Erinnerung an den "real existierenden Sozialismus"

Kolumne | Hans Rauscher, 28. Dezember 2011, 09:38

Die Sowjetunion ist vor 20 Jahren zerfallen. Junge Leute können sich meist nicht vorstellen, wie das vorher war

Der Kapitalismus ist gescheitert. Das sagt zumindest die europäische Linke. So lässt sich der Untergang des "Gegenmodells", des "real existierenden Sozialismus" im Sowjetreich, leichter verschmerzen.

Die Sowjetunion ist vor 20 Jahren zerfallen. Junge Leute können sich meist nicht vorstellen, wie das vorher war. Der "real existierende Sozialismus" war nicht nur eine furchtbare Gewaltherrschaft, sondern auch ein Patentrezept für Armut, Rückständigkeit und Stillstand.

Der frühere deutsche Kanzler Helmut Schmidt hatte die Sowjetunion als ein "Burkina Faso mit Atomraketen" bezeichnet (afrikanischer Staat, heute wie damals eines der ärmsten Länder der Welt). Er lag nicht weit daneben. Im Zentrum von Moskau trug jeder Zweite ein (leeres) Einkaufsnetz mit sich, für den Fall, dass es irgendwo irgendwas etwas zu kaufen gibt. Die wenigen Geschäfte waren meist leer, nur manchmal gab es unangekündigte Lieferungen, meist aus "Bruderländern", bei denen man blitzschnell zuschlagen musste. Egal was, es wurde gekauft, man konnte alles problemlos weiterverkaufen.

Nur an einem herrschte kein Mangel: Alkohol. Links im Geschäft eine Vitrine mit ein paar grünlichen Wurststangen, rechts eine Wand voll Wodka. Davor saßen im Rinnstein oft zwei Männer, einander völlig fremd, die ein paar Rubel zusammengelegt hatten, um eine Literflasche Wodka zu kaufen und an Ort und Stelle zu leeren. Das machte kein gutes Bild, so errichtete man in den Parks Trinkkioske mit einem blickdichten Bretterzaun herum.

"Ernteausfälle", in Wirklichkeit der Strukturfehler der "kollektiven Landwirtschaft", zwangen zum Import von riesigen Mengen von US-Getreide. Die sowjetische Raumfahrt erzielte gewisse Erfolge, sowjetische Geschirrspüler flogen bei Inbetriebnahme auseinander. Der Moskauer Großflughafen wurde von Deutschen und Türken gebaut, aus der UdSSR kam der Sand für den Zement. Die Sowjetunion lebte von Öl und Gas, von Industriespionage in riesigem Ausmaß und von einem gewaltigen Unterdrückungsapparat, der nicht zuließ, das irgendwer die elende Realität offen ansprach. Halbwegs angemessen lebten nur die höheren Funktionäre von Partei und "Sicherheitsorganen", aber ihr Lebensstandard entsprach etwa dem eines Facharbeiters bei Mercedes.

Das Russland von heute ist ganz anders und doch wieder nicht. Es lebt immer noch von Öl, Gas und Unterdrückung. Es ist trotz Öffnung zum Westen technologisch nach wie vor unterentwickelt. Die Lebenserwartung der russischen Männer ist mit 58,7 Jahren wieder auf Sowjetniveau. Die große Masse ist nach wie vor arm. Die Führungsschicht ist allerdings obszön reich, und es ist immerhin eine gut ausgebildete Mittelschicht entstanden. Die rebelliert jetzt gegen den Stillstand, der durch Putin verkörpert wird. Die Demonstranten werden immerhin nicht zusammengeschossen.

Im Russland von heute existieren Elemente des Raubtierkapitalismus mit gelenkter Staatswirtschaft und autoritärem bürokratischen Regime nebeneinander. Ob das reicht, dass es das heutige System in 20 Jahren noch gibt? (Hans Rauscher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.12.2011)

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also dann ...
00
30.12.2011, 00:10
ach hr. rauscher ... ihre beitrag ist grammatikalisch korrekt - wie s i n n f r e i, denn

- es gibt ja keinen vermögens/wohlstandszuwachs da
... das GELD AUS LUFT von den banken d.d. einfache buchung :
vermögen (forderung) / schulden (verbindlichkeit) des gleichen kunden/unternehmens entsteht,
d.h.
= es ist ein NULL-SUMMENSPIEL da sich ja die bilanz ausgleicht
= 100 % der geldmenge NUR als schuldgeld existieren
= sich weder 1 volkswirtschaft, noch die welt "verschulden" kann, da diesen ja ein gleich hoher betrag an vermögen gegenübersteht
= ergo dessen - es auch keinen rettungsschirm (schulden + schulden = rettung ???) geben kann
= die zinsen NIE in der geldmenge existieren.

d.h. es stellt sich die einfache frage :
wo ist der wohlstand denn gelandet, wenn sie z.b. die USA mit cuba vergleichen ?

