Ein Komponist, der in Gebärden denkt

Interview27. Dezember 2011, 14:55
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Warum es für Musiker Helmut Oehring langweilig ist, in seiner Muttersprache über Musik zu reden, und weshalb er sich als politischen Komponisten sieht

Weil seine Eltern gehörlos waren, lernte der deutsche Komponist Helmut Oehring erst mit vier Jahren zu sprechen. Anlässlich seines 50. Geburtstags veröffentlichte der Autodidakt seine Autobiographie "Mit anderen Augen". Der Musiker wollte aber kein Buch schreiben, das voller Anekdoten über den Alltag Gehörloser ist. Es sollte vielmehr beschreiben, wie er selbst Sprache wahrnimmt.

derStandard.at: "Am Anfang war die Gebärde" ist ein Satz in Ihrem Buch. Beim Komponieren haben sie auch immer wieder die Gebärde zuerst im Kopf. Wie darf man sich das vorstellen?

Helmut Oehring: Das ist genauso bei Menschen, die vom Laut-gesprochenen Wort kommen. Bevor man zum Beispiel etwas aufschreibt, findet meist ein innerer Monolog statt. Formulierungen werden im Sprachzentrum gedreht und gewendet. Ohne laut zu sprechen, ohne zu schreiben. Man imaginiert sozusagen die zu erreichende Wort-Gestalt. Das ist bei Gehörlosen oder Menschen, die mit Gebärdensprache aufgewachsen sind, genauso wie bei Menschen, die Lautsprache gelernt haben. Nur mit dem Unterschied, dass bei uns ein, zwei oder mehr Hände diesen inneren Monolog in Form von Gebärdensprache vollziehen. Ich stell mir ein Gedicht oder einen Klang vor und dies geschieht immer in Gebärdensprache.

derStandard.at: Sie schreiben, dass für Sie die deutsche Wiedervereinigung nach Bratsche geklungen hat. Die Stimme Ihres Vaters beschreiben Sie als "kaputte Bremsbeläge". Hören Sie immer Töne zu Ereignissen?

Oehring: Ja. Es ist so, dass es, passend für bestimmte Worte oder Satzverbindungen, Akkorde, Klänge oder Rhythmen gibt. Leicht variiert, immer gleichbleibend. Das ist ähnlich wie bei Menschen, die etwas riechen oder Worte sprechen und dann konkrete Farben sehen. Bei mir ist das so, dass dieser Vorgang eng miteinander verschaltet ist - ein unwillkürlicher Moment. Automatismus sozusagen.

derStandard.at: Passieren Ihnen Gebärden, wenn Sie gesprochene Sprache sprechen?

Oehring: Eher weniger. Lautsprache ist für mich eine Fremdsprache und es stellt sich keine direkte Verbindung zur Gebärde her. Ich gebärde fast immer, wenn ich Musik schreibe. Beziehungsweise im Prozess davor. Beim Sprechen nicht. Das ist für mich eine erlernte Zweitsprache, in der ich mich zwangsläufig bewegen muss. Oder lange dolmetschen musste, was ich gehasst habe. Beim Komponieren bin ich näher an meiner Muttersprache, als wenn ich eine Mail oder einen Brief schreibe.

derStandard.at: Im Kompositionszyklus "aus: KOMA" haben Sie laut Biographie den Zusammenbruch der DDR verarbeitet. Warum sind Ihnen politische Themen so wichtig?

Oehring: Im Moment schreibe ich an einer Oper über Wagner und Heine und die deutsch-französische Revolution. Zuvor habe ich einen Zyklus komponiert mit dem Thema GOYA - der Maler Goya, der einer der politischsten Künstler war. Obwohl er geachteter und geschützter Hofmaler war, ist er hinausgegangen und hat den spanischen Bürgerkrieg, der ja auch ein europäischer Krieg war gezeichnet. Er war vielleicht der erste Kriegsberichterstatter und hat sich damit viele Feinde in der Kirche und Politik gemacht. Heute gelten gerade eben diese Arbeiten als Weltkulturgut.

Ich möchte biographische Verläufe von Menschen und Gesellschaftsformationen wie ein Fotograf oder ein Filmemacher in Klängen erzählen. Mein aktuelles Werk handelt von Henrik Ibsen, dem norwegischen Nationaldichter. Der hat mal erwähnt, dass alle staatlichen Institutionen in die Luft gesprengt werden sollten. Diesen Kommentar setze ich im Hintergrund mit den Geschehnissen im Juni in Oslo in Zusammenhang und mit der Eroberung des Südpols durch Roald Amundsen, am Ende mit den letzten Worten Ibsens: "Im Gegenteil!" Dieses Auftragswerk wird im März in Bergen uraufgeführt.

derStandard.at: Bei der Aufführung in der Kölner Philharmonie von KOMA schreiben Sie, dass Sie nicht wollten, dass Ihre Mutter im Publikum sitzt. Warum?

