Der Weg zur Gesundheit als Spießrutenlauf

27. Dezember 2011, 18:52

Das heimische Gesundheitswesen bietet dank zersplitterter Kompetenzen und komplizierter Finanzstrukturen einiges an Frustpotenzial - DER STANDARD hat Erlebnisse von Patienten gesammelt, die zeigen, woran es krankt

Es klingt ziemlich abstrakt, wenn Gesundheitsökonomen, Politiker und Standesvertreter über die verschiedenen Schnittstellen im Gesundheitssystem diskutieren. Gar nicht abstrakt ist diese Problematik, wenn man plötzlich eine Rechnung bekommt, weil niemand für eine bestimmte Leistung zuständig sein will. Einer 85-jährigen Frau passierte genau das im Frühjahr: 105 Euro sollte sie für einen Einsatz des Samariterbundes zahlen.

Die allein lebende Wienerin trug ein Heimnotruf-Armband und brauchte ab und zu Hilfe dabei, wieder auf die Beine zu kommen. Irgendwann verweigerte die Wiener Gebietskrankenkasse die Übernahme der Kosten und gab der Frau einen seltsamen anmutenden Rat: Sie solle sich doch ins Krankenhaus transportieren lassen, dann könne die Kasse den Einsatz bezahlen. Auf das stundenlange Herumsitzen in der Ambulanz hatte die ältere Dame freilich keine Lust, abgesehen davon sei das ja wohl "total unwirtschaftlich", konstatierte sie.

Finanzierungs-Wirrwarr

Der Fall ist exemplarisch für das stark fragmentierte Gesundheitssystem, in dem nicht nur Geld, sondern auch Patienten hin und her geschoben werden. Man kann die Diskussion drehen und wenden, wie man will, am Ende landet man immer bei einem grundlegenden und scheinbar nicht aufzulösenden Finanzierungsproblem: Die Sozialversicherungen sind für die Administration und Bezahlung der niedergelassenen Ärzte zuständig, die Länder für die Spitäler. Vereinfacht gesprochen, denn betrachtet man das Gesamtsystem, ergibt sich ein undurchschaubares Wirrwarr aus Finanzierungs- und Entscheidungsströmen (siehe Grafik).

So lange das System nicht grundlegend reformiert werde, könne "integrierte Versorgung nicht funktionieren", sagt Patientenanwalt Gerald Bachinger: "Jeder hat ein selbstverständliches, legitimes Interesse daran, dass sein Bereich möglichst wenig belastet und möglichst viel zum anderen hinübergeschaufelt wird." Das ergibt in Österreich ein sehr spitalslastiges System, was nicht nur nervenaufreibend ist für jene, die stundenlang in den Ambulanzen warten müssen: Viele Behandlungen, die in Spitälern erfolgen, könnte ein niedergelassener Arzt ebenso gut ohne das "Hinterland" eines ganzen Krankenhauses erledigen. In erster Linie scheitert dies an den Öffnungszeiten der Ordinationen.

Bachinger plädiert daher unter anderem für einen "Tabubruch": Ärzte sollen nicht mehr als Einzelunternehmer tätig sein, sondern sich in ambulanten Versorgungszentren (AVZs) zusammenschließen, um die Spitäler zu entlasten. Widerstand ist programmiert; als 2007 die damalige Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky AVZs vorschlug, gingen die Wiener Ärztevertreter sogar auf die Straße.

Die Ärztekammer (ÄK) hat einen anderen Vorschlag, wie man den niedergelassenen Bereich besser einbinden könnte: Der Hausarzt soll gestärkt und als eine Art Führer durchs Gesundheitssystem etabliert werden. Er soll den Patienten beraten, wo dieser welche Leistung in Anspruch nehmen solle, was nicht nur ganzheitliche ärztliche Betreuung, sondern auch ökonomische Effekte bringen soll. Laut einer Berechnung der ÄK fallen in der Ambulanz pro Patientenkontakt Kosten von 84 Euro an, in der Ordination sind es 25 Euro. Die frei gewordenen Mittel könne man zur besseren Honorierung gewisser Leistungen verwenden. Ein von Ärzten vielbeklagter Umstand ist etwa, dass die Kassen nur 11,88 Euro für ein "ausführliches diagnostisch-therapeutisches Gespräch" zahlen, und zwar gedeckelt für maximal 18 Prozent der Patienten pro Quartal. Mehr reden, weniger Medikamente verschreiben - auch so könne man Geld sparen, meinen die Ärzte.

