Kleines Weihnachts-Friedens-Rätsel

Wolfgang Bergmann, 27. Dezember 2011, 10:38
  • Artikelbild
    foto: apa/patrick pleul

    "Wir wollen alle dasselbe, und vielleicht braucht der Herr das auch, dass es dafür unterschiedliche Wege gibt, die doch alle in dem einen Weg sich bewegen, der er selber ist."

Weil wir doch gerade Weihnachten feiern und manche Poster darunter leiden, dass Churchwatch mit, wie sie meinen, zu spitzer Feder schreibt (manchen ist sie freilich immer noch zu stumpf), wird diesmal ein Zitat vorangestellt, das eine sehr friedlichen Haltung der gegenseitigen Wertschätzung ausdrückt:

"Wir wollen alle dasselbe, und vielleicht braucht der Herr das auch, dass es dafür unterschiedliche Wege gibt, die doch alle in dem einen Weg sich bewegen, der er selber ist."

Und dazu die Rätselfrage. Von wem stammt das einleitende Zitat?

a) Johannes XXIII.
b) Benedikt XVI.
c) Mutter Teresa
d) Christoph Schönborn
e) Helmut Schüller

(Anmerkung: Weil es eine katholisch-innerkirchliche Frage ist, stehen nur 20 Prozent Frauen zur Auswahl)

Richtig ist b wie Benedikt. (Wer hat es gleich erraten? Wer ist überrascht?) Das Zitat ist noch gar nicht alt. Der Satz fiel während der offiziellen Deutschlandreise des Papstes in einer kleinen Gelegenheitsansprache beim Mittagessen mit den Mitgliedern der deutschen Bischofskonferenz am 25. September.

Wer auf der Vatikan-Homepage die gesammelten Ansprachen liest, wird vergeblich nach diesem Zitat suchen. Wir verdanken die Überlieferung der Kirchenzeitung der Erzdiözese Freiburg. (Dabei dürfte es sich um keinen Irrtum handeln. Der Chefredakteur, der diesen Satz in einem Kommentar verarbeitete, ist noch im Amt.) 

Churchwatch wagt folgende weihnachtsfriedliche Exegese: Gerade abseits von Manuskripten, die vielfach diplomatisch behübscht und deren Positionen oft bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen werden (siehe das Papst-Orakel), geben solche spontanen Gelegenheiten einen ungeschminkten Einblick in das eigentliche Denken der Person. 

"Vielleicht braucht der Herr unterschiedliche Wege..." Das kann man auch so übersetzen: Vielleicht hält sich der liebe Gott bewusst mehrere Kirchen, ja mehrere Religionen und als Komplementärfarbe einen Schuss Agnostizismus dazu! Wurde diese Einschätzung deshalb in der Dokumentation gelöscht? Predigt der Papst deshalb so gebetsmühlenartig gegen den Relativismus, weil er Angst hat, sich selbst darin wiederzufinden? Ist der vielleicht gar nicht die Wurzel allen Übels, wie der Vatikan verbreitet, sondern die eigentliche Chance eines friedlichen Miteinanders?

Ein einfacher Lapsus, eine altersbedingte Fehlleistung gar, ist jedenfalls auszuschließen. Denn derselbe Gedanke ist auch durch den handschriftlichen Gruß belegt, den Weihbischof Helmut Krätzl in seinem jüngsten Buch dokumentiert. Krätzl war wegen seiner Konzilsinterpretationen zur Standpauke nach Rom zitiert worden. Danach schrieb ihm der gerne als "Panzerkardinal" bezeichnete Präfekt der Glaubenskongregation geradezu kuschelweich: "Auf unterschiedliche Weise versuchen wir doch das Gleiche zu tun: Dem Herrn in seiner Kirche zum Heil der Menschen zu dienen."

Da zwischen diesen beiden Zitaten immerhin acht Jahre liegen, scheint dem Papst die Frage, ob es doch mehrere legitime Wege zum Ziel gibt, stärker zu beschäftigen, als dies gewöhnlich aus seinen Aussagen herauszulesen ist, ja als er (sich) selbst zugibt.

Das nährt folgende waghalsige Phantasie: Vielleicht hat der Pontifex Maximus dieser Tage solche Zeilen handschriftlich als Weihnachtskarte an die Mitglieder der Pfarrerinitiative geschickt. Wenn nicht, hat er ja in einem Jahr wieder Gelegenheit dazu. 