Gobi Todic
04
28.12.2011, 21:49
Facharbeiters bei Mercedes

Tja, und jetzt schauen wir uns mal an wie gut es dem Facharbeiter bei Mercedes in Sindelfingen heute, 20 Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion so geht.

Klingelt da eventuell was? Ja, das Kapital fährt mit uns Schlitten seit der böse Gegner weg ist.

Poldi Fesch
10
28.12.2011, 23:18
immer noch

vorzueglich, klingelt da was ?

DerRoland
10
28.12.2011, 19:48
Sozialismus, Kapitalismus - alles einerlei.

Ich hätte gerne einen wohlwollenden, gebildeten, zukunftsorientierten Kaiser oder meinetwegen Gottkönig - mir wurscht wie der dann heißt. Einen wahren Diener des Staates.

Unter seiner leitenden Hand würde der soziale Kapitalismus oder kapitalistische Sozialismus eine Blüte erleben. Was da für langfristige Reformen passieren könnten... utopisch.

Ich glaube, das derzeitige Problem ist die korrupte und gleichgültige Politik, nicht das Wirtschaftssystem.

"Able Danger"
00
28.12.2011, 18:28
Heute haben wie den "gerade noch existierenden Kapitalismus"

too small to bail
04
28.12.2011, 18:27
voll grauslich, aber echt, he

"daher: keine vermögensteuern (und schon gar nicht für die leistungsträger des oberen mittelstandes), weil das ist kalte enteignung und das ist kommunismus und der ist ja voll grauslich."

warum diese conclusio heute fehlt, bleibt unklar. lag's am zeilenlimit?

originell dagegen das (offensichtliche) scheitern des kapitalismus (als nachhaltige und gerechte wirtschaftsordnung) als das bloß imaginierte analgetikum der sich ob des verlusts des sowjetischen staatskapitalismus (ups: r.e.sozialismus) in schmerzen krümmenden und delirierenden europäischen linken.

offen bleibt dabei lediglich die frage, was das alles mit kommunismus zu tun hatte.

Poldi Fesch
30
28.12.2011, 23:20
nicht zu tun hatte

es WAR Kommunismus u. es waere Kommunisms. Kommunismus ist genau DAS

bloody-nine
 
01
29.12.2011, 15:06
was, steuern für vermögende?

sind gleich kommunismus?

oida, oida, oida....

barney
09
28.12.2011, 17:58
gewußt, wie

Jaaa! Der Hans, der kann's! Diese Tirade ist ihm wieder wie Öl aus dem Ärmel geflossen, sein Revier ist abgesteckt wie eh und je! Der Kurier trauert noch heute um diesen blendenden Analytiker. Es gehört wahrlich ungeheures Durchhaltevermögen dazu, jahrzehntelang Realitätsverweigerung zu betreiben.

Poldi Fesch
00
28.12.2011, 23:21
als offensichtlicher

Realitaetsverweigerer muszt das ja wissen. Rau ist oefter mal einer, diesfalls aber nicht

anders and
 
11
29.12.2011, 15:24

Die Bonzen wegen zu geringer Privilegien zu beschimpfen hat aber schon einen ziemlich doofen demagogischen Zug.

Richtig abkassiert haben ja nur die Ceaucescus und ihr Klan - aber die waren bis in die Mitte der 1980er die Liebkinder des Westens.

mikromalist
 
13
28.12.2011, 17:33
Ein wenig deprimierend die

politische Diskussion.
Selten geht es darum, was müssen wir wie künftig anders machen, sondern wie können wir die jeweilige eigene Ideologie verteidigen.
Und das geht meist so: Linke werden von Opponenten mit geh-halt-nach-Nordkorea ins Eck gestellt und Kritiker der retrolinker, buerokratischer Regime als Tea Party diffamiert.

Warum nicht darüber diskutieren, ob
- freier Markt und Sozialismus nich doch gleichzeitig existieren koennten?
- eine neue Eigentumsform die Nachteile von nur privat oder nur gemeinschaftlich vermeiden könnte?
- die Schöpfung von Geld nicht weiter dezentralisiert und mit Verteilung verbunden werden könnte?
- ein schlanker Staat nicht ein besserer Sozialstaat wäre?
...
- direkte Demokratie nicht unverzichtbar ist?

