Die Angewandte möchte ein Gemälde von Jehudo Epstein restituieren - und sucht nach Verwandten des Malers
Wien - Die Wahrscheinlichkeit, in der Angewandten auf NS-Raubkunst zu
stoßen, ist relativ gering. Denn die Kunstsammlung wurde erst 1979 vom
damaligen Rektor Oswald Oberhuber gegründet. Im Gegensatz zu vielen
anderen Institutionen beließ man es aber nicht mit der Feststellung,
dass die Sammlung sauber sei: Zwei Jahre lang prüfte der Jurist und
Kunsthistoriker René Schober die Bestände. Unter den 218 Möbelstücken
und etwa 3000 Grafiken konnte er keine verdächtigen Werke finden. Aber
zumindest eines der 507 Gemälde scheint geraubtes Gut zu sein. Es trägt
den Titel Mädchen mit blonden Zöpfen in historischem Kostüm und wurde
1921 von Jehudo Epstein gemalt.
Jehudo Epstein ist heute völlig in Vergessenheit geraten. Es gibt
zumindest einen Wikipedia-Eintrag. Laut diesem hatte Epstein "in den
ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit seinen realistischen Bildern
aus dem jüdischen Alltag und Volksleben, das er idealisierend
darstellte, großen Erfolg". Und: "Er wurde zu seinen Lebzeiten als einer
der bedeutendsten jüdischen Maler angesehen."
Epstein wurde laut eigenen Angaben zwischen 1869 und 1871 als Sohn eines
Rabbiners und einer Lehrerin in Sluzk (Weißrussland) geboren. Ab 1884
besuchte er die Wilnaer Zeichenschule. Da er als Jude nicht an der
Akademie in St. Petersburg aufgenommen wurde, ging er 1888 ohne
Empfehlungen und ohne Kenntnis der deutschen Sprache nach Wien. An der
Akademie der bildenden Künste studierte er mehrere Jahre - unter anderem
Historienmalerei bei August Eisenmenger. Ab 1901 war Epstein Mitglied
des Künstlerhauses, wo er mehrfach ausstellte, 1923 wurde er zum
Professor an der Akademie ernannt.
1934 machte Epstein mit seiner Ehefrau Auguste eine Studienreise nach
Südafrika. Ob der sehr guten Auftragslage dehnte sich der Aufenthalt
länger als geplant aus. Der Wiener Strickwarenhersteller Bernhard
Altmann, der in seiner Sammlung auch etliche Gemälde von Epstein hatte,
riet dem Maler daher, das Atelier in Grinzing aufzulassen. Er bot ihm
an, dass er seine Werke in einem Lagerraum der Fabrik unterstellen
könne. So geschah es 1936 auch.
Bei der Einlagerung erstellte Karl Kramer, Hausverwalter vom Altmann,
ein Inventar, in dem neben Möbel und anderen Einrichtungsgegenständen
insgesamt 172 Gemälde verzeichnet sind. Auch das Mädchen mit blonden
Zöpfen befand sich darunter.
Im März 1938, nach Hitlers Einmarsch, musste Altmann fliehen, die Fabrik
wurde "arisiert". Und die Epsteins blieben in Südafrika.
Jehudo Epstein starb am 16. November 1945 in Johannesburg. Seine Frau
bemühte sich 1947 erfolglos, Auskünfte über den Verbleib der bei
Bernhard Altmann eingelagerten Güter zu erhalten. 1950/51 erhielt sie
zumindest ein Werk ihres Mannes, Camposanto in Venedig, zurück. Es war
in den Räumen des Landesarbeitsamtes Niederösterreich gefunden worden.
Im Zuge des Rückstellungsverfahrens wurde auch der Hausverwalter Kramer
befragt. Er gab an, dass man die Türe zum Magazin in seiner Abwesenheit
aufgebrochen hätte, die meisten Bilder seien im Auftrag der "Ariseure"
weggebracht worden. "Der Rest der Bilder wurde nach Übermalung des
Namens Epstein im Speisesaal der Arbeiter aufgehängt."
Der Name Epstein wurde gelöscht, das Werk verschwand. Nach dem Krieg
versteigerte das Dorotheum regelmäßig Gemälde von Jehudo Epstein. Eines,
das Mädchen mit blonden Zöpfen, erwarb der Gastronom und Galerist Kurt
Kalb. Er schenkte es 1987 der Angewandten.
Rektor Gerald Bast möchte das Werk nun aus moralischen Gründen
restituieren - und daher mit Nachkommen der Epsteins in Verbindung
treten. Für Hinweise wäre er dankbar. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2011)