Spitälerchef

"Das Spital kann nicht alles leisten"

Interview | 27. Dezember 2011, 18:56
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    foto: standard/hendrich

    Ein bisschen mehr Kundenorientierung könnte man sich von der GKK schon erwarten.

Wilhelm Marhold, Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), will von der Kasse bezahlte Ärzte in Ambulanzen arbeiten lassen, um die Spitäler zu entlasten - Ärzte und Pfleger schneiden bei Patientenbefragungen gut ab - im Gegensatz zum Essen, sagte Marhold

STANDARD: Was sind denn die häufigsten Beschwerden, die Sie über KAV-Spitäler hören?

Marhold: Wir haben im Jahr 7000 lobende Erwähnungen und 5000 Beschwerden - bei 400.000 stationären Aufnahmen und 3,5 Millionen ambulanten Betreuungen. Die medizinische Betreuung und die Pflege werden immer sehr gut bewertet, das Essen immer schlecht. Wir haben schon auch Beschwerden aus dem Ambulanzsystembereich - aber da sind wir Opfer eines Systems. Wo sollen die Menschen hingehen in der Nacht und an den Wochenenden?

STANDARD: Alle im Gesundheitssystem betonen immer, wie gut zusammengearbeitet werde. Wie kann es dennoch sein, dass an den Spitälern so viel hängenbleibt?

Marhold: Wir arbeiten gut zusammen, zum Beispiel bei der Dialyse-GesmbH. Das wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen: Die Wiener Gebietskrankenkasse gründet mit dem KAV eine Gesellschaft, die Barmherzigen Brüder halten daran zwei Prozent und stellen den Geschäftsführer. Errichtet haben wir das Dialysezentrum auf einem Grundstück der Stadt Wien neben dem Donauspital. Es wäre gut, wenn wir auch dort kooperieren, wo die Menschen einfach ins Spital kommen, weil es zu der Zeit keine andere Versorgung gibt, weil die Ordinationen zu sind. Ein bisschen mehr Kundenorientierung könnte man sich auch da - wie bei der Dialyse-GmbH - von der Gebietskrankenkasse schon erwarten.

STANDARD: Muss man auch die Ärzte mehr in die Pflicht nehmen, damit sie ihre Ordinationen auch zu Randzeiten aufmachen?

Marhold: Ja, und ihnen auch den Aufwand abgelten. Aber ich habe einen anderen Vorschlag: Man muss sich überlegen, Erstversorgungszentren - ähnlich wie bei der Dialyse - gemeinsam zu betreiben, anstatt die Kosten hin und her zu schieben.

STANDARD: Heißt das, Sie möchten in der Nähe von Spitälern Erstversorgungszentren errichten?

Marhold: Wir bauen derzeit ohnehin aus. Ich will nur haben, dass die Finanzierung dieser Leistungen, von denen ja 50 bis 60 Prozent in jeder Ordination gemacht werden können, gemeinsam erfolgt. Es wäre nur recht und billig, zu sagen, das Spital stellt die Infrastruktur und klärt mit Ärztekammer und GKK, wer etwas dazu beiträgt - sei es Finanzierung, sei es ein Pool von niedergelassenen Ärzten.

STANDARD: Das heißt, niedergelassene Ärzte sollen Dienste in Ambulanzen übernehmen, die dann von der Kasse bezahlt werden?

Marhold: Auch. So sollten wir von der Überbelastung in den Ambulanzen wegkommen, denn die Menschen müssen schon sehr lange warten. Unser Personal ist da sehr belastet, obwohl wir laufend aufstocken. aber irgendwann ist Schluss, das Spital kann nicht dauernd alles leisten und finanzieren. Der Patient ist nie schuld - der hat ein Problem und sucht Hilfe. Ein bisschen spielt auch die Migration eine Rolle, viele Zuwanderer kennen das System der niedergelassenen Ärzte gar nicht. In ihrer Heimat ist das oft nur für ganz reiche Leute möglich.

STANDARD: Es bräuchte also auch mehr Aufklärung.

Marhold: Ich denke, dass es gut ist, wenn man den Menschen sagt, dass sie die Leistungen im niedergelassenen Bereich in Anspruch nehmen sollen. Ich halte aber nichts davon, die Menschen zwangszubeglücken.

STANDARD: Wo wollen Sie solche Erstversorgungszentren ansiedeln?

