Verhakte Zehen

26. Dezember 2011, 19:20
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Teil zwei der Ausstellung "Der weibliche Blick", kuratiert von Timothy Persons von der Helsinki School

Wien - Eine Ausstellung über den weiblichen Blick zu machen ist mutig. Es provoziert Fragen, etwa jene danach, was der weibliche Blick denn eigentlich sei. Es ist dem Wiener Foto-Raum hoch anzurechnen, dass er nicht nur mutig und nun sogar mit einer Fortsetzung die Ausstellung Der weibliche Blick präsentiert, sondern auch noch mit einer Sicherheit über all diesen (In-)Fragestellungen steht. Zu keiner Erklärung, zu keinem Begleittext fühlt man sich in der großen, fast kühl anmutenden Halle in der Theresiengasse genötigt. Selbst die Titel der ausgestellten Werke sind diesen nicht beigestellt, sondern separaten Infozetteln zu entnehmen. Man agiert zu Recht mit dieser Sicherheit, denn die gut 30 ausgestellten Werke überzeugen für sich alleine.

Im ersten Teil von Der weibliche Blick waren eigens zusammengestellte Werke zu sehen, darunter von Marina Abramovic, Anna Jermolaewa, Eva Schlegel oder natürlich Valie Export. Für den zweiten Teil lud man die Aalto University School of Art and Design aus Helsinki ein, die unlängst in der Publikation A Female View gut 20 Schülerinnen mit ausgewählten Fotografien vorgestellt hat. In Wien kuratierte Timothy Persons von der Helsinki School daraus nun eine eigene Ausstellung.

Darunter ist die Serie Artists at Work (2009) der Finnin Elina Brotherus. Nackt posiert sie in einer unwirtlichen Halle für zwei Maler. Unter ihrem Fuß ein Selbstauslöser; sie fotografiert die Szene auch selbst wieder. Alle Beteiligten sind sowohl Objekte als auch schaffende Künstler-Subjekte. Der Betrachter fühlt sich zuerst an ein relativ klassisches Sujet erinnert, den männlichen Blick nämlich, der auf ein weibliches Motiv fällt. Doch er ist schnell gezwungen, weiterzudenken.

Subtil wie Brotherus reflektieren auch die anderen Künstlerinnen ihre Position in der Welt. Sanna Kannistos Werke, darunter Passiflora ambigua (2010), zeigen etwa Tiere und Pflanzen des Amazonas. Kannisto hat sich eine Art Forschungsstation im Regenwald eingerichtet. In ihrem Studio fotografiert sie ihre "Forschungsobjekte". Das Ergebnis ist zuerst einfach schön. Es ist aber auch klug, befragt es doch unsere Beziehung zu der Umgebung, in der wir leben.

Hintergründig und berührend die Serie Everything is fine No 1-3, Grandmother, Mother, Daughter (2005) der Schwedin Pernilla Zettermann. Wir sehen die Füße dreier Frauen, die jeweils auf einem Stuhl sitzen. Ihre Zehen sind verkrümmt und ineinander verhakt. Wir wissen, vielmehr, wir spüren, dass es diesen drei Frauen nicht gutgeht, dass sie Sorgen plagen oder Ängste. Und wissen zugleich, dass uns täglich solche Frauen gegenübersitzen und uns erzählen, dass es ihnen gut geht.

Manchmal, auch das wissen wir, sind wir selbst diese Menschen. Denn das zeigt diese Ausstellung: Fotos von Frauen zwar, aber das könnte Zufall sein. Am Ende sind es Bilder, die den Blick ihrer Betrachter verändern können. (Andrea Heinz  / DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2011)   

The Helsinki School Vol. 4: A Female View. Hatje Cantz Verlag 2011

Foto-Raum, Theresiengasse 25-27, 1180 Wien. Bis 5. Jänner

  • Aino Kannisto posiert nicht nur selbst auf ihren Fotos, sie schreibt für jedes ein eigenes Script: "Untitled (White Tub)", 2008.
    foto: kannisto

    Aino Kannisto posiert nicht nur selbst auf ihren Fotos, sie schreibt für jedes ein eigenes Script: "Untitled (White Tub)", 2008.

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