Viele Schubladen

Viele Probleme entstünden, weil das Gesundheitssystem nicht volkswirtschaftlich, sondern betriebswirtschaftlich betrachtet werde, meint Patientenanwalt Bachinger: "Jeder schaut auf seine Schublade, übrig bleibt der Patient." Zumindest für die Benutzer von Heimnotrufknöpfen hat sich mittlerweile eine Lösung gefunden: Der Samariterbund verrechnet bei Knopfdruck künftig nicht mehr 105 Euro, sondern 58,90 Euro. Und in Härtefällen wird die Gebühr überhaupt erlassen. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 114
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suboptimal
 
02
28.12.2011, 13:02
ja, alte Menschen, die gerade noch so mobil sind, dass sie zuhause bleiben können,

müssen die Rettung in so einem Fall schon lange selber zahlen. Dass diese Leistung bei denen EINGESPART wurde, weiß keiner, der nicht selbst betroffen ist. In Wahrheit ist es ja so, dass gebrechliche alte Menschen, die so schwer gestürzt sind, dass sie alleine nicht mehr aufkommen, eine flüchtige medizinische Inspektion durch Sanitäter oder Arzt ZUHAUSE dann schon auch als Leistung der Krankenkasse verdienen würden.

Aber Alte Leute und Pflegefälle dürfen nur noch Krankenkassenbeiträge einzahlen, immer mehr Leistungen für sie werden heimlich schweigend gestrichen.

Dnadoc1
02
28.12.2011, 12:28
Eine Frage der Ehrlichkeit.

Und was macht man, wenn man krank ist und die Ordi abends zugesperrt hat? Setzt sich der Arzt ins Auto und braust los? Wohl kaum.

In Ambulanzzentren hätte man eine kostengünstige Möglichkeit, die Betreuung über 24 Stunden zu organisieren. Da stünde man nicht nach 18:00 vor verschlossenen Türen und wäre nicht gezwungen, auf eigene Kasse ins teure Spital zu fahren.

Und was spricht in Wahrheit gegen die Ambulanzzentren?

1. Der Krankenversicherungskuchen wird unter mehreren Ärzten aufgeteilt.
2. Es gibt eine Kontrolle der ärztlichen Arbeit durch andere Ärzte.
3. Man ist nicht mehr der König im Dorf.
4. Pfusch kann nicht mehr so leicht vertuscht werden.
5. Man hat auch spät- oder Nachtdienste und kann abends nicht immer gepflegt Essen gehen.

hot doc
00
28.12.2011, 16:30
24 stunden-dienste für alle.

auch für molekularbiologen, kommt doch gleich billiger, wenn die teuren geräte rund um die uhr genutzt werden, und dem fortschritt der forschung dients auch.

auch für supermarktkassiererinnen, schließlich will ich ja auch um mitternacht ein wurstsemmerl einkaufen, wenn mein kühlschrank leer ist: ein echter notfall!
und natürlich auch für bekleidungsgeschäfte, weil untertags komm ich so schlecht dazu, mich neu einzukleiden, da kommts gut, akut einen winterpulli vorm nächsten tief zu besorgen! lebenswichtig!

nein, mein freund, die fragmentierung unseres soziallebens, nur weil ein paar den anspruch haben, immer und überall alles zur verfügung zu haben, ist ein gesellschaftlicher wahnsinn, dem ich mich nicht hingebe.

hot doc
00
28.12.2011, 16:24
eine frage der krankheit.

was verstehen sie unter krank? ein fieberhafter infekt? oder kreuzweh? oder die hüftschmerzen, die schon seit 3 monaten da sind, aber heute will man sie endlich abgeklärt haben?
das sind nämlich jene, die uns die notfallsambulanzen verstopfen, zuzüglich der alkoholleichen, die früher bei der polizei ausgenüchtert hätten.
und das sind die leute, die genauso gut am nächsten arbeitstag zu ihren hausarzt gehen können.
also: wozu 24-stunden ordinationen?

Vorstadtmama
 
12
28.12.2011, 13:21
..als Wienerin brauch ich solche Zentren nicht..

