"Forscher-Karriere beginnt im Ausland"

Edda Grabar, 28. Dezember 2011, 06:15
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    Christoph Kratky: "Es gibt auch bei uns eine Menge Geld, meiner Meinung nach wird es allerdings nicht optimal eingesetzt."

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Die Laufbahn österreichischer Jungforscher ist vom Zufall abhängig, kritisiert Christoph Kratky, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF

Edda Grabar sprach mit ihm über Reputation, Job-Besetzungen und Wettbewerb

* * *

STANDARD: Herr Kratky, Sie kritisieren, dass wissenschaftliche Karrieren hierzulande häufig mittelklassig verlaufen. Was genau meinen Sie damit?

Kratky: Ich meine damit die mangelnden Möglichkeiten für junge Forscherinnen und Forscher in Österreich. Heutzutage beginnt eine wissenschaftliche Karriere gewöhnlich im Ausland. Und erst später lässt man sich nach Österreich zurückberufen. Hier eine Karriere zu planen ist äußerst schwierig - und leider nicht nur von der Qualität der wissenschaftlichen Leistung, sondern von vielen anderen Faktoren abhängig.

STANDARD: Von welchen anderen Faktoren?

Kratky: Sagen wir einmal so: Einer der wichtigsten ist der Zufall.

STANDARD: Trägt die Tatsache, dass es lediglich zwei österreichische Universitäten unter die Top 200 - und zwar ins hintere Feld - geschafft haben, zur schlechten Ausgangsposition bei?

Kratky: Indirekt muss ich sagen: Ja. Das liegt vor allem an den Personalentscheidungen in der Vergangenheit. Die Besetzung von Personalstellen sind ja die einzigen Instrumente, mit denen Universitäten ihre Leistungsfähigkeit stärken können. Es ist kein großes Geheimnis, dass in der Vergangenheit nicht immer die Besten zum Zuge gekommen sind, um es freundlich auszudrücken. Insofern trifft es zu: Das internationale Ansehen von Institutionen beeinflusst massiv die Ausgangssituation für wissenschaftliche Karrieren.

STANDARD: Der Demograf Wolfgang Lutz geht davon aus, dass Österreich in Zukunft wirtschaftlich und wissenschaftlich den Anschluss verlieren wird, wenn sich das Bildungssystem nicht verändert. Befürchten Sie das auch?

Kratky: Was das Wissenschaftssystem betrifft, hat er natürlich recht. Wir sind nicht top, wir sind im Mittelfeld - in der Grundlagenforschung weltweit etwa Nr. 15. Das ist nicht stark genug, um international gut mithalten zu können. Wir müssen uns an der Schweiz, Dänemark oder Israel orientieren. Das sind auch mittelgroße Länder, die aber sehr viel mehr und sehr viel effizienter in ihre Forschungssysteme investieren. Es gibt auch bei uns eine Menge Geld, meiner Wahrnehmung nach wird es allerdings nicht optimal eingesetzt.

STANDARD: Das Budget des europäischen Forschungsrats (ERC) soll um 77 Prozent auf 26,5 Milliarden Euro aufgestockt werden, um Top-Forschung zu ermöglichen und international wettbewerbsfähig zu bleiben. In Österreich läuft es auf Stagnation hinaus. Ist das nicht ein falsches Signal?

Kratky: Es ist höchst erfreulich, dass der ERC mehr Geld erhält. Allerdings darf das nicht zu dem Trugschluss verleiten, man könne jetzt national nachlassen. Bisher brauchten wir uns nicht zu verstecken, wenn es um die Einwerbung von ERC-Mitteln ging. Klar ist, dass jene Länder, die die Wissenschaft optimal unterstützen, sich die größten Teile des ERC-Kuchens sichern. Das ist gelebtes Matthäus-Prinzip: Die Starken kriegen mehr, die Schwachen weniger. Der ERC geht beinhart nach der wissenschaftlichen Qualität. Dadurch bedeuteten ERC-Grants auch einen enormen Reputationsgewinn.

