Weil wir doch gerade Weihnachten feiern und manche Poster darunter leiden, dass Churchwatch mit, wie sie meinen, zu spitzer Feder schreibt (manchen ist sie freilich immer noch zu stumpf), wird diesmal ein Zitat vorangestellt, das eine sehr friedlichen Haltung der gegenseitigen Wertschätzung ausdrückt:
"Wir wollen alle dasselbe, und vielleicht braucht der Herr das auch, dass es dafür unterschiedliche Wege gibt, die doch alle in dem einen Weg sich bewegen, der er selber ist."
Und dazu die Rätselfrage. Von wem stammt das einleitende Zitat?
a) Johannes XXIII.
b) Benedikt XVI.
c) Mutter Teresa
d) Christoph Schönborn
e) Helmut Schüller
(Anmerkung: Weil es eine katholisch-innerkirchliche Frage ist, stehen nur 20 Prozent Frauen zur Auswahl)
Richtig ist b wie Benedikt. (Wer hat es gleich erraten? Wer ist überrascht?) Das Zitat ist noch gar nicht alt. Der Satz fiel während der offiziellen Deutschlandreise des Papstes in einer kleinen Gelegenheitsansprache beim Mittagessen mit den Mitgliedern der deutschen Bischofskonferenz am 25. September.
Wer auf der Vatikan-Homepage die gesammelten Ansprachen liest, wird vergeblich nach diesem Zitat suchen. Wir verdanken die Überlieferung der Kirchenzeitung der Erzdiözese Freiburg. (Dabei dürfte es sich um keinen Irrtum handeln. Der Chefredakteur, der diesen Satz in einem Kommentar verarbeitete, ist noch im Amt.)
Churchwatch wagt folgende weihnachtsfriedliche Exegese: Gerade abseits von Manuskripten, die vielfach diplomatisch behübscht und deren Positionen oft bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen werden (siehe das Papst-Orakel), geben solche spontanen Gelegenheiten einen ungeschminkten Einblick in das eigentliche Denken der Person.
"Vielleicht braucht der Herr unterschiedliche Wege..." Das kann man auch so übersetzen: Vielleicht hält sich der liebe Gott bewusst mehrere Kirchen, ja mehrere Religionen und als Komplementärfarbe einen Schuss Agnostizismus dazu! Wurde diese Einschätzung deshalb in der Dokumentation gelöscht? Predigt der Papst deshalb so gebetsmühlenartig gegen den Relativismus, weil er Angst hat, sich selbst darin wiederzufinden? Ist der vielleicht gar nicht die Wurzel allen Übels, wie der Vatikan verbreitet, sondern die eigentliche Chance eines friedlichen Miteinanders?
Ein einfacher Lapsus, eine altersbedingte Fehlleistung gar, ist jedenfalls auszuschließen. Denn derselbe Gedanke ist auch durch den handschriftlichen Gruß belegt, den Weihbischof Helmut Krätzl in seinem jüngsten Buch dokumentiert. Krätzl war wegen seiner Konzilsinterpretationen zur Standpauke nach Rom zitiert worden. Danach schrieb ihm der gerne als "Panzerkardinal" bezeichnete Präfekt der Glaubenskongregation geradezu kuschelweich: "Auf unterschiedliche Weise versuchen wir doch das Gleiche zu tun: Dem Herrn in seiner Kirche zum Heil der Menschen zu dienen."
Da zwischen diesen beiden Zitaten immerhin acht Jahre liegen, scheint dem Papst die Frage, ob es doch mehrere legitime Wege zum Ziel gibt, stärker zu beschäftigen, als dies gewöhnlich aus seinen Aussagen herauszulesen ist, ja als er (sich) selbst zugibt.
Das nährt folgende waghalsige Phantasie: Vielleicht hat der Pontifex Maximus dieser Tage solche Zeilen handschriftlich als Weihnachtskarte an die Mitglieder der Pfarrerinitiative geschickt. Wenn nicht, hat er ja in einem Jahr wieder Gelegenheit dazu.
PS: Da schwerwiegende Verbrechen gewöhnlich nicht unter die Weihnachtsamnestie fallen, bleibt es beim ceterum censeo:
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 27.12.2011)
Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996
Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der
Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit
2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die
kleinere Sünde" (Czernin-Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.