Politische Bildung und die Blendgranaten der Mehrheitsgesellschaft
Die kürzlich veröffentlichte Studie zum Meinungs- und Wertebild der Wiener Jugend ist in der Tat erschütternd und für die türkische Community in Österreich mehr als besorgniserregend. In der Tat sind die Ergebnisse für Politik und Medien eine schallende Ohrfeige. Nicht etwa weil es derlei Gedanken in der Jugend gibt, sondern weil sich Politik und Medien jahrelang vor einer wirklichen Verantwortung allen (!) Menschen in Wien und Österreich gegenüber gedrückt haben und lieber auf billigen Stimmenfang gingen oder eben umstandslose Auflagensteigerung betrieben haben.
Neubildung der verspielten vertrauensbildenden Maßnahmen?
Denn das Ergebnis der Studie scheint in Zahlen zu bestätigen, welches Thema genau tatsächlich die TürkInnen in Österreich bislang dazu brachte sich emotional unwohl zu fühlen. Die Wahrnehmung des für "zuviel" empfunden werdens. Der Türke versuchte es jahrelang zu erklären, eine Studie hat es in Zahlen ausgedrückt.
Jugend in Schutz nehmen
Es gilt, im Zuge der Veröffentlichung dieser Studie eine Jugend in Schutz zu nehmen, die ja von Kindesbeinen an den "bösen Türken" als Feindbild einer ansonsten angeblich zivilisierten und friedvollen "österreichischen" Welt konstruiert und hingestellt bekommen hat: Der Türke wurde ja schuldig gemacht für alle Unannehmlichkeiten einer globalisierten und schnelllebigen Welt, da er sowohl für schlechte PISA-Ergebnisse verantwortlich sein soll, wie auch für allgemeine Kriminalität oder etwa erhöhte Rindfleischpreise im letzten Sommer. Der Türke ist stets der erste Tatverdächtige - nicht nur für Krone & Co.
Ergebnis: Antisemitismus und Turkophobie?
Nun durften wir lesen, was ein mögliches Gegengift für demokratiegefährdende Tendenzen in den Köpfen unserer Jugendlichen sein könnte: Ein paar extra Stunden politische Bildung (- also Zeitung lesen, oberflächliche Gespräche über Demokratie und gesellschaftlichen Frieden führen und Dokumentationen über die NS Vergangenheit der deutschsprachigen Länder ansehen). Das ist zu wenig, denn das kann auch nicht als Gegengift wirken, da es offensichtlich lediglich Symptome einer Krankheit erkennt, aber nicht die eigentliche Ursache. Antisemitismus und Turkophobie sind in erster Linie die traurigen Ergebnisse einer problematischen politischen wie auch medialen Kultur in diesem Land. Nur in dem Maße wie es alltäglich geworden ist, "den Türken" als Gegenentwurf zu allem Guten zu machen, konnte sich ein entsprechendes Bild in den Köpfen unserer Jugend bilden.
Zeit für Paradigmenwechsel
Auch wenn manche Politiker und Journalisten versucht sein werden, die Schuld wiederum zu „exportieren" und sie etwa bei türkischen "Banden" und gewalttätigen Erfahrungen der Jugend mit eben diesen in den Parks und Plätzen dieser Stadt zu lokalisieren, werden sie dennoch an der Lächerlichkeit dieser Konstruktion nicht herum kommen oder anders gesagt: So viele Parks und Plätze und böswillige Banden gibt es in dieser Stadt gar nicht, die ein solches Ergebnis auch nur ansatzweise erklären könnten.
Politische Bildung wird eine ehrliche Verantwortung der Schaltzentralen unserer Demokratie nicht ersetzen können, auch ist es eine zweifelhafte Bürde, die Politiker und Journalisten den LehrerInnen damit auf bürden. In erster Linie müssen sich die Medien und Parteien dieses Landes nun ernsthafte Gedanken machen, ob ihre Art und Weise mit Türkei-relevantem umzugehen, demokratie-tauglich und vor allem redlich ist.
Auch die Köpfe in den Amtsstuben und Redaktionen dieser Republik haben auch zu rauchen, es gibt keine Alternative zu einem regelrechten Paradigmenwechsel mehr. Insbesondere in Zeiten wirtschaftspolitischer Ungewissheit kann jeder Funken einen gesellschaftlichen Großbrand auslösen und dem ist zuvorzukommen; denn das ist die eigentliche Verantwortung unserer Medien und Parteien, also nicht nur Parteienfinanzierungen und Presseförderungen einzustreichen, sondern verantwortungsvoll und redlich der österreichischen Gesamtgesellschaft - in all ihren Facetten und ohne Ausschluss "der" Türken - zu dienen. (Leser-Kommentar, Ercan Karaduman, derStandard.at, 27.12.2011)
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Autor
Ercan Karaduman ist in Österreich geborener und aufgewachsener
Türke. Er ist Pressesprecher und analysiert als Experte für
Europäische Politik, politisch strategische Entscheidungsgrundlagen.