STANDARD: Hat man auch hierzulande verstanden, dass sich Forschungsinvestitionen auszahlen?

Kratky: Verstanden hat man das schon, da bin ich sicher. Es hapert an der realpolitischen Umsetzung. In den Strategiepapieren der Bundesregierung steht, dass die Forschung, der Wettbewerb, die Exzellenz gestärkt werden müssen. Man muss es nur tun.

STANDARD: Apropos Exzellenz. Glauben Sie, dass weitere Exzellenzzentren wie das IST Austria das internationale Ansehen verbessern?

Kratky: Das Modell IST ist erfolgreich. Man sieht das an den vom IST eingeworbenen ERC-Mitteln. Allerdings ist das derzeit nicht beliebig wiederholbar. Wir sollten uns darauf konzentrieren, das bestehende System qualitativ auszubauen. Es muss insgesamt wettbewerbsorientierter werden. In dieser Situation braucht es starke Forschungsförderungsorganisationen - wie den FWF -, die mit ausreichend Geld Qualitätssignale setzen.

STANDARD: Woher soll das Geld kommen, das der FWF bräuchte?

Kratky: Der FWF verwaltet nur einen einstelligen Prozentsatz der Forschungsmittel der Universitäten, der Löwenanteil fließt über die Grundbudgets. Zudem ist in den letzten Jahren die angewandte Forschung ungleich stärker gefördert worden als die Grundlagenforschung. Natürlich muss es auch an Universitäten anwendungsorientierte Projekte geben. Doch Universitäten müssen aufpassen, nicht zum Forschungsdienstleister zu verkümmern. Um auf das Universitäten-Ranking zurückzukommen: Uns hier zu verbessern geht nur über hochkarätige Grundlagenforschung. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2011)


Christoph Kratky (65) ist seit 2005 Präsident des Wissenschaftsfonds FWF. Er studierte Chemie an der ETH Zürich und ging als Postdoc an die Harvard University. Ab 1977 ist er an der Universität Graz tätig, seit 1995 Professor für Physikalische Chemie und Leiter der Arbeitsgruppe Strukturbiologie.

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Posting 1 bis 25 von 28
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ingeniosus
00
Prof. Kratky sagt wenigsten die Wahrheit....

....wenn er von einem Zufall spricht, wenn in Österreich derzeit eine Forschungskarriere gelingt. Forscher werden wie Wunderkinder betrachtet.

Aus meiner Erfahrung sollte dafür kein Bedarf des Forschenden nötig sein, um sein Leben zu unterhalten. Ist das nicht möglich, ist eine Forscherleben auf reine FWF Förderung, die in Projekten für etwa 3-5 Jahre fininziert wird und dies sind laut Statistik nur für etwa 30% der Anträge.

Wer will darauf eine Karriere aufbauen?
Jeder muss einen Brotberuf haben und das geht wieder auf die Qualität der Forschung.

Von den Teilnehmern an der ISTA sind 1 von 10 aus Österreich. ISTA ist ein Impuls in die richtige Richtung, leider spielt Österreich dabei nur eine Nebenrolle als Standortgeber.

Klaus27
02
29.12.2011, 11:49
Das Gegenteil ist wahr

Wer den Wissenschaftsbetrieb in Österreich kennt weiß: Forscher-Karrieren beginnen im Inland - und enden meist im Inland.
Man kann im Ausland enorme Meriten erwerben, bei Berufungsverfahren interessiert das niemanden. Ich glaube, in vielen Fällen werden die Unterlagen gar nicht einmal richtig gelesen.
Auf der Grundlage des UG 2002 werden Berufungskommissionen eingesetzt, die lokal völlig steuerbar sind. Da ist es besser, man stellt sich mit dem jeweiilgen Machthabern gut.
Es gibt gegenwärtig in Österreich eklatante Fälle, die aufzeigen, wohin dies führen kann (siehen unten)