PS: Da schwerwiegende Verbrechen gewöhnlich nicht unter die Weihnachtsamnestie fallen, bleibt es beim ceterum censeo:

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 27.12.2011)

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die kleinere Sünde" (Czernin-Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 32
1 2
CL
00
30.12.2011, 10:05

Regelmäßig beten sie in der RKK um die 2. Wiederkunft ihres Herrn Jesus Christus. Der soll nämlich das vollbringen, was sie selber nicht mehr können: Den Karren, den sie selbst dorthin manövriert haben und der tief im Morast steckt, wieder herauszuziehen.
In ihrer Messe beten sie: "Schaue nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche .."
Und wo soll er da hinschauen - da wird er kaum was finden, da ihr Glaube nicht einmal so klein wie ein Senfkorn ist.
Sollte ihr letzter Hoffnungsschimmer wirklich vor der Tür stehen, wird er ihnen elegant den gehobenen Mittelfinger präsentieren, sich umdrehen, ihnen den Rücken zuwenden (nach dem Motto: rutscht mir den Buckel hinunter) und etwas Neues gründen!
So einfach ist das!

CL
00
30.12.2011, 10:09
- ... er wird wahrscheinlich nur angewidert sein von dieser vielen Arroganz, Dekadenz und Bigotterie!

CL
00
30.12.2011, 10:07
Vergleiche:

Mt 17,20
Er antwortete: Weil euer Glaube so klein ist. Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.

Pia
03
29.12.2011, 10:20
"Ironie on" Im Endeffekt ist der Ratzinger ja ein armer Hund, weil er keine warme Brust-Milch zu bieten hat. "Ironie off"

Zu den Missbrauchsfällen in der RKK fallen mir nur mehr 2 Wörter ein:

Sodom & Gomorrha

(Da legst di' nieder!
Ratzinger ist diesbezüglich voll verantwortlich und voll schuldig, da er (als Präfekt der Glaubenskongregation) anno dazumal allen Priestern strengstes Stillschweigen auferlegt hat unter Drohung von massiven kirchenrechtlichen Konsequenzen bei Nichteinhaltung!)
Im herkömmlichen Strafrecht wäre dies ein erfüllter TATBESTAND.
Aber wir wissen ja alle: Der Papst ist ein ausländisches Staatsoberhaupt (Vatikan) und genießt daher immunität. Er kann also strafrechtlich nicht belangt werden.

So weit mein kurzes Statement! 2 x Bye ....)

apostata1
 
00
27.12.2011, 18:19
"Scheu dich nicht

mich anzugehen
meine wohnung ist nicht klein-
willst du aber draussen stehen,
auch dies draussen-es ist mein !"
(Werner Bergengruen)

black voice
00
27.12.2011, 17:27
an ihren taten sollt ihr sie erkennen

andalus
01
28.12.2011, 10:58

an Ihren "Früchten".

Taten und Früchte sind 2 paar verschiedene Schuhe.

Das eine ist kurzlebig
Das andere könnte(sollte) länger halten

Der lachende Mann
04
27.12.2011, 18:36
Heutzutage genügen Daten.

apostata1
 
11
27.12.2011, 13:08
worte sind geduldig

was ist nicht schon alles gesagt worden und es wurde dann nichts getan.
ausserdem ist es ausserordentlich unbedeutsam, was der papst zur kirche sagt. die revolution beginnt immer von unten (sh.nordafrika)!

der schwitzbär der schwitzt sehr
12
27.12.2011, 13:07
das ist schon ok

Schon Jesus Christus sagte sinngemäß

Lasset die, die sich abwandten von der Liebe
lasset die, die sich in einer Sackgasse fanden
lasset die, die scheiterten,
zu mir kommen, und ihre Sorgen auf mich laden.

Denn wisset, auch trotzige Kinder sind Kinder.

Um Kinder in den Arm zu nehmen bedarf es keinen Anlass.
Halte die linke Backe hin, so hilfst du ihnen bei der Bewältigung ihrer Verbitterung.
Halte die rechte Backe hin, so hilfst du ihnen bei der Bewältigung ihrer Einsamkeit.

Und so sie dich schlagen, wird es in ihrem Herzen wärmer.

Frohe Weihnachten!

Aung San Suu Tschi
 
03
27.12.2011, 12:38
Dieses Zitat ist doch nicht so übel

Dass es so gut wie zensiert wurde & dass der oberste Boss zensiert wurde, ist das journalistisch Interessante.

Aus dem Zitat selbst kann man eine immanente Gottesvorstellung herauslesen, also dass Gott bereits hier in der Welt, um und in uns ist.

Das ist weit weniger autoritätsgläubig, als die sonst propagierte transzendente Gottesvorstellung, also dass Gott woanders, oben und außerhalb ist, der uns Winzlinge "unten" womöglich bestraft und ab und zu belohnt oder zu Hilfe kommt.

Das Ganze ist im übrigen KEINE christliche (od. gar kath.) Frage, sondern die philosophisch-anthropologische Frage nach dem Göttlichen und seiner Erfindung/human-kulturellen Projektion stellt sich bei der Betrachtung/Analyse jeder Religion bzw. Gottesvorstellung.

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
10
27.12.2011, 12:04
Herr Bergmann, bei allem - berechtigtem - Zynismus:

Glauben Sie? Ich mein, an Christus, nicht an die röm. kathl Kirchenlehre, diese Frage scheint wohl beantwortet zu sein. Haben Sie jemals geglaubt? Das Faktum alleine, Theologe zu sein, sagt darüber sehr wenig aus. Würd mich wirklich interessieren.