Eine Arztpraxis, in der ich einmal den Arzt X und einmal den Arzt Y antreffe, erfüllt meine Zwecke (Arzt meines Vertrauens) nicht. Außerdem kann so ein Zentrum nicht einmal theoretisch technisch so gut ausgestattet sein wie ein Spital..

theWatcher14
11
28.12.2011, 14:07
Mama

In einem Spital werden Sie immer vom selben Arzt behandelt? Wo befindet sich dieses Spital? Im Kongo?

Vorstadtmama
 
00
29.12.2011, 09:18

Wenn ich ins Spital gehe, habe ich das vorher mit den Ärzten meines Vertrauens abgesprochen - oder es handelt sich um einen Unfall (da bin ich für jede Hilfe dankbar).

Philter
00
28.12.2011, 19:11
Ich klopf mir auf die Schenkel.

Wo lesen Sie diese Aussage im Kommentrar, auf den Sie sich beziehen?

badboy1010
04
28.12.2011, 11:53

Wozu brauchen wir ca. 27 staatl. Krankenkassen, ... Fonds hier, Argentur da, ... für was soll das gut sein? Hier kann man bestimmt jede Menge € sparen!!

Warpsignatur
13
28.12.2011, 11:07

da sudert der bachinger wieder einmal über das furchtbar schlechte gesundheitssystem in österreich. soll sich mal umhören, wie toll das in anderen europäischen ländern so läuft, zb. in deutschland oder italien, etc. aber das wäre wohl zuviel verlangt. wichtig ist, dass er die ideen von der kdolsky weiter propagiert. ist ja auch logisch, da wäre viel geld zu machen für sog. "privatinvestoren" mit sog "azvs". wenn bachinger ein lobbyist für private gesundheitsversorgung ist, dann soll er sich gefälligst auch als solcher deklarieren. dann kann er aber nicht gleichzeitig patientenanwalt sein!

GOTT (himself)
13
28.12.2011, 11:03
wenn heute der Installateur ausrückt, zahlen sie gleich mal 100,- Euronen Anfahrtspauschale

Aber wenn etwas lebenswichtiges wie ein Notruf, der ein Vielfaches an Logistik im Hintergrund hat, nicht mal 105 Euro wert ist, dann sollte selbst der letzte Depp erkennen, dass dieses System grundlegend krank ist.

Dnadoc1
00
28.12.2011, 12:20

Dann versuchen Sie mal zu entwirren, ob diese Fahrt nicht doppelt bezahlt wird! Wer sagt denn, dass das Auto und die Leute nicht ohnehin schon vom Land bezahlt wurden?!?!?!

Der Artikel gefällt mir
00
28.12.2011, 12:08
Ich suche nur Installateure, Elektriker in der unmittelbaren Nähe und zahle keine 100 EUR!

Bei Problemen mit der Waschmaschine rufe ich die R.U.S.Z. in Wien: die verlangen einen Bruchteil der FAhrtkosten, arbeiten wesentlich seriöser. Bei den großen Firmen hat man beim Kundenservice den Eindruck, die wollen gar keine Kunden mehr.

Mein Installateur ist aus dem Bezirk und wartet die Gasetagenheizung OHNE Anfahrtspauschale, dafür hat er regelmässig Wartungsarbeiten für Jahre.

Ich spreche nicht der Privatisierung der Krankenkassen das Wort, aber man kann sich aus der Privatwirtschaft MEHR Abschauen als NUR Kosten einzusparen.

Wo es keine Lobby gibt wird besonders gespart: Und das sind dann die Omas, oder im Bereich der Selbständigen, da sind viele Regelungen einfach ein Witz.

der gärtner
00
28.12.2011, 11:22

wenn die rufhilfe ausgelöst wird gibts in den meisten fällen nur einen anruf
und der kostet sicher nicht über 100 euro.

auch haben sanis selten mehr als 15 min anfahrtszeit und es sind mehrheitlich zivis und freiwillige, kosten der organisation also nichts.

klein adlerauge
 
02
28.12.2011, 11:51

ja klar... die notrufzentrale zu besetzen ist gratis, die infrastruktur dort auch, ebenso der krankenwagen und die von diesem heruntergespulten kilometer. und es gibt auch hauptberufliche sanis. und bereitschaftszeiten die auch irgendwie finanziert werden müssen.

warp.faktor
00
28.12.2011, 10:28
Ist ein Steierer weniger Wert als ein Wiener?