Marhold: Im Krankenhaus Hietzing, in der Krankenanstalt Rudolfstiftung, im Wilhelminenspital, im Donauspital und im AKH. Im Krankenhaus Nord wird es eine große Erstversorgung mit 30 Betten geben, wo die Patienten bis zu 24 Stunden aufgenommen werden. Das Spital der Zukunft wird eine große Erstversorgung haben: rasche Diagnostik, rasche Therapie, rasch wieder nach Hause. Ich unterstelle, dass nicht nur junge Menschen schnell aus dem Spital rauswollen, auch ältere Menschen wollen wieder in ihre gewohnte Umgebung.

STANDARD: Die rasche Entlassung hat ja auch ökonomische Gründe, weil die Spitäler seit Einführung des LKF-Systems nicht mehr nach Liegedauer der Patienten, sondern nach der Diagnose entlohnt werden. Vor allem die Ärzte beklagen, dadurch entstünde oft ein regelrechter Drehtüreffekt.

Marhold: Wir haben jetzt schon 30 Entlassungsmanager und wollen diese Zahl auf 71 ausbauen. Wir tun viel, um den Patienten den Übergang in ihr soziales Umfeld zu erleichtern. Aber weniger invasive Eingriffe und dadurch schnellere Entlassungen sind der Trend der Medizin, und diesen Fortschritt muss man auch ökonomisch abholen. Sonst wäre es in Wien gar nicht möglich, Akutbetten zu reduzieren und Pflegebetten aufzubauen.

STANDARD: Heuer gab es zwei große Protestaktionen von medizinischem Personal, einmal von der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, einmal von den Ärzten im AKH. Ist da etwas im Umbruch?
Marhold: Wenn die Wirtschaftssituation enger wird, dann wer-den Verteilungskämpfe deutlicher sichtbar. Dass sich die Gewerkschaft zu Wort gemeldet hat, ist ihr gutes Recht, und jetzt sind wir dabei, uns die Hotspots genauer anzuschauen.

STANDARD: Fanden Sie auch den Aufschrei der AKH-Ärzte gerechtfertigt?


Marhold: Ich hab's verstanden. Es kann ja wohl nicht sein, dass ein Partner - nämlich der Wissenschaftsminister - seiner Zahlungsverpflichtung nicht nachkommt.

STANDARD: Ist es nicht trotzdem legitim, zu sagen, auch im AKH solle nachgeschaut werden, wo man einsparen kann?

Marhold: Effizienzsteigerung steht jedem gut an. Vielleicht beschleunigt diese öffentlich gewordene Debatte auch, dass man sich mehr mit den Betriebsabläufen im AKH zwischen Med-Uni und Stadt Wien auseinandersetzt. Es kann ja nicht sein, dass der ärztliche Direktor dieses riesigen Spitals nicht einmal die Dienstlisten der Ärzte hat, um nur ein ganz plakatives Beispiel zu nennen. Da gibt es jede Menge Abstimmungsbedarf. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2011)

WILHELM MARHOLD (58), Gynäkologe, war ärztlicher Direktor der Krankenanstalt Rudolfsstiftung, bevor er 2005 Generaldirektor der städtischen Wiener Spitäler wurde.

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20 Postings
n. urser
00
15.1.2012, 18:32
Hotspots genauer anzuschauen

da bin ich ja gespannt. 6 gangbetten, die stationsschwester lehnt infusion abhängen ab (nicht zuständig), die oberschwester scherzt mit dem abteilungsleiter während du um halb vier noch nicht zum essen gekommen bist; wascher werden bald die helfer während die diplomierte das essen wärmen darf weil keine helferin da ist. ja ja die hotspots der ignoranten wie marhold und co.

Moondancer
00
15.1.2012, 08:30
Das Problem mit der Entlassungsgeschwindigkeit...

...viele, gerade alte Menschen wollen deshalb nicht nach Hause, weil: a) Im Krankenhaus die Kosten für Pflege von Papa Staat getragen und organisiert werden b) die Pflege zu Hause ein echtes Qualitätsdefizit aufweist, der Mangel an medizinischer Fachpflege führt teilweise erst zu so schwachsinnigen Ambulanzbesuchen c) Durch den Ausbau fachkompetenter medizinischer Fachpflege für den häuslichen Bereich wäre ein Teil dieser Problem lösbar...aber *g*...des über die großen verstaubten Dinosaurieranbieter??? Kaum...nicht im Gesundheitskartell.

HerbertVonKarajan
10
28.12.2011, 23:52
Notfall? - zum Lachen!