Oehring: Es war ein unauflösbarer Albtraum. Ich habe meine Mama sehr lieb gehabt, sie ist in diesem Jahr gestorben, und ich bedaure nun zutiefst, dass sie nicht im Publikum gesessen ist. Jetzt erst wäre ich so weit, rational und auch emotional damit umzugehen, es zu erleben. Damals war ich es nicht und auch vor einem Jahr noch nicht. Es ist schwer zu beschreiben. Meine Mama hätte dann zwar alles sehen können, aber das Entscheidende, was ich da tue, wodurch und wovon ich lebe und atme, Klänge zu schreiben, durch Musik zu sprechen, davon würde sie getrennt bleiben. Das hätte ich nicht ausgehalten und sie vielleicht auch nicht ...

derStandard.at: Haben Sie jemals versucht, Ihren Eltern näherzubringen, was Sie machen?

Oehring: Das geht eigentlich gar nicht. In Gebärdensprache über Musik zu reden ist sehr langweilig. Das Gespräch ist schnell zu Ende. Es gibt so wenig Gebärden für Musik und die sind so uninteressant, dass man über Musik nichts weiter erzählen kann. Das ist, wie wenn man versucht, einem Blinden zu beschreiben, wie farbig und vielgestaltig der Sonnenuntergang aussieht. Das führt zu nichts. Weil man keine Referenz hat. Meine Eltern sind vor dem Spracherwerb ertaubt. Ich glaube, deshalb bin ich auch Musiker geworden. Weil es eine wundervolle Entsprechung zu meiner Muttersprache ist. Wie von der anderen Seite dieser Welt.

derStandard.at: War Musik eine Rebellion gegen die Welt der Gehörlosen?

Oehring: So würde ich es nicht bezeichnen. Ich würde es versuchen, positiv zu formulieren. Es war die Suche nach einem Ort in dieser Welt, wo ich einen Platz habe, der auch etwas mit mir zu tun hat. Musik verstehe ich als die gleiche Zwischenwelt wie die Welt der Gehörlosen. Wenn man Musik ganz wahrnimmt, hat sie eigentlich auch keinen richtigen Platz in der Welt. So wie die Gebärdensprache. Es ist beides ein Dazwischengefallensein.

derStandard.at: Sie haben mit 26 Jahren Ihr erstes Streichquartett komponiert, ohne zu wissen, wie man komponiert. Warum?

Oehring: Warum ich angefangen habe, zu komponieren, hing damit zusammen, dass ich eine Schallplatte klauen wollte. Dabei ging es mir nur um den Adrenalinkick. Auf der Platte waren dann aber keine coolen Songs, sondern Streichquartette von Bartok. Mich hat diese Art von Musik sofort berührt, das Vertrackte bei Bartok hat mich angesprochen. Da beschloss ich, noch am selben Tag ein Streichquartett zu komponieren. Ich besorgte mir Notenpapier und das Buch "ABC der Musik". Damit stand ich vor der ersten Hürde: Bass-, Bratsche- und Violinschlüssel. Ich musste erst verstehen, warum die gleichen Töne bei einem Schlüssel woanders stehen als bei einem anderen Schlüssel. Mit 25 Jahren hab ich das Stück angefangen und irgendwann war es dann fertig. Ich kannte aber niemanden, der es spielen konnte.

derStandard.at: Und dann sind Sie mit dem Stück zu einem Musikprofessor gegangen?

Oehring: Ja. Über das Gitarrespielen lernte ich einen Gitarristen und Komponisten kennen, Klaus Feldmann. Er studierte Komposition bei André Asriel, einem großen Meister. Dem hab ich meine Versuche gezeigt: das Streichquartett, Musik für Gitarrensolos und -duos und etwas für ein Streichorchester. Seine Meinung war mir wichtig. Wenn der gesagt hätte, machen sie was anderes und anständiges weiter, dann hätte ich vielleicht mit dem Komponieren aufgehört oder gar nicht weiter angefangen.

Nach dem zweiten Besuch sagte er mir, dass er zwar zu alt für meine Art der Musik sei, es aber interessant klinge. Dann wollte er wissen, zu welchem Komponisten ich gerne vermittelt werden würde. Ich nannte ihm meine beiden Helden, Georg Katzer und Friedrich Goldmann. Daraufhin schrieb André Asriel zwei Briefe und sie haben mich dann eingeladen. So wurde ich dann nach der Wende Meisterschüler an der Akademie der Künste und bin dann zum Mitglied ernannt worden.

derStandard.at: Ihr zweites Streichquartett war über ein achtjähriges Mädchen, das sich in Großbritannien selbst erhängte. Wieso hat Sie die Geschichte so sehr berührt, dass Sie daraus ein Stück machten?

Oehring: Sie brachte sich um, weil sie in der Schule so gemobbt wurde. Sie wollte nicht mehr in die Schule, hatte Angst und erhängte sich einige Tage nach Weihnachten. Abgesehen davon, dass es das Schlimmste für Eltern ist, dass sich ein Kind umbringt, ist es ebenso schlimm, dass Kinder vor irgendetwas Angst haben, sich niemandem anvertrauen können und sich dann das Leben nehmen. Das ist das Tragischste, was neben Kriegen und Hunger passieren kann. Dass eine Gesellschaft, ob sie ganz klein ist oder groß, nicht in der Lage ist, zu beschützen, dass soetwas nicht geschieht. Dass physisch oder psychisch schwache Menschen so sehr an den Rand gedrängt werden, dass sie sich nicht mehr zu helfen wissen und einfach gehen.

derStandard.at: Sie erwähnen im Buch, dass für Sie der Schulweg "wie zweimal am Tag sterben" war, weil sie ebenfalls gemobbt wurden. War so etwas Radikales jemals eine Option?

