett in die Welle ein, bleibt dir die Luft weg. Den Ski zu halten ist dann auch eine Kraftsache. Leichter wird es, wenn du die Situation früh auf dich zukommen siehst", gibt der Teenager seine Erfahrungen wieder. Antizipierend zu fahren ist natürlich hilfreich, benötigt aber reichlich Sonderschichten in den Wellen. Die Sicht wird durch die Gischt stark beeinträchtigt, das Meer ist kaum auszurechnen. Unter dem Strich steht ein risikoreicher Sport, der für Angsthasen ungeeignet ist. Kontakt ist erlaubt, ein absichtliches Abschießen der Gegner strikt untersagt. Das Gesundheitsrisiko bei den Profis hält sich in Grenzen, alle fahren diszipliniert, halten sich an die Regeln und bringen die nötige Erfahrung mit.

Bei den Amateuren sieht die Sache anders aus. "Amateur auf starkem Ski, eine schlechte Kombination", erinnert sich Reiterer an einen Todesfall zurück. Vor allem wenn sich wohlhabende Rookies ein PS-starkes Jetboot mit Sitz zulegen, wird es gefährlich. Reiterer fährt nur die Steher-Bewerbe, gelten sie doch als ungleich größere Herausforderung. "Von 0 auf 100 in zwei Sekunden. Auf einem Sitzer machbar, auf einem Steher liegst du ungeübt sofort im Wasser. Da reißt es dir die Maschine weg", rät der Österreicher von Experimenten ab.

Etwas Kleingeld vonnöten

Profis, Amateure, Steher und Sitzer vereint hingegen der Bedarf an mitzubringendem Kleingeld: Rund 7.000 Euro kostet ein Gerät. Kommen noch ein Transporter, ein Anhänger, die Ausrüstung und jede Menge Sprit hinzu. Macht laut Reiterer einen Jahresbedarf von 50.000 Euro. Fährt man nicht für ein Werksteam, muss man sich auch noch um Mechanik und Pressearbeit kümmern. Reiterer kommt derzeit ohne Einzahlen über die Runden, hilfreichen Freunden und Familie sei ebenso Dank wie seinem Sponsor Sony-Ericsson und den eingefahrenen Preisgeldern. Dennoch ist ein Wechsel zu einem Werksteam vorstellbar: "Man muss an vieles denken. Hab ich das nicht vergessen, hab ich dies nicht vergessen? Das lenkt vom Sport ab."

Die Situation wurde für Reiterer im vergangenen Jahr nicht einfacher, mit dem Tod seines Vaters musste er einen harten Schicksalsschlag hinnehmen. "Er hat mich von Anfang an unterstützt, war bei allen Rennen dabei, ohne Druck zu machen", betont Reiterer. Die beiden hätten ein tolles Team gebildet, der familiäre Zusammenhalt sei eine große Motivation gewesen. Zunächst sei es nicht einfach gewesen, sich wieder auf die Wettbewerbe zu konzentrieren, allmählich fand Reiterer aber wieder zu seiner Euphorie zurück, die Faszination für den Sport ist nicht erloschen: "Der Speed, die Atmosphäre, die Überholmanöver, es ist atemberaubend."

Mehr Medienpräsenz war schon Vater Reiterer ein Anliegen, Sohn Kevin geht es nicht anders. Es ist ein ewiges Ringen um Anerkennung. Der Sport findet seinen Weg hierzulande nur in die Medien, wenn ein Unfall passiert. Am 18. Juli war es leider wieder so weit, ein Jetski raste bei einem Bewerb in Weitenegg (Bezirk Melk) ins Publikum, verletzte neun Zuseher. "Ein deutscher Privatsender wollte nur über mich berichten, wenn ich ihnen auch Bilder von diesem Unfall beschafft hätte", kritisiert Reiterer die Vorgangsweise der Medien. Bei den Weltmeisterschaften in den USA und beim alljährlich stattfindenden King's Cup in Thailand stände er aber ohnehin im Rampenlicht. Denn beschweren will er sich nicht, dafür hat der Junge schon zu viel erlebt: "Es ist wie es ist, und so nehme ich es auch hin." (derStandard.at; 2. Jänner 2012)

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