Im AKH habe ich letzte Woche erleben dürfen, was für "Notfälle" daherkommen, während ich einen echten, weil lebensbedrohlichen Notfall meiner Frau begleitet habe: künstlich aufgeregte Personen, die mit Blutdruck 90/130 kommen (zu Hause gemessen), die mit einem Wimmerl kommen, das seit 2 Wochen besteht oder es so praktisch finden schnell ein Rezept verlängert zu bekommen. Zum Glück sind alle Pseudos weggeschickt worden mit dem Hinweis einen niedergelassenen Arzt aufzusuchen - Bravo Ärzte! Zu viele haben sich dran gewöhnt das System zu missbrauchen. Ein Rezept verlängert haben zu wollen ist sicher kein Notfall. Wenn die Notfallärzte dafür ihre Zeit verschwendet hätten, wäre meine Frau nicht mehr am Leben.

HerbertVonKarajan
00
28.12.2011, 23:47
Notfall? - zum Lchdn

Altus
00
28.12.2011, 14:25
Definition - was ist ein Notfall?

- ist es ein Notfall, wenn es mir subjektiv schlecht geht?
- ist es nur ein Notfall, wenn ein mehr oder weniger als Notfall zu objektivieren ist?
- kann man es vielleicht erst nach einer Untersuchung wirklich sagen, ob es sich um einen Notfall handelt?
- warum haben viele Ambulanzen (in OÖ GESPAG & geistliche Häuser..) dauern medial massiv Werbung gemacht wie super die Ambulanzen sind, aber soll dann dort keiner hingehen?
- oder ist der Weg der Medizin der eigentliche Notfall?

Walter Fenz
00
28.12.2011, 17:30
Spitalsambulanzen machen deshalb

Werbung, weil über die Ambulanzen (Angstmache !) Pat. sehr gut in leere Spitalsbetten gelotst werden können. Einfach so, zum Durchchecken (wird natürlich anders verkauft !).

NUR das ist interessant ! Gerade in den Geistlichen Spitälern, am besten mit Zusatzversicherung.

Es gibt durchaus "Vorschläge" in vielen Spitälern seitens der Verwaltung und der Primarii an die diensttuenden Ärzte in den Ambulanzen, diese ökonomische Komponente nicht ganz zu vergessen.

normalistdasdicht
01
28.12.2011, 16:31
notfall ?

die entscheidung, ob es sich (subjektiv) um einen notfall handelt fällt interessanterweise häufig an einem samstagabend, nachdem der notfall in derselben form bereits seit 14 tagen bestanden hat.

reservenick23874
00
28.12.2011, 13:53

"Ich halte aber nichts davon, die Menschen zwangszubeglücken."

Genau das würde aber dieses problem lösen. Schauts euch das bitte in den skandinavischen ländern an, die haben überall gesundheitszentren verteilt und erste anlaufstelle ist dort und nicht im spital....die freiheit die wir glauben haben zu müssen ist der größte fehler in diesem system. Mir ist klar, dass es im jahre 2011 schon den mündigen patienten gibt der sich selbst im internet informiert, das is auch gut so aber deshalb darf man die leute ruhig etwas lenken, damit effizienteres arbeiten möglich wird.

will_nix
00
28.12.2011, 09:15
26.12. Ambulanz in einem Wiener Krankenhaus

Wie lange warte ich bei Ihnen? 2 Stunden - dann bleib ich da, weil im Krankenhaus xx wartet man 4 Stunden. Wenn es bei ihnen auch so lang gedauert hätte, wäre ich morgen zum praktischen Arzt gegangen.

XYZ123
01
27.12.2011, 23:37
Manche Leute gehen prinzipiell in die Ambulanz

und das am liebsten am Samtag nachmittag.

Ich wäre dafür dass diese einen einsatz leisten müssen den sie erst bei ihrem hausarzt zurückbekommen.

Diskussion
00
27.12.2011, 21:20

Notfälle treten auch außerhalb der viel zu kurzen Ordinationsöffnungszeiten auf. Sinnvoll wäre es, wenn niedergelassene Ärzte im Team zeitlich versetzt arbeiten würden- das kenne ich in ähnlicher Form aus Deutschland. Dort gehen wirklich nur Notfälle ins Spital.
In Wien gibt es am Wochenende eine einzige Notfallordination, und deren Existenz ist so gut wie unbekannt. Also gehen die Leute ins Spital.