pike bishop
12
29.12.2011, 09:37

als betroffener, den man einfach nicht zurückholen will, geht mir dieses gesabere ziemlich auf die Nerven. Da ich in anderen Weltgegenden durchaus als qualifiziert gelte und nicht glaube, dass die dort alle deppert sind, ich gleichzeitig bei meinem sagen wir mal 25 bewerbungen im deutschsprachigen Raum, dovon 5 in Österreich, ca. 17mal (4mal inÖ sterreich) an Gegenkandidaten gescheitert bin, der Überlegenheit schwer einsichtig erscheint, ist es es jetzt eh schon Wurscht. Die können mich ...

Mit dem Herrn Kratky hatte ich auch einmall eine Korrespondenz über die Möglichkeit einer Kooperation mit der "Wissenschaftslandschaft" in der ich jetzt lebe. Seine Argumentationwar damals auch sehr steinzeitlich, um es freundlich auszudrücken.

post it all
41
28.12.2011, 13:40
...zurückberufen...?

"Heutzutage beginnt eine wissenschaftliche Karriere gewöhnlich im Ausland. Und erst später lässt man sich nach Österreich zurückberufen."

... dass ich nicht lache.

Dann soll FWF-Präsident Kratky sich doch mal die Liste der START-Preis-GewinnerInnen (vom FWF) von diesem Jahr ansehen. Da gab es nur einen der vom Ausland zurückberufen wurde, alle anderen (waren zwar schon mal im Ausland aber) sind schon am entsprechenden Insitut in Österreich gesessen als sie den Preis erhielten.

i really hope this name will fi
10
28.12.2011, 14:38

Einen Preis für Nachwuchswissenschafter als Beispiel herzunehmen zeigt, dass Sie die Aussage nicht verstanden haben.

Léonor de Guzman
12
28.12.2011, 13:15
seit jahren

die selbe leier ...... er hat die macht - also sollte er was verändern!

triturus trit
00
28.12.2011, 12:41
.... freundlichST auszudrücken.

prigogine
04
28.12.2011, 12:26
Es ist kein großes Geheimnis, dass in der Vergangenheit nicht immer die Besten zum Zuge gekommen sind, um es freundlich auszudrücken.

um es unfreundlich auszudrücken, Parteizugehörigkeit und Seilschaften bestimmen das Berufungsverfahren

Gendo
21
28.12.2011, 13:49

Der Prof. Kratky weiß wovon er da redet!

17+4
00
28.12.2011, 12:00
war es einmal anders,

ausser man hatte Beziehungen

obibiber
00
28.12.2011, 11:00

...und es wird noch ärger: siehe kürzungen bund, die sich bis in die kleinsten verästelungen fortwälzen...

Markus1975
53
28.12.2011, 09:12
ohhhh ganz was Neues

dazu brauch ich diesen super klugen Menschen ? Aber nicht wirklich oder ? Und wer Phys Chem auf der Haupt Uni kennt, der kann genau diese Kritik von diesem Menschen nicht verstehen .... denn schließlich hätte er die Möglichkeit gena diesen Zustand zu ändern ... Und es liegt nicht immer nur am Budget, sondern auch an den sogenannten Doktor Vätern und Müttern ....

sdfad sdfaf
12
28.12.2011, 10:12

Es ist ja schön, dass Sie sich so genau mit der Situation auskennen, der größte Teil der Leser tut das aber nicht. Insofern ist es gut, wenn die Probleme direkt genannt werden, je mehr Publicity desto besser. Wie Kratky allein aber den Zustand der Wissenschaft in Ö ändern kann, ist mir nicht klar bzw. was das alles mit der physikalichen Chemie der Hauptuni zu tun hat. Ebenso, was das Problem mit den Doktoratsbetreuern in Ö ist, außer, dass die Postenvergabe fraglich ist, was ja auch angesprochen wurde.

