Brands Gespür für Schnee

27. Dezember 2011, 17:55
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Brand wurde von der Alm zum Tourismusort - Die Entwicklung verlief nicht ohne Krisen - Zur Bewältigung kaufte sich die Gemeinde mit Privaten die Bergbahnen - Vom Schuldengejammer hält man im Bergdorf nichts

Brand - Ein Wintertag, wie ihn sich Touristiker und wetterfeste Gäste wünschen: Es schneit seit Stunden, dicke Schneewolken hüllen das Rätikonmassiv ein, verwehren den Blick auf Zimba und Schesaplana. Am gotischen Kirchlein vorbei stapfen zwei Touristen durch den Schnee. Fokko und Rianne Dijkstra sind auf dem Weg vom Ferienpark Brand ins Dorf.

Das Pensionistenpaar aus Belgien kaufte sich hier vor drei Jahren einen Zweitwohnsitz. "Liebe auf den ersten Blick" war das Brandnertal für die Dijkstras, "wegen der Landschaft, aber auch "weil die Leute hier so freundlich und zuverlässig sind".

Szenenwechsel, Gemeindeamt: Bürgermeister Erich Schedler und Raimund Meyer, Hotelier und Geschäftsführer der gemeindeeigenen Tourismus GmbH, kommen direkt vom Schneeschaufeln, um mit dem Standard über die Entwicklung ihres Dorfes zu plaudern. Solche Schneemengen hätten sie den ganzen letzten Winter nicht gesehen, schauen sie zufrieden auf das winterliche Brand.

Die sonnige Lage des Hochtals im Bezirk Bludenz hat in milden Wintern einen großen Nachteil: Der Schnee hält nicht lange. In den 1960er- und 70er-Jahren, als Hoteliersfamilien das Walserdorf zum Tourismusort machten, hatte man noch den Brandnergletscher als Skigebiet im Visier. Fortschritt war in den Bergen angesagt.

Als Twist noch verboten war

Als unten im Tal der Bischof noch den Twist verbot und das Kinoprogramm kontrollierte, wurde in Brand die erste Hotelsauna des Landes gebaut. Man spielte Tennis mit Blick auf den Gletscher, traf sich zum Fünf-Uhr-Tee, gab sich weltoffen und modern.

An die Gletschererschließung denke heute keiner mehr, beruhigt Bürgermeister Schedler, man habe kräftig in Beschneiungsanlagen investiert. Der Investitionsschub kam nicht von ungefähr. "Investitionsstau" habe die Jahre zwischen 1985 und 1995 geprägt, sagt Meyer. Die Nächtigungen sanken innerhalb von 20 Jahren von 330.000 auf 198.000. Meyer spricht von "Depression". Schedler: "Wir mussten etwas tun." Als 1998 die Bergbahnen zum Verkauf standen, griff die Gemeinde zu. Schedler: "Wir wollten endlich selbst entscheiden können."

Die Nachbargemeinde Bürserberg und private Gesellschafter wurden an Bord geholt. "Heute nennt man das PPP", sagt Schedler, seit 20 Jahren im Amt, nicht ohne Stolz. Die Brandner Private Public Partnership hieß damals "Bettenmodell": Jeder investitionsbereite Beherbergungsbetrieb beteiligte sich nach Bettenanzahl. Die Gemeinde übernahm die Haftung auf 15 Jahre. 40 Millionen Euro wurden so in die Modernisierung der Bergbahnen gesteckt.

"Das war sicher ein Investitionsanschub", verweist Erich Schedler auf Folgeinvestitionen Privater. Mit seinem Designhotel "Walliserhof" war Raimund Meyer Trendsetter: "Die Stimmung war plötzlich eine andere, man dachte ans Miteinander." Die junge Brandner Hoteliersgeneration setzte auf neue Architektur, auf Qualität. Die Gemeinde stand den Privaten nicht nach, erneuerte Ortsdurchfahrt und Gemeindezentrum, schuf mit dem Walserensemble einen Ort für die Kultur.

Mit Stammeinlagen von knapp 690.000 Euro (Brand) und 527.000 Euro (Bürserberg) sind die Kommunen Hauptgesellschafter, das Land haftet. Ohne die Bergbahnen hätte Brand um gut 40 Prozent weniger Schulden, denn die Bahnen machen den größten Brocken des 5,6 Millionen Euro hohen Schuldenbergs aus.

