Hiebe auf den ersten Blick

26. Dezember 2011, 19:10
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Igudesman & Joo präsentieren im Wiener Konzerthaus zum Jahreswechsel ihre Show "The Ultimate New Year's Slide"

Wien - Sie sind eine Mischung aus Laurel & Hardy, Simon & Garfunkel und Pech & Schwefel. Wenn man den klassischen Konzertbetrieb, diese Mischung aus Hochamt und Hochleistungssport, als ein Gefängnis der Musikfreiheit empfindet, sind Aleksey Igudesman und Hyung-ki Joo die zwei Typen, die mit dem Bulldozer ihres Humors in die Gefängnismauern brettern und da mal ein wenig Licht und Luft reinlassen. Danke! Und jetzt nichts wie raus!

Seit sieben Jahren touren der in Russland geborene Geiger und der britische Pianist mit koreanischen Wurzeln mit ihrem Programm A Little Nightmare Music um den Globus, sie haben zusammen mit Kim Wilde, Robin Gibb und den Simple Minds in Stadien vor bis zu 18.000 Menschen gespielt, auf Youtube sind ihre Videos 25 Millionen Mal aufgerufen worden. Dirigent Bernhard Haitink hat sie zu seinem 80. Geburtstag eingeladen und vor Lachen fast keine Luft mehr bekommen.

Doch auch mit Geiger Gidon Kremer haben sie Shows entwickelt, wie auch mit der tollen Geigerin Viktoria Mullova ("Viktorias Secret"). Daneben arrangiert und komponiert Igudesman viel für den Oscar-Preisträger Hans Zimmer, Joo hat erfolgreich mit Billy Joel zusammengearbeitet.

Im Wiener Konzerthaus laden die zwei Klassik-Comedians zum Jahreswechsel erstmals zu The Ultimate New Year's Slide, einer Silvestershow mit dem Kontrabassisten Georg Breinschmid, dem Jazz-Trompeter Thomas Gansch, der Kabarettistin Nadja Maleh und den Langzeit-Freunden Julian Rachlin und Sir Roger Moore. Für den Unicef-Botschafter haben sie die Idee entwickelt, im Rahmen ihrer Show zum 50. Geburtstag von Unicef Austria einen Weltrekordversuch mit tanzenden Geigern zu unternehmen.

Kennengelernt haben sich die zwei fantastischen Musiker im Alter von zwölf Jahren auf der Yehudi Menuhin School in der Nähe von London. Es war Abneigung auf den ersten Blick. Igudesman, in glaubhafter Rage: "Ich habe ihn gehasst! Wir haben uns gehasst! Einmal mussten uns die Leute zurückhalten, damit wir uns nicht die Köpfe eingeschlagen - mit Stuhl und Notenständer." "Der Kampf war wirklich hart", attestiert Hyung-ki Joo dem Kollegen anerkennend Fighterqualitäten und lacht zum ersten Mal sein tiefes, sonores Staatsopernbassbaritonlachen. "Ein Wunder, dass ich noch Kinder haben kann!"

Und wie ist der Hass dann in Liebe umgeschlagen? "Irgendwann ist er auf mein Zimmer gekommen und hat Fish and Chips mitgebracht", erzählt Igudesman. "Zuerst habe ich mir gedacht: Was, der traut sich hierher? Aber das Essen im englischen Internat war sehr schlecht, und dann diese leckeren Fish & Chips ... Wir haben also gegessen und uns über Musik unterhalten, und ab dem Zeitpunkt waren wir unzertrennlich." Wie war die Atmosphäre an der Menuhin School? "Es gab da 47 Genies und mich", konstatiert Joo. (Igudesman schüttelt den Kopf.) "Da war ein Neunjähriger, der gerade eine Oper geschrieben hat! Mein Lehrer war extrem streng, ich habe in jeder zweiten Klavierstunde geheult. Ich war unbeliebt, es war die Hölle. Nach drei, vier Jahren haben die Mädchen angefangen, mich zu mögen. Ab da wurde alles leichter."

Wie sah die Hochbegabtenkindheit von Igudesman und Joo aus? Igudesman seufzt und macht traurige Kulleraugen: "Ich durfte nie ein Kind sein ... Aber jetzt darf ich es endlich!" Joo: "Ich war eine Mischung aus introvertiert und extrovertiert. Und nicht sehr beliebt." Tägliches Üben, eine Folter? "Üben ist eine der schädlichsten Sachen, die es gibt! ", echauffiert sich Igudesman. "Gefährlicher als der Tod, teilweise. Beim Üben sterben mehr Gehirnzellen ab als beim Rauchen!"

"Einige unserer Kollegen sind schon etwas mitgenommen dadurch", ergänzt Joo. "Fast schon gehirntot. Sie haben vergessen, dass es da draußen noch so etwas gibt wie Leben. Aber es gibt auch eine neue Generation von Musikern. Sie spielen klassische Musik auf höchstem Niveau, aber auch Rock, Jazz. Sie skaten. Sie sind DJs. Sie nehmen Musik ernst, möchten aber auch Spaß haben. The future looks bright!"  (Stefan Ender   / DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2011)

31. 12., Konzerthaus, 22.30

  • Zunächst war da "Hass", doch dann wurde es Liebe: die Klassik-Comedians Igudesman & Joo
    foto: standard / cremer

    Zunächst war da "Hass", doch dann wurde es Liebe: die Klassik-Comedians Igudesman & Joo

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