Wolfgang Bergmann
02
27.12.2011, 15:49
Ihre Frage wirft eine Frage auf:

Was macht es für einen Unterschied? Ändert das etwas an den Beobachtungen und Argumenten? Churchwatch ist ja keine Bekenntniskolumne - sondern ein Kommentar, der versucht, die Institution an den eigenen Maßstäben zu messen.

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
00
27.12.2011, 19:24
Unterschied sehe ich keinen,

aber es würde Ihre Verbitterung erklären. Die kenne ich sonst nur von ehemaligen Christen. Im Übrigen habe ich nichts gegen churchwatch - außer dem Zynismus gegenüber der Kirche im Allgemeinen.

Wolfgang Bergmann
01
27.12.2011, 20:21
Bitte übertragen Sie nicht

den aufgezeigten Zynismus eines Systems auf den, der das aufzeigt. Aber natürlich: Überbringer einer schlechten Nachricht - immer eine schwierige Position...
Nehmen wir z.B. das ceterum censeo: wo sehen Sie Verbitterung, wo Zynismus?

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
00
27.12.2011, 21:13
Wieviele Fragen wollen Sie mir noch stellen,

bevor Sie mir meine einzige beantworten?

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
00
27.12.2011, 21:47

Im Grunde können Sie sich die Antwort ja sparen. Sie als kath. Theologe wissen, was es bedeutet, wenn jemand gefragt wird, ob er an Christus glaubt und diese Person dann nicht antwortet.

Wolfgang Bergmann
01
28.12.2011, 08:31
Nein, dazu reicht meine Ausbildung als Theologe nicht aus

Da müsste ich schon Inquisitor sein. Ich kann Ihnen nur empfehlen, Ihre Ferndiagnosen kritisch zu überdenken und lade ein, ad rem und nicht ad personam zu diskutieren.

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
00
28.12.2011, 16:37
Aber wenn es doch eine an Sie gerichtete Frage war..

Wie dem auch sei, ich bedank mich, Ihnen war indirekt ja doch noch eine Antwort zu entlocken :)

Wolfgang Bergmann
01
28.12.2011, 20:09
Ich nehme zur Kenntnis,

dass ich daran gescheitert bin, Ihnen zu verdeutlichen worum es geht, bzw nicht geht.

Piefke in Tirol
01
27.12.2011, 17:31
" sondern ein Kommentar, der versucht, die Institution an den eigenen Maßstäben zu messen."

Das sagt ausgerechnet der GF einer Zeitung, die wie keine andere, nicht der Blattlinie genehme Postings nicht veröffentlicht, obwohl immer die freie Meinungsäußerung betont wird (s. Plakatwand ). :-))

Wolfgang Bergmann
11
27.12.2011, 19:09
Kritik an den Postings

höre ich häufiger dazu, dass zu viele veröffentlicht werden - nicht zu wenige. Wenn Sie sich die Forenregeln anschauen, können Sie erkennen, warum manche nicht publiziert werden. Das hat nichts mit der Blattlinie zu tun, sondern mit zivilisiertem Umgang miteinander...

Piefke in Tirol
10
28.12.2011, 10:18
Und schon wird wieder nicht veröffentlicht! :-))

Piefke in Tirol
11
28.12.2011, 10:14
Dann würde ich Sie bitten, doch einmal alle meine nichts veröffentlichten Postings ins Netzt zu stellen und dann das Forum ob des zivilisierten Umgangs entscheiden zu lassen.

Wenn ich allein an die Postings denke, in denen der Papst verunglimpft wird, hat das wohl eher mit der Blattlinie als mit zivilisiertem Umgang zu tun. Diese Aussage war wohl ein Schuss ins eigene Knie. :-))

Aung San Suu Tschi
 
01
28.12.2011, 02:02
Heißt das, dass Sie mit der Zensur liebäugeln?

Ich finde es übrigens sehr komisch, wenn sich der Autor - statt Kritik tapfer zu ertragen oder sich still an Lob zu erfreuen - in die Posting-Gemeinde mischt und dann noch mitwörtelt.

Sauberer erschiene mir, wenn ein Autor, der so sehr an der Auseinandersetzung mit seinen LeserInnen interessiert ist (was ja schön ist), einen Round Table zu bestimmten Themen einberuft.

Das hat mit der hybriden Form des Online-Standard zu tun, ich weiß. Einige setzen dieses Medium mit einem Blog gleich (viele PosterInnen und Kommentatoren wie Hr. Rauscher und Sie) & andere (zu denen ich gehöre) hätten gerne ein österreichisches Pendant zur NZZ. Aber das wird schon aufgrund der Besitzverhältnisse & wegen des üblichen Standards (m)ein Traum bleiben.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 32
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.