Was haben Länder und Gemeinden in dieser Grafik verloren?

Wozu braucht es unterschiedliche Sozialversicherungen (außer für Versorgungsposten)?

Warum wird im Gesundheitssystem zwischen Behandlung und Pflege unterschieden?

Wann wird man begreifen, dass sich die Gesundheitskosten senken lassen, in dem man den Menschen Stress (BornOut, Unfälle ...) und unzumutbare Wohnverhältnisse (z.B. ungeheizte, feuchte Wohnungen) erspart?

Warum wird das Gesundheitssystem nicht über Steuern auf ungesunde Lebensmittel, Rauchen, CO2-Ausstoß etc. teilfinanziert?

tigermuecke
02
28.12.2011, 10:21

Vor allem alte Menschen müssen viel Zeit bei Ärzten und in Apotheken verbringen, weil sie wegen jedem Befund und jeder Bestätigung extra wohin fahren müssen. Das ist im Alter sehr beschwerlich und verursacht zusätzliche Aufregung, die der Gesundheit nicht zuträglich ist. Es wäre sehr wünschenwert, wenn ein System eingeführt würde, bei dem man die vielen Einzelwege verbinden könnte.

Roter Baron
01
28.12.2011, 10:09
leider selbst erlebt ! das ganze system ist von schüssels schwachsinn durchtränkt

"weg von den ambulanzen hin zu den niedergelassenen ärzten"
nur ja nix ernsthaftes haben
sonst ist man nurmehr von einem arzt zum nächsten
von einer untersuchuing zur nächsten
und wieder zurück zum facharzt
S-C-H-W-A-C-H-S-I-N-N pur !

roter baron

hot doc
10
28.12.2011, 11:42

rot für den roten baron.
ich mache jeden tag in meiner ordination die arbeit, die ich in einer fachambulanz auch machen würde, nur arbeite ich dabei wesentlich intensiver, treffe aber die selben entscheidungen und arbeite intensiv mit spitalsabteilungen zusammen. was sie schreiben ist... j-a, g-e-n-a-u.

theWatcher14
10
28.12.2011, 14:12
Hot Doc

Sie arbeiten in Ihrer Praxis wesentlich intensiver als Sie es in einer Fachambulanz tun würden?
Was sagt das über Sie aus?

hot doc
00
29.12.2011, 17:50
gegenfrage: was sagt ihr posting über sie aus?

der schelm ist, wie er denkt.

Dr. Kürsten
23
28.12.2011, 09:44
ein falsches Mantra

"Viele Behandlungen, die in Spitälern erfolgen, könnte ein niedergelassener Arzt ebenso erledigen. In erster Linie scheitert dies an den Öffnungszeiten der Ordinationen."
Ich bin lange genug in Spitalsambulanzen tätig gewesen. Der große Teil von Patienten kommt zu Zeiten in die Ambulanz, in denen genügend Ordinationen offen sind. Es ist richtig, dass ein Großteil ambulant erbrachter Leistungen von niedergelassenen Ärzten erbracht werden kann, aber mancher Patient geht lieber "ins AKH", weil dort ja die Spitenmedizin zu Hause ist oder in eine Ambulanz, weil dort wird alles gleich in einem erledigt wird, etc. Wenn in Ambulanzen wirklich nur echte Notfälle und sinnvolle komplizierte Fälle behandelt würden, wäre allen geholfen.

theWatcher14
00
28.12.2011, 14:14
Dr. Kürsten

Nein, allen wäre geholfen, wenn die Spitäler Ihr Personal aufstocken würden. Natürlich geht man lieber ins Spital als zu einem niedergelassenen Arzt. Dem ist Rechnung zu tragen und sonst gar nix!

Vorstadtmama
 
10
28.12.2011, 11:03
wem wäre geholfen?

Den kranken Kassen aber nicht den Patienten. Die wissen nämlich genau, was sie tun. Beispiel: Habe ich Kopfweh, Bauchweh oder Kreuzschmerzen, von denen ich nicht weiss, woher sie kommen, gehe ich zum Hausarzt. Habe ich mich verletzt, gehe ich sofort in die Ambulanz...

theWatcher14
00
28.12.2011, 14:15
Mama

Bevor ich zum Hausarzt gehe, wenn ich ein wirkliches Problem habe, opfere ich ein Huhn, das ist von vergleichbarem Erfolg.

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