Die Koalition im falschen Film

Kommentar | Michael Völker, 27. Dezember 2011, 19:06

Falsche Besetzung, schlechtes Drehbuch: Das Budget wird kein Kassenschlager

Das wird was werden: Bundeskanzler Werner Faymann hat sich, seiner Partei und dem verfreundeten Koalitionspartner am Dienstag nach Weihnachten Disziplin verordnet. Es sollen nicht alle wie im Hühnerstall ständig herumgackern: Steuern rauf, Steuern runter, mehr Einsparungen, weniger Einsparungen.

Wer soll sich daran halten? Ganz sicher nicht die Koalitionsparteien.

Dort ist es doch längst ein breitenwirksamer Sport geworden, sich anhand der geplanten Budgetkonsolidierung mit aller Gewalt zu positionieren. Von den Landeshauptleuten hinab bis zu den lokalen Parteifunktionären arbeiten sich derzeit ohnedies alle am Thema Einnahmen und Ausgaben ab. Die Parteichefs sowieso - als ob schon Wahlkampf wäre.

Die SPÖ steht für neue Steuern, also fürs Einnehmen: Das nennt sich in der Kanzlersprache soziale Gerechtigkeit. Die ÖVP steht fürs Sparen, das lässt sich irgendwie in einen Leistungsbegriff übersetzen.

Im Prinzip haben das mittlerweile eh schon alle verstanden, für die ganz Begriffsstutzigen haben es Wiens Bürgermeister Michael Häupl für die SPÖ und Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll für die ÖVP (und beide natürlich auch für sich selbst) am Christtag noch einmal aufbereitet. Häupl will, dass zwei Drittel des Gesamtvolumens über neue Steuern aufgebracht werden, Pröll ist anderer Meinung: Man solle jetzt ambitioniert sparen und frühestens in zwei Monaten über Steuern reden.

Noch etwas: Werner Faymann spricht konsequent vom "Konsolidierungsbedarf", Vizekanzler Michael Spindelegger dagegen bemüht noch den "Sparbedarf".

Insgesamt geht es um zehn Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren. Das ist ein ambitioniertes Ziel. Und ein Volumen, das sich mit Sicherheit nicht nur mit neuen Einnahmen oder nur mit einem harten Sparkurs erreichen lässt, ohne dass das wirtschaftliche oder das soziale Gefüge des Landes komplett aus dem Lot gerät.

Also werden am Ende des langen Weges auf beiden Seiten jeweils Schuldzuweisungen stehen. Wir wollten ja eh, aber die SPÖ / die ÖVP hat uns nicht lassen. Bis dahin wird knallharte Klientelpolitik betrieben oder zumindest vorgetäuscht. Die SPÖ setzt auf Eat the rich. Das ist der Titel eines gesellschaftskritischen Films aus dem Jahr 1987, in dem die Reichen tatsächlich verspeist werden, das Motto war auch für einige Opernballdemos gut. Die Reichen sollen also bluten - beim Verdienst, beim Vermögen, bei den Immobilien. Noch tut die SPÖ so, als ob die breite Mittelschicht und erst recht die sozial weniger Privilegierten nicht vom "Konsolidierungspaket" betroffen sein würden.

Bei der ÖVP wird ein anderer Film gezeigt. High Society, bei uns auch Die oberen Zehntausend genannt. Die ÖVP geriert sich als die Schutzpatronin jener oberen Zehntausend, deren Vermögen sie verteidigen will. Leistung muss sich lohnen. Gespart werden soll bei den Verschwendern und Schmarotzern, in der Verwaltung und bei den Eisenbahnern, den privilegierten unteren Zehntausend.

Da läuft in beiden Parteien der falsche Film ab. Und spätestens im März, wenn das Paket beschlossen werden soll, wird auch die jeweilige Klientel zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie in diesem Ausmaß nicht bedient und nicht bedacht und nicht beschützt werden kann, wie ihre vorgeblichen Schutzherren das jetzt verkünden. Vor dem Happy End reißt der Film. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2011)

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13 Postings
dermartino
02
28.12.2011, 11:39

Wie mich diese Regierung - allen voran der Werner und seine Laura im Hintergrund - anwidern... unfassbar.

Benjamin Klein
01
28.12.2011, 11:17
Die ÖVP steht fürs Sparen, ... irgendwie in einen Leistungsbegriff ???

Die ÖVP steht fürs Sparen, das lässt sich irgendwie in einen Leistungsbegriff übersetzen.

Sparen heißt eigentlich, etwas das man hat - für später - zurücklegen,
Sparen heißt etwas "ansammeln", etwas "aufheben" ...