Walter Fenz
00
28.12.2011, 14:11
Leider stimmt die Info über D überhaupt nicht.

In D gibt es kaum Notfallpraxen, die weit in die Nacht hinein offenhalten, angelegentlich in Großstädten.

Auch in D gehen die "Notfälle" genauso wie in Ö ins Spital, die Spitalsambulanzen sind meist mit Ärztlichen Anfängern qualitativ schlecht besetzt und entsprechend treffen mehr oder weniger dramatische Banalitäten auf ebensolche Ärzte.

In der Tat ist aber die Organisation der Primärmedizin in Ö, D und der Schweiz hinterwäldlerisch, was Notfälle angeht- und sündteuer: Viel zu oft fahren Notarzt und Rettung aus, weil man schlichtweg nicht wie in anderen Ländern Versorgungszentren mit MEHREREN Ärzten hat, die für die Around-the-clock-Versorgung genauso wie für die Ausbildung deutlich besser taugen als die anachronistische Einzelpraxen.

kritischer
00
28.12.2011, 10:32
Haha

90%der ambulanten sind keine notfälle

Nichtschweiger
 
22
27.12.2011, 19:02
Man hätte die Ambulanzgebühr nie abschaffen dürfen...

...und auch von jedem, unabhängig ob sozial schwach oder nicht, bezahlt werden müssen. Nur echte Notfälle sollten eine gerechtfertigte Begründung sein eine Ambulanz aufzusuchen und ohne Gebühr eine Behandlung zu bekommen.

Victor Klemperer
10
27.12.2011, 22:44
Bitte nicht schon wieder...

das hatten wir doch schon. Von einem Euro Krankenversicherungsbeiträge, bekommen die öffentlichen Spitäler 35 Cent. Ich finanziere daher die Spitäler mit 35 Prozent meines Krankenkassenbeitrages. Warum sollte ich die Spitäler nochmals mit "Zusatzbeiträgen" finanzieren, wenn ich eine Ambulanz aufsuche? Aus Lust und Tollerei geht doch niemand in ein Spital, auch nicht zum Arzt mit Ordination.

Nichtschweiger
 
01
28.12.2011, 08:40
Das soll auch kein Zusatzbeitrag sein ....

...sondern die Leute von den Spitals-Ambulanzen fernhalten wenn es nicht z.B. um eine akute Verletzung o.ä. handelt! Sie sollen ja nicht in die Ambulanz sondern zum praktischem Arzt! Verstanden?

Woodpecker
00
27.12.2011, 21:47
Henne oder Ei - Notfall für wen?

Wie das nun mal bei subjektiv empfundenen Notfällen so ist, werden sie vom Einzelnen als solcher empfunden aber von einer Organisation/Bürokratie z.B. in der Leitzentrale noch nicht.
Nun hat der Einzelne im Schock etwa schon nicht die Kompetenz, endgültig einen Notfall zu- oder abzusprechen (sofern er das überhaupt noch kann) ... genausowenig auch die Leute in der Leitzentrale der Rettung/Feuerwehr oder auch die Schreibkraft in der Ambulanz-Aufnahmekoje.
Da muß also - und schnell, falls es wirklich ein Notfall ist - einer her, der den Patienten zumindest grob untersuchen kann und dann meinetwegen die Triage vornimmt.
Wenn der nun sagt, es ist ein Pflaster- und Aspirinfall, war es trotzdem zumindest ein psychischer Notfall.
Alles klar?

Takeshi Kovacs
01
28.12.2011, 06:40
und der drei tage bestehende muskelkater

um zehn uhr nachts in einer unfallambulanz ist erst recht ein psychischer notfall

seppl absmui
00
10.1.2012, 01:55

nee, nee - die psychische komponente in derlei fällen ist meist eine chronisch-rezidivierende
=)

Woodpecker
00
29.12.2011, 00:17
Ein Patient mit einem 3 Tage anhaltenden "Muskelkater"

... hat sonstwas, womöglich ziemlich Ernstes, durchaus nicht Psychisches.
Für mögliche Diagnosen steht Dr. House zur Verfügung :)

Der Not/Turnusarzt, der Krankenträger und Ambulanzfahrer freilich, um 22 Uhr, 3 Tage hintereinander womöglich noch als Freiwilliger nach der regulären Arbeit, ausgenutzt und ausgepowert/ausgebrannt, kann ein solcher (psychischer Notfall) werden.

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