Cello88
02
28.12.2011, 08:55
Wissenschaftliche Karrieren und Personalentscheidungen

Nur in der Vergangenheit ein Problem? Oder hat sich die Situation sogar noch verschlimmert?

http://www.parlinkom.gv.at/PAKT/VHG/... 235172.pdf

prigogine
03
28.12.2011, 12:39
Vertuschung

von Skandalen an der Universität Innsbruck haben seit dem Rektorat Gantner Tradition.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
01
28.12.2011, 09:47

Naja, die Geschichte steht wenigstens.

Ich kenne einen vergleichbaren Fall vor gut 20 Jahren, damals ist das völlig problemlos durchgegangen. Wobei sich die Freunderlwirtschaft inzwischen wahrscheinlich auch geschickter anstellt...

Cello88
01
28.12.2011, 10:31
Andere Fälle?

Geschickter? Oder sagen wir dreister?

Was war denn der vergleichbare Fall? Ich dachte, dieser Vorfall sei in Österreich - und international - einzigartig.

Andererseits haben wir nun ein Gutachten der ÖAWI. Ob man daran vorbeikommt?

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
01
28.12.2011, 19:03

In Österreich war das gängige Praxis. Die Kofferträger wurden oft Nachfolger.

Klaus27
00
29.12.2011, 12:00
Kofferträger-wird-Professor

Die Kofferträger-wird-Professor-Politik ist wohl nach wie vor aufrecht. Der beschriebene Innsbrucker-Fall ist aber laut Nationalratsanfrage von ganz anderer Dimension.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
00
29.12.2011, 19:25

Inwiefern?

Klaus27
01
29.12.2011, 20:09

Das wird in der Anfrage im Detail ausgeführt. Eine derartige Ansammlung von Vorwürfen (Befangenheiten, Verstöße gegen Universitätsrichtlinien usw.) dürfte selten sein. Also keine "bloße" Hausberufung.

Der zentrale Vorwurf aber ist folgender: Die Habilitation verstößt gegen die gute wissenschaftliche Praxis (er hat Teile seiner Dissertation hineinkopiert und dies nicht ausgewiesen).

Diese Situation ist in Österreich wohl völlig neu: Was ist die Folge einer solchen Feststellung durch die ÖAWI?
Bleibt die Habilitation aufrecht? Kann der Betreffende sogar berufen werden? An der selben Uni? Durch eine rein interne Kommission, der sein Dipl.-, Diss.- und Habilvater vorsitzt? Mit z.T. identen Gutachtern?

Kennt jemand einen Präzedenzfall?

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
01
29.12.2011, 20:48

Glauben Sie wirklich für die Kofferträger mussten die Verfahren nicht ähnlich gebogen werden? Es sieht eher so aus als hätten sich die Proponenten des Herrn O nur besonders ungeschickt angestellt....

Klaus27
01
29.12.2011, 21:22

Durchaus möglich. Er hätte zugeben sollen, dass er die Monographie nicht hinbekommt und stattdessen eine Sammelhabil einreichen. Niemand hätte das beanstandet.
Man hätte bei der Zusammensetzung der Kommission derart extreme Befangenheiten ausschließen müssen. Er hätte...man hätte...
Man kann über alles hinwegsehen, aber brauchen wir dann noch Regeln, brauchen wir dann eine ÖAWI?

Aber kann man jetzt noch eins draufsetzen und sogar noch eine Berufung vornehmen - wobei alle Details des Falls österreichweit und darüber hinaus bekannt sind?

Da hätte ich ganz große rechtliche Bedenken.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
01
29.12.2011, 22:06

Eine spannende Frage.

Dass es eine solche ist, zeigt, dass akademische Standards auf öst Unis meist nur blah sind.

sandor gjalski
011
28.12.2011, 06:44

österreichisches kleinbürgertum begünstigt provinzielles mittelmass

es spiegelt einfach die sozialen strukturen wieder

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