Was die ÖVP will ist doch eher wenigern AUSGEBEN ...
Wo?
Bei den "weniger Begüterten" ... aber nicht bei uns .. also nicht bei den Groß-Bauern (a la Schwarzenberg, Liechtenstein und Montecucculi etc.)
- nicht bei den ergnügungen der Reichen und Schönen ...

Und vonwegen Leistungsbegriff, wenn sich die Leute weniger leisten können verlieren doch auch die "Leistungsträger" ?? wo liegt dann die Leistung ??

Praterianer
03
28.12.2011, 10:50
Ein Trauerspiel von Disziplinlosigkeit namens SPÖ!

Faymann und Disziplin? Er lässt uns über ORF, Krone, Fellner und wie seine Inseratenempfänger alle heißen, täglich ausrichten was er von Disziplin versteht.

Spare in der Not, dann hast du im Beutel
02
28.12.2011, 10:46
Völker, höret die Signale...

Kleanthes
01
28.12.2011, 10:39

Gar nichts, werden sie tun.
Darum sollen sie auch den Schuldenstopp ruhig in die Verfassung schreiben: Es wird sich eh niemand dran halten. Seit Haider wissen wir, dass die Verfassung eher Auslegungssache ist.
Also. Was hier gegeben wird, ist das ewige Stück, von dem man hierzulande nie genug bekommen kann: Die große Koalition kündigt an, widerspricht sich und macht den anderen dafür verantwortlich, das nichts geschieht.
Ich wünsche allen und allinnen ein redundantes 2012!

didi111
01
28.12.2011, 09:36
Und hier kann man dann wieder ganz schön studieren, wie der Film abläuft..

Die Koalition wird wie immer "gekonnt inkompetent" herumwurstlen.

Gleichzeitig tickt die Uhr auf den Finanzmärkten (3 Monatsfrist).

Solange nun diese Freunde in der Koaltion NICHTS weiterbringen und streiten wie Kesselflicker, je fröhlicher binden sich die Freunde an der Börse die Servietten um und decken sich mit Puts auf den ATX ein.

Sollte nun in Folge der gelebten Inkompetenz Österreich downgeratet werden, wird es echt heftig werden am Aktienmarkt.

WARUM nun soll man hier nicht von der Inkompetenz der Politiker profitieren?

Somit bestätigt sich eindrucksvoll, wie man hier von Fehlleistungen schön profitieren kann.

Und dann haben wieder die pösen Spekulanten die Schuld (und eigenes Unvermögen wird dabei gnädig ausgebl

andalus
00
28.12.2011, 09:26

ich bin für eine Zutrittsbeschränkung ins Bundeskanzleramt.

Wobei ich bei Zutrittsbeschränkung nicht auf eine *hüstel*-Beschränkung wert legen wollte.

soamist
01
28.12.2011, 09:13
feiner komentar

Freedom to the people
02
28.12.2011, 00:17
Völker, hört die Signale.....

ino
12
27.12.2011, 22:55
zur erinnerung

die höheren schulden sind nicht zustande gekommen, weil der staat seine leistungen unverantwortlich ausgeweitet hätte. gegenüber 2007 haben wir jetzt um 15% des BIP mehr schulden, weil
- EINNAHMEN weit hinter plan zurückblieb
- banken gerettet werden mussten

und die övp will jetzt ausgaben kürzen und zwar jene leistungen die überwiegend den schwächsten in unserer gesellschaft zugutekommen. den behinderten, den arbeitslosen, den alleinerzieherinnen. das kann man als klassische klientelpolitik abtub, aber während einer krise auch noch bei den ärmsten einzusparen ist asozial, niederträchtig und dumm.

die spö-vorschläge sind unausgegoren und wenig originell.

jeder kann für sich entscheiden, was ärger ist.

pluralis modestatis
01
28.12.2011, 13:08
60 % des Bruttoeinkommens

Nun, wenn man bedenkt, dass 60 % des BrEinkommens versteuert, verabgabt und vergebührt wird, dann würde ich lieber etwas für meine Kinder beiseitelegen als für Menschen, die ich bestenfalls nicht kenne und schlechtestenfalls nicht mag (=Ende der Solidarität)

Alpensaga_Wurzel
02
28.12.2011, 10:22
Mit Verlaub,

ich mag die ÖVP auch nicht, aber bisher hat sich doch sinnvolle Sparmaßnahmen gefordert, bei der ÖVP, den Pensionen, u.dgl.

eh-wahr
00
28.12.2011, 12:48
Das wär doch schon einmal ein Anfang

... wenn die ÖVP bei der ÖVP (Pareienförderung?) sparen wollte. So fürchte ich aber, dass es sich nur um einen Verschreiber handelt und eigentlich ÖBB gemeint ist.

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