Diskussionen über Steigerung der Pro-Kopf-Verschuldung mag der Bürgermeister nicht. "Wenn eine dreiköpfige Familie ein Haus um 300.000 Euro baut, ist sie pro Kopf mit 100.000 Euro verschuldet. So rechnet man doch nicht. Es kommt darauf an, ob man seine Annuitäten bedienen kann, und das können wir."

In der Gemeindestube, wo das ÖVP-Mitglied Schedler mit seiner "Freien Wählerliste Brand" sechs Mandate hat, die beiden anderen Namenslisten vier ("Mitanand für Brand") und zwei ("Einfach Brandner"), sind die Bergbahnen umstritten. Manfred Geiger (Mitanand für Brand), Obmann des Prüfungsausschusses, im aktuellen Prüfbericht: "Die Zinsförderung des Landes ist zeitlich begrenzt. Was geschieht, wenn die Bergbahn die Darlehen von 2,6 Millionen nicht zurückzahlen können?" Weil die Gerüchte im Dorf brodeln, seit die Bergbahnen einen Gastronomiebetrieb abstoßen wollen, ist für 18. Jänner eine Informationssitzung anberaumt.

Bürgermeister Schedler bereut das Bergbahnen-Abenteuer dennoch nicht: "Wir sind dadurch wieder konkurrenzfähig geworden." Raimund Meyer bekräftigt mit den Nächtigungszahlen von 2010: 258.000, über die Hälfte davon im Sommer. Diese Balance zwischen Winter- und Sommertourismus sei eines der wesentlichen wirtschaftlichen Ziele.

Den Begriff Schuldenbremse hört man in Brand ungern. Ökonom Mario Greber, Gemeindekassier und Politiknachwuchs, sieht durch Krisenstimmung das positive Investitionsklima gefährdet. Der ausgabenseitige Fokus sei nicht zielführend, verweist er auf die Einnahmen: Die Kommunalsteuer habe sich in elf Jahren verdoppelt. 2010 nahm man 1,1 Millionen an Gemeindesteuern ein.

Zwergschule für 24 Kinder

In den nächsten Jahren will man in Bildung investieren, Volksschule und Kindergarten zusammenlegen. Die Zwergenschule mit aktuell 24 Kindern soll unbedingt erhalten bleiben. Nicht nur wegen der Kinder, sagt Direktorin Silvia Märk. Eine Schule im Dorf bedeute kulturelles Leben: "Die Verwurzelung der Kinder im Dorf ist wichtig, sonst sterben die Bergdörfer aus". (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2011)

  • Alt und neu in guter Nachbarschaft: Neben der alten Mühle in Brand genießen die Gäste des Hotels Valavier ihren Wellnessurlaub in neuer Architektur.
    foto: standard/grass

    Alt und neu in guter Nachbarschaft: Neben der alten Mühle in Brand genießen die Gäste des Hotels Valavier ihren Wellnessurlaub in neuer Architektur.

  • Erich Schedler ist seit 20 Jahren Bürgermeister. Die 
Pro-Kopf-Verschuldung hält er für kein geeignetes Kriterium zur 
Beurteilung eines Ortes.
    foto: standard/grass

    Erich Schedler ist seit 20 Jahren Bürgermeister. Die Pro-Kopf-Verschuldung hält er für kein geeignetes Kriterium zur Beurteilung eines Ortes.

  • Ökonom Mario Greber ist für die Finanzen von Brand zuständig und warnt vor Krisengejammer, das die Stimmung für Investitionen trübe.
    foto: standard/grass

    Ökonom Mario Greber ist für die Finanzen von Brand zuständig und warnt vor Krisengejammer, das die Stimmung für Investitionen trübe.

  • Die Pensionisten Rianne und Fokko Dijkstra aus Belgien haben sich in den Ort Brand verliebt und da eine Zweitwohnung gekauft.
    foto: standard/grass

    Die Pensionisten Rianne und Fokko Dijkstra aus Belgien haben sich in den Ort Brand verliebt und da eine Zweitwohnung gekauft.

  • Volksschuldirektorin Silvia Märk plädiert für Kleinschulen. 24 
Kinder in zwei Klassen komme einer Gesamtschule schon sehr nahe.
    foto: standard/grass

    Volksschuldirektorin Silvia Märk plädiert für Kleinschulen. 24 Kinder in zwei Klassen komme einer Gesamtschule schon sehr nahe.

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