Oehring: Ja klar. Ich habe das aus Angst aber nicht gemacht. Etwa vom Balkon zu springen. Ich stand mehrmals mit einem Bein über der Brüstung. Die Not war manchmal sehr groß. Und da hat es nicht geholfen, dass meine Eltern nicht mit der Hauptwelt kommunizieren konnten und ich mit ihnen über die Probleme nicht reden konnte. Ich hatte in der Schule keinen Gesprächspartner und die Lehrer waren unfähig. Bis zu einem bestimmten Punkt. In der achten, neunten Klasse kippte das dann. Wir bekamen einen neuen Klassenlehrer in Deutsch und Sport. Das war einer meiner großen Retter. Ein Pädagoge mit großer, natürlicher Autorität im besten aller Sinne.

derStandard.at: Laut Ihrer Biographie richteten sich Ihre Aggressionen gegen die Probleme der Hauptwelt eine Zeit lang gegen Tiere. Sie schossen mit einem Luftdruckgewehr auf Tauben und später auch auf Menschen. Als die Kriminalpolizei deshalb bei Ihnen in der Schule war, "durften" Sie für Ihre Eltern übersetzen. Im Buch wird aber nicht verraten, was Sie in Gebärdensprache sagten.

Oehring: Das war eines der wenigen Male in meinem Leben, wo es von Vorteil war, dass meine Eltern nicht hören und sprechen konnten. Ich beschreibe nur die Gebärdensprache. Wenn man nachvollziehen kann, was ich gebärdet und in diesem Buch aufgeschrieben habe, dann weiß man auch, was ich meinen Eltern übersetze. Das ist ja der Witz dieser Stelle, dass ich die hörenden Leser außen vor lasse. Ich wollte die Leser in die Lage Gehörloser versetzen, die von der Hauptwelt täglich ausgegrenzt werden. Zum Beispiel, wenn am Bahnhof durchgesagt wird, dass sich der Bahnsteig ändert. Oder auf der Post oder dem Flughafen. Der Alltag Gehörloser ist oft noch immer ein Desaster.

derStandard.at: Sie schreiben am Ende des Buches, dass Ihre Muttersprache aussterben wird. Grund dafür wären auch die Cochlaer Implantate. Warum ist es für Sie der falsche Weg, dass man Gehörlose zu Hörenden machen will?

Oehring: Es ist schwierig zu sagen, ob der Weg falsch oder richtig ist. Es ist natürlich toll, wenn jedes Kind hören kann. Gerade ich als Komponist bin daran interessiert, dass jeder meine Musik hört. Andererseits geht hier vielleicht eine einzigartige Kultur verloren. Obwohl sich die Sprachwissenschaftler noch streiten, kann man sagen, dass Gebärdensprache eine der ältesten Sprachen dieser Welt ist.

Sie ist ganz eigen, weil sie eine Grammatik des Raumes bedient, weil sie den ganzen Körper als Sprache benutzt und weil sie im Moment wie keine andere Sprache wächst. Täglich kommen hundert neue Wörter hinzu. Sie ist so transparent, dramatisch, poetisch, dokumentarisch und einfach toll. Deshalb empfinde ich es als traurig, würde sie einmal aussterben. (Bianca Blei, derStandard.at, 28.12.2011)

Helmut Oehring wurde 1961 in Ostberlin geboren. Als Gitarrist und Komponist Autodidakt, war er zwischen 1992 und 1994 Meisterschüler von Georg Katzer an der Berliner Akademie der Künste, zu deren Mitglied er 2005 gewählt wurde. Er erhielt einige Auszeichnungen für seine kompositorischen Arbeiten, unter anderem den Hanns-Eisler-Preis des Deutschlandsenders Kultur, den Orpheus Kammeroper Preis Italien und den Arnold-Schönberg-Preis (2008).

Aktuell arbeitet er an "schienen wie Wellen die in lange Auge (Saf Haki/Worte in die Luft)" für Solostimme, Chor und Orchester, das beim Donaueschingen Festival 2012 uraufgeführt wird und "Vom Fliegenden Holländer", eine Oper nach Heinrich Heine und Richard Wagner, die am 9. März 2013 in Düsseldorf Premiere feiert.

  • Oehring: "Musik verstehe ich als die gleiche Zwischenwelt wie die Welt der Gehörlosen."
    foto: oellermann

    Oehring: "Musik verstehe ich als die gleiche Zwischenwelt wie die Welt der Gehörlosen."

  • Helmut Oehring: "Mit anderen Augen. Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten", btb-Verlag, 2011

    Helmut Oehring: "Mit anderen Augen. Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten", btb-Verlag, 2011

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