Poldi Fesch
20
28.12.2011, 23:22
danke

nein

Friedman Tobin
01
28.12.2011, 18:06

In diesem Artikel wird massenweise gelogen und die Leser müssen das erfahren, dass ist das Problem. Was Sie ansprechen, wäre dann ein anderes Thema.

Poldi Fesch
00
28.12.2011, 23:22
wenigstens EINE Luege,

bitte bitte

anders and
 
11
29.12.2011, 13:04

Wenn Sie eine Lüge brauchen: die Behauptung in der SU habe die Lebenserwartung der Männer unter 60 Jahre betragen ist geloggen - sind Sie jetzt zufrieden?

Poldi Fesch
00
29.12.2011, 13:43
scheint ein bisserl

schwer kontrollierbar zu sein, aber grosso modo passts
http://www.pdwb.de/kurz_rus.htm

anders and
 
10
29.12.2011, 14:52

was wollen Sie aus der Statistik herauslesen?

Poldi Fesch
00
29.12.2011, 15:10
das sie nicht besonders

gut gelebt haben, in der SU

anders and
 
11
29.12.2011, 20:14
das bezweifelt ja niemand -

nur gehört es zur intellektuellen Redlichkeit auch Gegner fair und sachlich zu beurteilen.

Dass man gesamtsowjetische und russische Lebenserwartung verwechselt kann ja noch passieren. Aber dass man der Sowjetunion vorhält dort sei die Lebenserwartung höher gewesen als in den 20 Jahren nach deren Auflösung (und die dortigen Funktionäre hätten sich nicht massiv am Volksvermögen bereichert) ist schlichtweg blöd, oder?

Standard deviation
00
28.12.2011, 19:20
Worin bestehen die Lügen?

Bitte, erklären Sie uns das!

anders and
 
11
28.12.2011, 22:45

Wirklich unsinnig ist die Behauptung mit der Lebenserwartung: die Lebenserwartung der Männer betrug zwischen 1950 und 1992 stets über 60 Jahre.

Der Rest ist extrem einseitig und würdigt die Leistungen der SU in Forschung, Kultur, Bildung und Weltraumfahrt nicht.

Und ob es vor 1990 einen gebildeten Mittelstand in der SU gab hängt alleine von der Definition des Begriffes "Mittelstand" ab. Indem man Mittelstand so definiert, dass die gebildeten Sowjetbürger nicht darunter fielen schafft man das Bild eines fernen barbarischen Staates - wozu eigentlich?

Standard Leser4
 
00
29.12.2011, 14:01
Geehrte kritiker, die Betonung liegt auf "Maenner" die Frauen haben eine um ca 10 Jahre hoehere lebenserwartung in Russland wie auch in der ehem Sowjetunion!

Ich zitiere von oben: Die Lebenserwartung der russischen Maenner ist mit 58.7 Jahren wieder auf Sowjetniveau:
Das Eurasische Magazin schreibt: Im Jahr 2000 starb die "maennliche" Bevoelkerung durchschnittlich mit 59 Jahren, etwa 10 Jahre frueher mit 64 Jahren.
Wie war es aber in der SU ?
Darueber gint die WHO in einem Presserelease 1997 Auskunft. Dort heisst es: 1980 war die Lebenserwartung in der Sowjetunion bei 57.7 Jahren. Dies ist im starken Kontrast zur Schweiz wo die Lebenserwartung der Maenner bei ueber 75 Jahren liegt.

anders and
 
21
29.12.2011, 14:44
einen kleinen Punkt haben Sie übersehen:

die Lebenserwartung der männlichen RUSSISCHEN Bevölkerung lag von 1950 bis 1992 immer über 60 Jahren.

Die Lebenserwartung in den zentralasiatischen Staaten lag deutlich darunter.
Was Sie zitieren sind die Daten der SOWJETISCHEN Bevölkerung.

Ihre Betonung sollten Sie also auf "russisch" legen - ich habe immer von den Männern geschrieben (und oft genug die entsprechende Statistik verlinkt - die ist auch ohne Worte leicht verständlich).

Standard Leser4
 
00
30.12.2011, 14:14

Entschuldigung ich wusste nicht, d Sie nun, da wir Ihnen d Gegenteil bewiesen haben, die Russischen Herrenmenschen aus der Sowjetunion hervorheben wollen, damit Ihre Theorie doch noch unbeweisbar ist.
Oder haben Sie irgendwo eine galubhafte Info Quelle, die in etwa d WHO enspricht?

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